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Wer ist der "AKXBoy"?

Nach einem Kampf mit harten Bandagen folgt im ersten Dresdner Krypto-Prozess ein versöhnliches Plädoyer. Doch Fragen bleiben offen.

Am Dienstag endet der Prozess gegen David R. Das Verfahren des 31-jährigen Dresdners ist das erste am Landgericht Dresden, in dem es um sogenannte EncroChat-Daten geht, in Frankreich ausgespähte Kommunikation.
Am Dienstag endet der Prozess gegen David R. Das Verfahren des 31-jährigen Dresdners ist das erste am Landgericht Dresden, in dem es um sogenannte EncroChat-Daten geht, in Frankreich ausgespähte Kommunikation. © Arvid Müller

Dresden. Im ersten Dresdner EncroChat-Prozess soll am kommenden Dienstag das Urteil gesprochen werden. Es geht grob um den Handel mit bis zu 750 Gramm Crystal und 50 Gramm Kokain im April und Mai vergangenen Jahres. Die illegalen Rauschgift-Geschäfte waren über ausgespähte Chats aufgeflogen, die über besonders geschützte Handys geführt worden waren.

Das Unternehmen EncroChat, Anbieter der entsprechenden Mobilfunkplattform und -technik hatte sich ihre Dienstleistung gut bezahlen lassen. Rund 3.000 Euro soll die Miete der Geräte pro Jahr gekostet haben. Aufgrund der besonderen Sicherungsvorkehrungen war der Dienst nach Angaben der Staatsanwaltschaft gerade in kriminellen Kreisen weltweit stark verbreitet.

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Auch der Dresdner Fitnesstrainer David R. hatte so ein Krypto-Handy, über das er seine Geschäfte abwickelte. Da er, wie auch viele andere, recht offen kommuniziert hatte, war es für die Ermittler ein Leichtes, ihn trotz seines Chatnamens "SecretaryBoy" zu identifizieren. Er hatte offen seine Wohnadresse genannt, in den Chats Fotos aus seiner Wohnung verschickt und auch ein Bild seines Wanzenortungsgeräts. Auch habe er sein Geburtsdatum genannt und von einem Wasserschaden geschrieben, der ebenfalls durch die Polizei dem Angeklagten zugeordnet werden konnte.

Im Februar wurde R. verhaftet, seit Juli steht er vor dem Landgericht Dresden. Er ist dort der erste EncroChat-Angeklagte. Nachdem Verteidiger Michael Sturm zunächst versucht hatte, die Verwertung der in Frankreich erhobenen Kommunikationsdaten anzugreifen, gab er schließlich auf, weil inzwischen alle deutschen Land- und Oberlandesgerichte keine rechtlichen Probleme in der Verwendung der Daten sehen (die SZ berichtete).

Überraschendes Geständnis

Am Dienstag legte R. daher ein überraschendes Geständnis ab und gab alle Vorwürfe zu. Er habe das Crystal für 30 Euro pro Gramm ge- und meist für 37 Euro verkauft. Sein Motiv sei Geldverdienen gewesen, um sich als Fitness- und Personaltrainer eine Existenz aufzubauen. Er sei früher selbst süchtig gewesen, seit 2015 jedoch clean. Zu seinen Geschäftspartnern jedoch schwieg der 31-Jährige. Offenbar kam das Geständnis des 31-Jährigen für Gericht und Staatsanwaltschaft so überraschend, dass sie die Gelegenheit nicht nutzten, den Angeklagten wenigstens zu Hintergründen rund um die Krypto-Handys zu befragen.

Laut Anklage hat R. die Drogen mehrfach von einem Täter namens "AKXBoy" bestellt und bezogen. Dahinter vermutet die Staatsanwaltschaft den 26-jährigen Iraker Mustafa K., der zum Umfeld der sogenannten KMN-Gang, eine bekannte Rapper-Gruppe, zählt. K. sitzt bereits seit Januar in U-Haft, sein Prozess begann Anfang August. Angaben machte er bislang nicht, sein Verteidiger Carsten Brunzel hat Zweifel an der Rechtmäßigkeit der in Frankreich abgesaugten Daten.

Bislang ist nicht klar, ob sein Mandant tatsächlich R.s Chatpartner "AKXBoy" ist. Bei der Drogenbeschaffung durch K. fällt in der Anklage mehrfach der Name Ammar R., ein 28-jähriger Deutsch-Iraker und jüngerer Bruder des KMN-Rappers "Nash", alias Ali R. Der 28-Jährige verbüßt derzeit eine frühere Haftstrafe und soll ebenfalls im ganz großen Stil mit Crystal gedealt haben, was über die EncroChat-Ermittlungen bekannt wurde.

KMN-Gang und Hell’s Angels

Nachdem die Staatsanwaltschaft für David R. schon am Dienstag vier Jahre Haft gefordert hatte, plädierte Verteidiger Sturm nun am Donnerstag. Weil auch das Gericht sehr deutlich gemacht habe, dass es nach seiner Rechtsauffassung keine Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Beweise habe, gehe es nur noch um das Strafmaß, so Sturm. Er setzte sich daher nicht mit dem Lauschangriff auseinander, sondern appellierte an die Richter, das Geständnis seines Mandanten ernst zu nehmen. David R. habe für sich allein gehandelt und sei nicht in kriminelle Strukturen verstrickt. Sturm: "Dafür gibt es keine Anhaltspunkte." In den Parallelverfahren von K. und R. wird neben dem Umfeld der KMN-Gang die Rocker-Gruppe Hell’s Angels genannt.

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Der Anwalt forderte eine Freiheitsstrafe von nur drei Jahren und kündigte an, die Verwertbarkeit der Daten nicht weiter anzufechten – weder vor dem Bundesgerichtshof, noch vor dem Europäischen Gerichtshof oder dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Dem schloss sich David R. an. Er sagte mehrfach, dass er die Taten bereue: "Ich würde das nicht noch einmal machen."

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