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Was Archäologen im Zwingerhof entdeckt haben

Mehrere Köpfe, ein früherer Garten und ein beschrifteter Findling: Bei den Grabungen im Dresdner Zwingerhof kommen einige Überraschungen zutage.

Vorsichtig arbeitet Archäologe Hartmut Olbrich mit seiner Spachtel an diesem Sandsteingewölbe. Überraschend waren bei den Grabungen im Zwingerhof diese Wände eines alten Kellers unter der früheren Zwingergrotte entdeckt worden.
Vorsichtig arbeitet Archäologe Hartmut Olbrich mit seiner Spachtel an diesem Sandsteingewölbe. Überraschend waren bei den Grabungen im Zwingerhof diese Wände eines alten Kellers unter der früheren Zwingergrotte entdeckt worden. © Sven Ellger

Dresden. Bauzäune prägen derzeit das Bild im Zwingerhof in Dresden. Der Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB) will ihn bis Ende 2023 sanieren. Das wird schrittweise in jeweils einem Viertel des Hofs geschehen. Doch bevor die Bauleute anrücken, untersuchen Archäologen den Untergrund.

Damit hatte Hartmut Olbrich mit seinem Grabungsteam vom Landesamt für Archäologie Mitte Februar vor der Bogengalerie J mit dem Porzellanpavillon begonnen. Der 60-Jährige ist promovierter Bauforscher, Architekt und Archäologe und erkundet schon seit über 20 Jahren den weltberühmten Barockbau.

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Mit dem Bagger wird die Oberfläche des Zwingerhofs vor dem Porzellanpavillon freigelegt. Vor der Sanierung untersuchen Fachleute des Landesamtes für Archäologie den Untergrund auf Spuren der Vergangenheit.
Mit dem Bagger wird die Oberfläche des Zwingerhofs vor dem Porzellanpavillon freigelegt. Vor der Sanierung untersuchen Fachleute des Landesamtes für Archäologie den Untergrund auf Spuren der Vergangenheit. © SZ/Peter Hilbert

Der Untergrund wird auf drei Ebenen freigelegt. In der ersten geht es bis in eine Tiefe von 70 Zentimetern, erklärt Olbrich, in der zweiten bis 1,5 und in einer dritten bis zu zwei Meter tief.

Einheimischer Sandstein aus der Sächsischen Schweiz war schon früher das dominierende Baumaterial im Zwinger. Das zeigen auch diese freigelegten Mauern vor der Porzellansammlung.
Einheimischer Sandstein aus der Sächsischen Schweiz war schon früher das dominierende Baumaterial im Zwinger. Das zeigen auch diese freigelegten Mauern vor der Porzellansammlung. © SZ/Peter Hilbert

Die alten Fassadensteine: Kopf von Dämon gefunden

Gleich unter der Erde haben Olbrichs Leute eine sogenannte Drainage-Schicht mit vielen Sandsteinen freigelegt, die Oberflächenwasser ableiten soll. Sie stammt aus den 1920er- und 30er-Jahren, als unter Zwingerbaumeister Hubert Ermisch der Zwinger und sein Hof saniert wurden.

Die Arbeiten hatten 1924 begonnen und wurden 1936 abgeschlossen. Dabei waren Steine der Fassaden ausgebaut und durch neue ersetzt worden, erläutert der Archäologe. Die alten Steine verschwanden dann für die Drainage unter der Hofoberfläche.

Dieser Kopf eines Satyrs wurde jetzt gefunden. Das war ein Damön aus der griechischen Mythologie.
Dieser Kopf eines Satyrs wurde jetzt gefunden. Das war ein Damön aus der griechischen Mythologie. © Sven Ellger

„Wir haben dort aber auch Skulpturenteile und Köpfe gefunden“, sagt Olbrich. Den ersten Kopf gleich zum Auftakt, den zweiten am vergangenen Donnerstag. Der stammt von der Skulptur eines Satyrs. Dabei handelt es sich um einen Dämon aus der griechischen Mythologie, der im Gefolge des Weingotts Dionysos unterwegs war. Entdeckt wurden zudem unter anderem Teile alter Balustraden, die auf den Dächern der Zwingergalerien gestanden hatten und erneuert worden waren.

Archäologe und Bauforscher Olbrich vor zahlreichen Fundstücken, die im Untergrund entdeckt wurden.
Archäologe und Bauforscher Olbrich vor zahlreichen Fundstücken, die im Untergrund entdeckt wurden. © Sven Ellger

Die Bepflanzung: Reste von 300 Jahre alten Pflanzgruben

Freigelegt wurden jetzt auch Reste des alten Zwingergartens, der nicht lange existierte. Ab 1709 hatte August der Starke für seine Orangerie den Zwinger im Bereich der Festungsanlagen bauen lassen. Zwischen 1709 und 1718 hatte Hofbaumeister Matthäus Daniel Pöppelmann im Hof den Zwingergarten angelegt und dann zweimal umgestalten lassen. „Allerdings war dieser vor der Hochzeit von Kurfürst Friedrich August im September 1719 zum Festplatz für höfische Turniere und Veranstaltungen umgestaltet worden“, erklärt Olbrich. Bis zur Jahrhunderthochzeit wurden zudem die Gebäude des Zwingers weitgehend fertiggestellt. Bäume und Sträucher seien damals in den Herzogin Garten gebracht worden, da sie im Wege waren.

Freigelegt wurden auch über 300 Jahre alte Reste des einstigen Zwingergartens. Sichtbar ist das unter anderem an diesem dunklen Streifen im Vordergrund, der einst bepflanzt war.
Freigelegt wurden auch über 300 Jahre alte Reste des einstigen Zwingergartens. Sichtbar ist das unter anderem an diesem dunklen Streifen im Vordergrund, der einst bepflanzt war. © Sven Ellger

Jetzt ist parallel zum Hauptweg vom Glockenspielpavillon ein schwarzer Streifen zu sehen. „Dort haben wir auch Pflanzgruben freigelegt“, sagt Olbrich. Damals hatten im Hof unter anderem hohe Taxus- und Buchsbäume gestanden, die an hölzernen Pfählen festgebunden waren.

Der Findling: Aufschrift muss entschlüsselt werden

Die Archäologen haben auch einen Findling entdeckt, der unter der Erde eingraben wurde. „Ich könnte mir vorstellen, dass dies unter Hubert Ermisch in den 1920er-Jahren geschehen ist“, erklärt der Archäologe. Die Buchstaben werden jetzt abgezeichnet. Dann soll versucht werden, den Inhalt zu entschlüsseln. „Wenn uns das nicht gelingt, werden wir einen Experten suchen, der uns weiterhilft.“

Diese Inschriften sind auf einem Findling, der im Zwingerhof freigelegt wurde. Allerdings muss der Inhalt noch entschlüsselt werden.
Diese Inschriften sind auf einem Findling, der im Zwingerhof freigelegt wurde. Allerdings muss der Inhalt noch entschlüsselt werden. © Sven Ellger

Das alte Reithaus: Teile von Fundament entdeckt

In größerer Tiefe ist Olbrichs Grabungsteam auf Fundamentteile des alten Reithauses gestoßen. Das war einer der Festbauten, der 1618 am Gelände Richtung Schloss errichtet wurde. In der Halle mit Tribünen waren bei Veranstaltungen des Hofs unter anderem Reitturniere, Formationsritte und Trabvorführungen zu sehen.

1672 wurde das alte Reithaus jedoch abgerissen, da das Dach nicht sonderlich stabil war. Die zwei Meter starken Sandstein-Fundamente waren hingegen sehr stabil. Davon konnte sich der Archäologe jetzt überzeugen. 1672 bis 1678 wurden ein zweites, stabileres Reithaus und auch ein Schießhaus für Festschießen gebaut.

Im Vordergrund sind Teile des Fundaments des alten Reithauses zu sehen.
Im Vordergrund sind Teile des Fundaments des alten Reithauses zu sehen. © Sven Ellger

Die alte Zwingergrotte: 2,5 Meter starke Mauer freigelegt

Freigelegt wurden dort auch Teile der alten Zwingergrotte aus den 1670er-Jahren, die auf der Fläche des abgebrochenen alten Reithauses errichtet wurde. Sie stand jedoch nicht lange. Nachdem der neue Grottensaal im Pavillon am Zwingerwall ab 1710 gebaut und bis 1716 noch ausgestaltet war, riss man die alte Zwingergrotte ab.

Ihre etwa 2,5 Meter starke Mauer wurde bei den jetzigen Grabungen im Untergrund freigelegt. Sie steht wiederum auf Teilen der massiven Festungsmauern aus den 1540er-Jahren. Die Archäologen entdeckten auch kunstvoll gestaltete Steine, die früher offenbar die alte Zwingergrotte verziert hatten.

So dick sind die Mauern der abgerissenen alten Zwingergrotte, die noch im Untergrund stehen.
So dick sind die Mauern der abgerissenen alten Zwingergrotte, die noch im Untergrund stehen. © Sven Ellger

Die Überraschung: Keller unter alter Zwingergrotte

Die Archäologen hatten bereits 2013 und 2014 Vorarbeit geleistet und vier Flächen im Zwingerhof untersucht. Dabei war auch Bodenradar eingesetzt worden, sodass sie bereits eine Vorstellung hatten, was sie im Untergrund erwartet. Eine Überraschung erlebte Olbrich jetzt dennoch. Unter der Zwingergrotte gab es einen Keller. „Damit hatten wir überhaupt nicht gerechnet“, sagt er.

Das ist das Gewölbe eines Kellers, der überraschend gefunden wurde.
Das ist das Gewölbe eines Kellers, der überraschend gefunden wurde. © Sven Ellger

Davon wurden jetzt gut erhaltene Teile der Mauern und des Sandsteingewölbes freigelegt. Zudem zeigt der Bauhistoriker noch große Stufen, die in den Keller hinab führten. Aufgegeben wurde der Keller mit dem Zwingerbau unter Matthäus Daniel Pöppelmann. So führt heute mitten hindurch die Terrassenmauer vor der Bogengalerie der Porzellanausstellung.

Diese großen Stufen haben in den Keller hinab geführt.
Diese großen Stufen haben in den Keller hinab geführt. © Sven Ellger

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Für Olbrich und sein Grabungsteam bleibt es spannend. Er rechnet damit, dass sie für die Erkundung des Untergrunds in diesem Hofviertel vor der Porzellansammlung noch bis Mai oder Juni brauchen. Dann ist der Weg geebnet, dass dieser Abschnitt vom SIB saniert werden kann. Olbrich und seine Leute werden dann das nächste Viertel des Zwingerhofs vor dem Mathematisch-Physikalischen Salon freilegen. Sie sind gespannt, was sie dort finden.

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