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Sterbehilfe ohne Absprache?

Vor elf Jahren starb ein Patient nach einer Operation – heute steht der damalige Oberarzt vor dem Landgericht Dresden.

Markus B. (l.) soll als Oberarzt einen Patienten getötet haben, sein Verteidiger Rolf Franek nennt die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft "absurd". Der Prozess hat jetzt am Landgericht Dresden begonnen, elf Jahre nach der vermeintlichen Tat.
Markus B. (l.) soll als Oberarzt einen Patienten getötet haben, sein Verteidiger Rolf Franek nennt die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft "absurd". Der Prozess hat jetzt am Landgericht Dresden begonnen, elf Jahre nach der vermeintlichen Tat. © SZ/Alexander Schneider

Dresden. Ein Todesfall im Klinikum Pirna zu Ostern 2010 steht im Mittelpunkt eines Prozesses, der am Dienstag vor dem Schwurgericht des Landgerichts Dresden begonnen hat. Ein betagter Krebspatient war zwei Tage nach einem schweren Eingriff, bei dem ihm unter anderem Teile des Darms und der Blase entfernt worden waren, noch auf der Intensivstation gestorben.

Angeklagt ist nun der damalige Oberarzt der Intensivstation, Markus B. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 54-jährigen Facharzt für Anästhesie Totschlag vor. Als sich am Vormittag des zweiten Tages nach der Tumor-Operation der Zustand des 78-jährigen Patienten verschlechterte, soll der Angeklagte ohne sich mit anderen Kollegen abzustimmen und ohne die Ursachen für die Verschlechterung abzuklären dazu entschieden haben, in eine sogenannte palliative Form der Behandlung überzugehen. Er habe dem Mann Morphin verabreicht woraufhin der Patient noch an jenem Ostersonnabend um 13.15 Uhr verstorben sei.

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Markus B. machte zunächst keine Angaben zu den Vorwürfen. Er wurde nach diesem Vorfall außerordentlich gekündigt, sei aufgrund der nervlichen Belastung bis Ende 2011 arbeitsunfähig gewesen und ist seit 2012 selbstständiger Notarzt in Dresden. Verteidiger Rolf Franek sagte in einer Erklärung, der Krebspatient habe lebensverlängernde Maßnahmen abgelehnt.

Es sei völlig absurd anzunehmen, sein Mandant sei ein Arzt, der „für sich in Anspruch nehme, über Leben und Tod der ihm anvertrauten Patienten in eigener Machtvollkommenheit im Alleingang“ zu bestimmen. Dies zeige schon, dass B. 2015 von seinen Kollegen zum Mitglied der Kammerversammlung der sächsischen Landesärztekammer gewählt worden sei.

Die Anzeige ging nicht vom Klinikum Pirna aus, sondern von einem Richter des Dresdner Arbeitsgerichts, wo B. gegen seine Kündigung geklagt hatte. Während das Dresdner Gericht keine Pflichtverletzung des Arztes festgestellt hatte, scheiterte er jedoch in den nächsten beiden Instanzen am Landes- und am Bundesarbeitsgericht. Die Schwurgerichts-Anklage der Staatsanwaltschaft Dresden ist von Februar 2014. Aufgrund der Überlastung des Gerichts finde die Hauptverhandlung erst jetzt statt, wie ein Gerichtssprecher mitteilte.

Wenig objektive Beweise

Am ersten Sitzungstag vernahm das Gericht die damalige wie heutige Geschäftsführerin der Klinik, den damaligen Chefarzt und einen Krankenpfleger. Oberstaatsanwalt Jan Hille reagierte irritiert, als zur Sprache kam, dass B.s mögliches Fehlverhalten nicht sofort zu einer Strafanzeige geführt hatte.

Das führte dazu, dass der Leichnam des Patienten nicht rechtsmedizinisch untersucht wurde. Auch die Dokumentation in der Patientenakte nannte der frühere Chefarzt „leider sehr lückenhaft“. Die Ursache dafür sei unklar, könne jedoch auch an der gerade an den Feiertagen auf ein Minimum reduzierten personellen Besetzung gelegen haben, so der 69-Jährige.

Der Krankenpfleger widersprach sich in manchen Punkten. So sagte er, es sei nicht ungewöhnlich gewesen, dass Patienten Morphin erhielten. Der Patient habe nicht sterben sollen, das sei nicht die Absicht gewesen. Vielmehr hätten seine Unruhe und die Atemnot den Grund dafür dargestellt. Vor dem Arbeitsgericht habe der 56-Jährige ausgesagt, eine Morphinabgabe sei kein normaler Vorgang gewesen, hielt Hille dem Zeugen nun vor.

Das Gericht hat vorerst vier Verhandlungstage bis Mitte April eingeplant.

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