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Karlheinz Drechsel: Schlaumeier aus Leidenschaft

Er initiierte das Dresdner Dixieland-Festival und wusste nahezu alles über Jazz. Jetzt ist Karlheinz Drechsel gestorben. Ein Nachruf.

Karlheinz Drechsel in seinem Arbeitszimmer in Berlin. Der gebürtige Dresdner war als Moderator untrennbar mit dem Dixieland-Festival verbunden, hatte jedoch auch ein Faible für modernen Jazz. Jetzt ist er im Alter von 89 Jahren gestorben.
Karlheinz Drechsel in seinem Arbeitszimmer in Berlin. Der gebürtige Dresdner war als Moderator untrennbar mit dem Dixieland-Festival verbunden, hatte jedoch auch ein Faible für modernen Jazz. Jetzt ist er im Alter von 89 Jahren gestorben. © Andreas Weihs

Normalerweise verfasst man, am besten ganz ohne abzuschreiben, zuvor eine wissenschaftlich fundierte Arbeit. Oder man hat Glück respektive Großes geleistet und bekommt von einer Universität den Titel einfach verpasst. In beiden Fällen darf man sich anschließend Doktor nennen. Möglicherweise nur ein einziges Mal weltweit wurde jedoch ein Detail-König, ein eloquenter Wissensvermittler, ein Schlaumeier aus Leidenschaft von seinen begeisterten Fans graduiert.

So, wie es nur einen Rudi Völler gibt, gibt es auch nur einen Doktor Jazz – und das ist, das bleibt Karlheinz Drechsel. Allerdings teilt er jetzt seinen Anekdotenschatz nicht länger mit staunenden Zuhörern: Drechsel, der am 14. November 90 Jahre alt geworden wäre, ist am Montag in Berlin gestorben.

Das Dresdner Dixieland-Festival würde es wahrscheinlich ohne den gebürtigen Dresdner nicht geben, wenn doch, hätte es weniger schnell Fahrt aufgenommen und mit Sicherheit in Sachen Moderation weniger beeindrucken können. So erklärte jetzt auch das Festival-Team: „Wir verneigen uns vor einem wichtigen Erbauer des Dixieland-Festivals.“ Sprecher Hendrik Meyer: „Karlheinz Drechsel hat wie kaum ein anderer unser Festival über fast fünf Jahrzehnte geprägt. Interessant, spannend und mit einem schier unendlichen Wissen konnte er nahezu alles, was den Oldtime-Jazz auf der Welt betraf, in seine Berufung als Moderator und Autor einfließen lassen.“

1999, Berlin: Karlheinz Drechsel im Studio des SFB.
1999, Berlin: Karlheinz Drechsel im Studio des SFB. © dpa

Auch Klaus-Georg Eulitz von der Blue Wonder Jazzband, die Drechsel einst zum Ehrenmitglied machte, bewundert „sein fast lexikalisches Wissen zum Jazz“ und nennt ihn den besten Jazzsprecher Deutschlands. „Nicht zuletzt hat er uns auf manchen Titel aufmerksam gemacht, den wir jetzt in unserem Repertoire haben – zum Beispiel auf solche von Bing Crosby mit seinen Rhythm Boys“, so Eulitz.

Doch Drechsel war mitnichten nur im Bilde, wenn es um Dixieland- und verwandte Klänge ging, er hatte für fast alles ein offenes Ohr und zugleich das Bedürfnis, Musik, die es ihm wert war, zu durchdringen, noch wichtiger: zu vermitteln. Das tat er als Moderator bei zig Konzerten auf nahezu allen Bühnen der DDR, er warb zudem für seine Entdeckungen bereits seit 1959 in seinem wöchentlichen „Jazz Panorama“, einer Radiosendung, die bis 1991 durchlief.

Langer Brief von Louis Armstrong

Zum Jazz war der Doktor, der große Theoretiker, ganz profan als Praktiker gekommen. Nach dem Krieg spielte Drechsel, der damals schon ein paar Hundert Schellackplatten besaß, in verschiedenen Dresdner Swingbands. Ab 1956 war er Schlagzeuger der Elb Meadow Ramblers, die er 1958 verließ, um sich ganz seiner Radioregiearbeit in Berlin und zugleich mehr dem Reden über Jazz zu widmen. Als „Conferencier für Jazz auf dem Fachgebiet Vortragskünstler“ – so stand es in seinem Berufsausweis – begleitete er außerdem Weltstars auf ihren Reisen durch die DDR, 1965 etwa Louis Armstrong auf dessen erster Tournee in den Ostblock.

Drechsel stellte bei diesen Shows nicht nur Armstrong, sondern alle Mitglieder der Band vor. Mit Folgen: Ein Jahr später schrieb ihm Armstrong einen zehnseitigen Brief, lobte ihn über den grünen Klee. Vor allem, weil Drechsel nicht, wie es bei allen anderen Konzerten weltweit passierte, lediglich den Star präsentiert habe, sondern auch dessen Musiker. Und auf diese war Armstrong ausgesprochen stolz. Mangels Reiseerlaubnis musste Drechsel jedoch die Einladung des Amerikaners, ihn in den USA zu besuchen, ablehnen.

Erst Jahrzehnte später durfte der inzwischen diplomierte Kulturwissenschaftler nach Übersee fliegen. Zumindest in der Musikszene des Landes war er da längst heimisch geworden.

Karlheinz Drechsel mit dem Bandleader und Trompeter Dizzy Gillespie am Rande des Berliner Jazzbühne-Konzertes im Mai 1981.
Karlheinz Drechsel mit dem Bandleader und Trompeter Dizzy Gillespie am Rande des Berliner Jazzbühne-Konzertes im Mai 1981. © privat

Mehrere Tausend Platten umfasste seine Sammlung schließlich, von Blues bis Free Jazz war alles darunter. Der Mitbegründer des Dresdner Dixieland-Festivals war deutlich flexibler als seine hiesigen Mitstreiter. So gehörte er 1977 zu den Initiatoren der auf zeitgenössischen Jazz orientierten Berliner „Jazzbühne“-Konzerte.

Drechsel hatte sowohl Vergangenheit als auch Zukunft des Genres im Blick. „Er war einer, wenn nicht der Grundsteinleger für die vielfältige Jazz-Landschaft in Dresden“, sagt Steffen Wilde, Chef des Jazzclubs Tonne. „Dieser große Auskenner hat die Tonne einmal als seine Heimat für viele Jahre bezeichnet.“ Die Tonne revanchierte sich, indem sie Drechsel 2017 zum Ehrenmitglied ernannte, zur Nummer zwei nach Schlagzeug-Legende Günter Baby Sommer. Steffen Wilde: „Drechsel war sichtlich bewegt, gesundheitlich nicht mehr ganz so fit, aber er erzählte sofort aus dem Hut spannende Jazz-Geschichten.“

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Der finale Höhepunkt vieler Konzerte, die Karlheinz Drechsel moderierte, war sein Solo als Sänger. Mit „When you’re smiling“ schickte er das Publikum nach Hause. Eine klare Aufforderung, den Kopf nicht hängen zu lassen. „Wenn du lachst, geht die Sonne auf“, heißt es in diesem Jazzschlager. Bei aller Schlichtheit nicht die schlechteste Botschaft, mit der man in Erinnerung bleiben kann.

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