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"Es gibt keinen Grund, unsere Hochhäuser abzureißen"

Kaum einer besitzt so viele Hochhäuser in Dresden wie die Wohnungsgenossenschaft Johannstadt. Laut Hochhausleitbild stören einige davon aber gewaltig.

Die Vorstände der Wohnungsgenossenschaft Johannstadt Alrik Mutze (li.) und Thomas Dittrich vor den 15-Geschossern auf der Pfeifferhansstraße.
Die Vorstände der Wohnungsgenossenschaft Johannstadt Alrik Mutze (li.) und Thomas Dittrich vor den 15-Geschossern auf der Pfeifferhansstraße. © Sven Ellger

Dresden. Die meisten von ihnen stehen seit rund 50 Jahren nahe dem Johannstädter Elbufer. Sie haben zehn, elf oder sogar 15 Geschosse, aus denen sich zum Teil spektakuläre Ausblicke auf die Dresdner Innenstadt oder den Elbhang bieten.

Doch die Hochhäuser stören auch: den Blick vom bestimmten Punkten aus auf die Silhouette der Stadt. Zum Beispiel stehen sie frontal vor dieser Kulisse, wenn man von der Bergstation der Loschwitzer Schwebebahn blickt.

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Die Autoren des neuen Dresdner Hochhausleitbildes, das 2019/20 erarbeitet wurde, schlagen deshalb vor, diese Hochhäuser perspektivisch abzureißen oder zu verkleinern.

Allerdings ist dies lediglich eine Empfehlung für den Zeitpunkt, wenn ohnehin etwas an der Bausubstanz gemacht werden muss. Leitbild-Autor Christian Blum gab den Rat, dies in einem Prozess mit der Bürgerschaft vor Ort anzugehen. "Wir Stadtplaner wägen nicht ab, was wichtiger ist, die Wohnungen dort oder der störungsfreie Blick."

Doch wie reagiert der Eigentümer der Hochhäuser auf diese Empfehlung? "Vollkommen gelassen", sagen Alrik Mutze und Thomas Dittrich, die beiden Vorstände der Wohnungsgenossenschaft Johannstadt.

In welchem Zustand sind die Johannstädter Hochhäuser?

"Unsere Genossenschaft hat viele Hochhäuser in Dresden", sagt Alrik Mutze. Das sind neben den vier in Johannstadt-Süd weitere neun in Johannstadt-Nord und drei in der Inneren Neustadt. Die meisten davon sind lange Blöcke, rechnet man die Eingänge zusammen, dann sind es rund 50.

Sie alle sind in den 1970er-Jahren gebaut worden. "Die Problematik, dass minderwertiges Material zur Betonherstellung in den Plattenwerken verwendet wurde, gab es damals noch nicht in dem Umfang", sagt Thomas Dittrich. Das sei erst in den 80er Jahren immer schlimmer geworden.

"Und wir haben seit der Wende fortwährend in die Hochhäuser investiert. Sie sind saniert, mit neuen Versorgungsleitungen ausgestattet, teilweise barrierefrei ausgebaut und mit modernen Aufzügen ausgestattet", sagt Mutze.

20 bis 30 Euro investiert die WGJ jedes Jahr pro Quadratmeter Wohnfläche in die Instandsetzung. "Aus unserer Sicht gibt es überhaupt keinen Grund, unsere Hochhäuser zu verändern oder gar abzureißen."

Wie gefragt sind die Wohnungen darin?

Sehr. Die Genossenschaft verzeichnet lediglich 0,9 Prozent Leerstand und der betrifft fast ausschließlich Wohnungen, die gerade instandgesetzt werden.

"Die Nachfrage in den Hochhäusern kommt aus vielen Bevölkerungsschichten. Vor allem aber sind es junge Leute, die gerade die erste Wohnung suchen, aber auch Ältere", erklärt Vorstand Mutze.

"Was dort fast vollständig fehlt, ist die gutsituierte Familie mit Kindern. Aber das liegt daran, dass wir einen Mangel an Vier-Raum-Wohnungen haben. "

Welche Perspektive haben die hohen Gebäude?

Zur Haltbarkeit von Plattenbauten gäbe es keine verlässlichen Aussagen und damit auch nicht zur Lebensdauer. "Natürlich wird immer wieder mal das Wort Betonkrebs in den Ring geworfen, aber wir können so etwas an unseren Häusern nicht feststellen", sagt Alrik Mutze.

Die Substanz sei überhaupt nicht gefährdet und die Effizienz der Wohnungen sowohl für Mieter als auch Vermieter gut. "Wir rechnen frühestens in 30 Jahren damit, dass wir über die Erhaltung der Gebäude sprechen müssen."

Apropos Sprechen. "Bisher haben wir vom Hochhausleitbild nur aus der Dresdner Presse erfahren. Die Stadt ist nicht auf uns zugekommen, um über die Zukunft der Hochhäuser an der Florian-Geyer-Straße oder an der Pfeifferhansstraße zu sprechen", sagt Mutze. Insofern habe dieses Thema für die WGJ überhaupt keine Relevanz.

Auch der Block an der Florian-Geyer-Straße gehört zur WGJ.
Auch der Block an der Florian-Geyer-Straße gehört zur WGJ. © Sven Ellger

Was sind die Inhalte des Leitbildes?

Die Stadt hat das Hochhausleitbild in Auftrag gegeben, um bei Neubauanfragen klar sagen zu können, wo man sich weitere Hochhäuser vorstellen kann und wo sie stören würden.

Die Schweizer Christian Blum, Stadtplaner, und Christoph Schläppi, Architekturhistoriker, haben dafür seit Mai 2019 sämtliche Gebäude in Dresden erfasst, die höher als 30 Meter sind, und wichtige Sichtachsen analysiert.

Daraus haben sich drei Gebiete herauskristallisiert, in denen weitere Hochhäuser entstehen können. Neben dem Areal um den Hauptbahnhof sind das Bereiche zwischen Nossener Brücke und Freiberger Straße sowie in Dobritz und Niedersedlitz.

Im innerstädtischen Raum empfehlen die beiden Leitbild-Autoren, die Hochhäuser an Grunaer Straße und Stübelallee bei Sanierungen zu erneuern sowie neue dazwischenzusetzen. Dagegen sollten die Hochhäuser in der Johannstadt perspektivisch durch niedrigere Wohngebäude ersetzt werden.

Geplant war, das Leitbild im März 2020 fertigzustellen und es nach der Sommerpause im Stadtrat zu diskutieren. Doch Corona hat dieses Projekt stark verzögert. Es ist erst im August des Vorjahres endgültig fertig geworden und jetzt erarbeitet das Stadtplanungsamt eine Vorlage für den Stadtrat.

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"Ich denke, dass die frühestens im Mai von Stadträten beschlossen werden kann", sagt Stefan Szuggat, der Leiter des Stadtplanungsamtes. Dann werde man den Leitfaden aber auch sehr schnell digital öffentlich zur Verfügung stellen und in der Verwaltung nach ihm arbeiten.

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