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Dresden, du bist anders

Gerhart Baum wurde in Dresden geboren und war Innenminister unter Kanzler Helmut Schmidt. Im hohen Alter denkt er neu über seine alte Heimat nach.

Gerhart Baum in seiner Kölner Wohnung. Der FDP-Politiker war von 1978 bis 1982 Bundesinnenminister.
Gerhart Baum in seiner Kölner Wohnung. Der FDP-Politiker war von 1978 bis 1982 Bundesinnenminister. © Amac Garbe

Dresden, meine Heimatstadt. In den letzten Jahren bin ich ihr wieder nähergekommen. Das Langzeitgedächtnis wird ja aktiver im Alter. Das Kurzzeitgedächtnis wird offenbar vom Alter nicht mehr viel gebraucht. Goethe spricht als 80-Jähriger von der nur noch „vorschwebenden Zeit“. In dieser Phase befinde ich mich. Ich besinne mich meiner sächsischen Wurzeln und merke, dass ich viele Eigenschaften der Sachsen habe. Eine gewisse Lockerheit, Lässigkeit und die Bereitschaft, die Menschen so zu nehmen, wie sie sind, und eine Offenheit für den Kompromiss. Eigenschaften, die dem Berliner fremd, dem Rheinländer aber nahe sind. Deshalb konnte ich mich hier in Köln seit 1950 gut einleben. Übrigens wurde ich in den Stasi-Unterlagen unter dem Namen „Wurzel“ geführt.

Die Wurzeln in Sachsen sind mir noch lebendig: der Stammsitz meiner Familie in Plauen im Vogtland. Erst eine Schmiede, dann ein Fuhrgeschäft, dann eine Spedition und die Fabrikation Plauener Spitzen. Vier Brüder, die sich von dort auf den Lebensweg gemacht haben. Einer übernahm die Plauener Firma, ein anderer wurde Tierarzt, später Gründer der Tiermedizinischen Fakultät und Rektor der Universität Leipzig, ein weiterer Fabrikant von Plauener Spitzen. Und schließlich mein Großvater: Anwalt und Rechtsprofessor in Dresden, Rechtsberater des letzten Königs.

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Die Schwarz-Weiß-Foto zeigt ihn als Kind in Dresden, wo er 1932 geboren wurde.
Die Schwarz-Weiß-Foto zeigt ihn als Kind in Dresden, wo er 1932 geboren wurde. © Repro: Amac Garbe

Meine Großmutter stammte aus Auerbach im Vogtland. Ich sehe sie noch vor mir in ihrer Wohnung in der Liebigstraße. Sonntags gab es vogtländische Klöße. Ihr Brot tunkte sie in den Kaffee. Blaues Meissner Porzellan überall in der Wohnung. Das Jugendstilhaus auf den Plauener Höhen, das mein Großvater bauen ließ, mit Blick auf die Stadt, das kann man heute noch bewundern. Die Brüder wurden in der sogenannten Gründerzeit Ende des 19. Jahrhunderts wohlhabend. Sie bauten ein großes Geschäftshaus in der Prager Straße. In diese Familie heiratete meine Mutter, Tochter russischer Emigranten, die 1917 aus Moskau vertrieben wurden.

Erinnerungen an den Großvater väterlicherseits: Auf dem alten Plauenschen Friedhof in Dresden gibt es noch sein Grab. 1915 wurde Hauptmann Baum kurz nach Kriegsausbruch bei Ypern getötet. Auf dem Grab hat sich eine große Buche entwickelt, und dieser Baum schützt nun das Grab von Großvater Baum. Er steht unter Naturschutz. Auch mein Vater wurde Opfer des zweiten Krieges. Irgendwo an einer Bahnstrecke während eines Transports haben ihn, den Gefreiten Baum, seine Kameraden beerdigt. Wir kennen sein Grab nicht.

Meine ersten Erinnerungen in Dresden beziehen sich auf unsere große, repräsentative Wohnung in der Hübnerstraße 20. 1932 wurde ich in Dresden-Neustadt in der Privatklinik Carolinenstraße 1 geboren. Ich erinnere mich an den Münchner Platz und an den dortigen Spielplatz, den es heute noch gibt. Ich erinnere mich an die Kanzlei meines Vater am Altmarkt 6. Oft erwarteten meine Mutter und ich meinen Vater nach Dienstschluss im alten Hotel Bellevue am Elbufer, damals etwas flussabwärts neben dem Italienischen Dörfchen. Meine Eltern waren nach einigen Fehlgeburten sehr stolz auf ihren „Stammhalter“. Ich wurde fein ausstaffiert.

Das Flair der Kunststadt aufgesogen

Heute sehe ich mich auf Fotos an der Hand meiner Mutter in Bad Elster oder als Zweijährigen am Strand von Heringsdorf. Unvergesslich auch die Mozartserenaden an warmen Sommerabenden im Zwinger. Erste Opernerlebnisse in der Semperoper: „Freischütz“, „Hänsel und Gretel“. Wenn ich heute bei der Verleihung des Friedenspreises einmal im Jahr auf dieser Bühne stehe und rede, denke ich daran. Das Flair der Kunststadt Dresden hatte ich bereits als Kind aufgesogen. Hauskonzerte auf dem Weißen Hirsch, Atelierbesuche bei befreundeten Künstlern.

An die Nazizeit erinnere ich mich. Volksschule in Dresden-Plauen: Ich habe noch ein Notizheft, in das ich den Lebenslauf von Hitler schreiben musste. Disziplinierung mit Rohrstock auf die Finger. Vitzthumsches Gymnasium, altsprachig. Einführung in Homer gleich in der Sexta. Dienst als Mitglied des Jungvolks. Die Uniform hatte ich noch im Gepäck auf der Flucht nach der Feuernacht nach Bayern. Am Wochenende fuhren wir zu „Geländespielen“ nach Klotzsche. Militärischer Drill. Gemeinsames Absingen von völkischen Liedern.

Nach dem leider gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 Großkundgebung auf den Elbwiesen, Hauptredner Gauleiter Mutschmann. Kurz vor Kriegsende Musterung zum Volkssturm. Die Nazis wollten mit uns Halbwüchsigen den Krieg noch gewinnen. Ein altes Ehepaar mit Judenstern auf einer Parkbank ist mir noch in Erinnerung und die Diskussionen darüber, warum plötzlich so viele jüdische Wohnungen frei wurden. Es wurde geraunt, dass Schlimmes mit ihnen passieren würde.

Leichenberge überall

Und dann der 13. Februar 1945, der alles veränderte. Das war eine tiefe Zäsur in meinem Leben. Welche Zerstörung! Das soziale Umfeld nicht mehr vorhanden. Freunde, Mitschüler und Lehrer zum Teil tot. Leichenberge überall in der Stadt. Vor dem Büro meines Vaters auf dem Altmarkt wurden sie verbrannt. Wir waren bis dahin relativ gut davongekommen und hatten mit all dem nicht mehr gerechnet. Meine Mutter fasste sofort den Entschluss, dem Einmarsch der Russen zu entfliehen.

Heute nehme ich jährlich an diesem Erinnern teil, das ja auch mein Leben betrifft. Aber dieses Erinnern grenzt manchmal an Wehleidigkeit und führt dazu, gewollt oder nicht, die eigene Täterrolle zu relativieren. 40.000 Menschen sind durch deutsche Bombenangriffe in London ums Leben gekommen, sagte mir der Herzog von Kent, einer unserer Dresdner Friedenspreisträger. Gorbatschow, unser erster Preisträger, wies mich auf die zerstörten russischen Städte hin und auf die Zerstörung von Warschau. Nein, da gibt es nichts zu relativieren. Die Deutschen haben ihr Land einer Verbrecherbande ausgeliefert, die einen Weltenbrand entfesselte.

Mein Leben nach der Flucht hatte zunächst wenig mit meiner Heimatstadt zu tun. Ich war ab und zu dort zu Besuch, so 1972 zum Fußballspiel Dynamo Dresden gegen Bayern München. Ich glaube, ich war der einzige unserer Delegation mit Genscher und Mischnick an der Spitze, der für Dynamo Partei ergriffen hatte. Auch als Bundesinnenminister habe ich Dresden mal besucht, ganz privat. Die Stasi-Akten, in die ich später Einblick hatte, ersetzen ein Fotoalbum.

Die Nazizeit wurde in der DDR verdrängt

Intensiver wurden die Beziehungen zum Ende der DDR, als mein Freund Burkhard Hirsch und ich Kontakte zur Bürgerbewegung aufgenommen hatten. Mit Frau Hamm-Brücher, deren Familie in Dresden unter den Naziverbrechen schwer gelitten hatte, habe ich einmal Bischof Hempel besucht. Es waren die Bürgerrechtler der evangelischen Kirche, zu denen sich in Berlin, Leipzig und vor allem auch in Dresden die Kontakte intensivierten.

Heute diskutieren wir über die Gefahren, die in Dresden der Demokratie von denen drohen, die unser freiheitliches System bekämpfen und gerade in Dresden eine unheilvolle intellektuelle öffentliche Unterstützung erfahren. Ich weiß: Dresden ist anders, Dresden muss anders sein. Daran müssen wir arbeiten. Wo liegen die Wurzeln? In der DDR wurde die Nazizeit verdrängt. In der Bundesrepublik kam unter anderem mit dem von Fritz Bauer vorangetriebenen Auschwitz-Prozess 1963 vor allem auch mit der Studentenbewegung 1968 ein Prozess der Erinnerung in Gang, der bis heute andauert und unserer Demokratie guttut.

Diese zum Teil stürmischen und hochkontroversen Diskussionsprozesse gab es in der DDR nicht. Ehemalige NS-Täter wurden unter Druck von Erpressung zu willfährigen Werkzeugen des Regimes. Die Studie des Berliner Historikers Harry Waibel aus dem Jahre 2017 mit dem Titel „Die braune Saat. Antisemitismus und Neonazismus in der DDR“ mit Informationen aus dem Quellenmaterial der Stasi, offenbart, was wirklich geschah: neonazistische Vorfälle, Rassismus, Straftaten antisemitischer Natur, Schändungen jüdischer Friedhöfe, Morde – und das alles in 400 Städten und Gemeinden. Immer wieder!

Diese Instrumentalisierung von Angst

Was ist heute in der früheren DDR anders? Joachim Gauck weist mit Recht darauf hin, dass es nur Teile der Bevölkerung sind, die traumatische Erfahrungen gemacht haben. Der strukturkonservative Teil der Bevölkerung ist eher von Ängsten geleitet. Das führt zu Realitätsverlusten und zu einer Furcht vor Veränderungen, vor dem Fortschritt schlechthin, ein Nährboden für die Rattenfänger von rechts. Die Ängste werden missbraucht und instrumentalisiert.

Und was ist in Dresden spezifisch an dieser Entwicklung? Durs Grünbein, ein Dresdner, beschreibt ein Dresdner Wir-Gefühl. Ich zitiere aus seinem Buch „Aus der Traum“. So wird gedacht: „Wir sind hier die Dummen, die Abgehängten. Erst wird uns der König genommen, dann kommt Hitler, erklärt die Stadt zur Perle, und zum Schluss alles verloren … und wieder diktiert Berlin die Regeln von Ulbricht und Honecker bis zur Kanzlerin Merkel“. Er spricht von der „Süßen Krankheit Dresden“ und wendet sich bei aller Kritik aber auch gegen ungerechtfertigte Rufschädigung. Aber der Ruf der Stadt ist beschädigt. Und es ist ein besonderer Umstand, dass ein Kreis von Intellektuellen und auch der prominente Schriftsteller Uwe Tellkamp diese aufgestaute Frustration intellektuell unterfüttern – diese Panikmache, diese Instrumentalisierung von Angst, diese völkisch aufgeladene Fremdenfeindlichkeit.

Es gibt in alledem etwas Dresden-Spezifisches. Da kommt mir zum Beispiel die Stimmung zu Weihnachten in Erinnerung, auf dem Striezelmarkt, damals noch im Stallhof. Diese besondere Innerlichkeit zur Weihnachtszeit ist bemerkenswert. Aber sie trägt eine Gefahr in sich: dass man sich auf sich selbst zurückzieht – nicht nur zu Weihnachten. Da wird ein Heimatgefühl zelebriert, das sehr leicht der Versuchung unterliegt, sich der Welt zu verschließen.

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