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Lehrreicher Lauschangriff

Von Anatomie bis Zöliakie müssen Pflegefachkräfte fit für ihre Patienten sein. Dabei hilft ihnen jetzt der Podcast dreier junger Pfleger aus Dresden.

Katja Metz mit ihren podcastbegeisterten Kollegen Lorenz Nitsche (l.) und Riccardo Maywald. Sie bringen neuen Schwung in die Ausbildung junger Fachkräfte.
Katja Metz mit ihren podcastbegeisterten Kollegen Lorenz Nitsche (l.) und Riccardo Maywald. Sie bringen neuen Schwung in die Ausbildung junger Fachkräfte. © Städtisches Klinikum / PR

Dresden. Verrückt, wie schnell die Wäsche auf der Leine hängt, die Kartoffeln geschält und die Fenster geputzt sind. Und was Katja Metz währenddessen alles gelernt hat! Zum Beispiel, mit welcher Geschwindigkeit etwas vom Himmel fällt, was Gentherapie bedeutet und was es mit dem sogenannten Schachtürken auf sich hat. In nur zehn Minuten macht sich die 42-Jährige schlau - per Podcast, den mehr oder weniger langen Hörspielen, die zuhauf im Internet zu finden sind.

Katja Metz erfährt, was in der Welt los ist und was die Hintergründe dafür sind, sie gruselt sich vergnüglich bei Kriminalsendungen oder lacht schallend über die Satiriker, deren Humor sie liebt. "Ich bin podcastsüchtig", sagt die Pflegefachfrau. Doch es genügt ihr nicht, die kleinen Inputgeber zu genießen oder sich mit Familie, Freunden und Kollegen darüber auszutauschen.

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Nach 15 Jahren im Job, gab sie vor sieben Jahren ihre Anstellung als Steuerfachgehilfin auf, um sich einen Traum zu erfüllen. "Schon als Mädchen wollte ich Krankenschwester werden. Aber irgendwie habe ich mich damals überreden lassen, eine ganz andere Ausbildung zu wählen", erzählt sie. Die Bewunderung für die verpasste Aufgabe und die Sehnsucht danach verschwanden nie. Wenn nicht jetzt, wann dann, fragte sie sich eines Tages und krempelte ihr Leben um. 

"Die Azubis müssen unheimlich viel lernen"

Zunächst probierte sich Katja in einem Praktikum aus. Die Erfahrung brachte genau das, was sie erwartet hatte: riesige Begeisterung für den Beruf. So bewarb sie sich um einen Ausbildungsplatz und absolvierte bis 2016 ihre dreijährige Ausbildung am Städtischen Klinikum Dresden. Erst nannte sie sich Gesundheits- und Krankenpflegerin, heute, nach der jüngsten Ausbildungsreform, lautet die Berufsbezeichnung Pflegefachfrau. Vieles hat sich geändert, eines ist geblieben: "Die Azubis müssen unheimlich viel lernen!"

Das hat Katja nicht nur in Erinnerung, das merkt sie in ihrer täglichen Arbeit als Praxisanleiterin in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Standort Friedrichstadt. Dort absolvieren die jungen Leute einen Teil ihrer praktischen Ausbildung und haben erfahrungsgemäß regelrecht Angst davor. Dieser Bereich der Medizin erscheint den meisten Azubis schwer fassbar. "Da werden Dinge herum erzählt, die angeblich auf solchen Stationen passieren. Mit der Realität hat das nicht viel zu tun", kann Katja versichern.

Als Lehrende in der Praxis tut sie alles, um ihre Lehrlinge bestmöglich auf die Prüfungen und die spätere Arbeit vorzubereiten. Warum nicht mal ganz anders? "Ein Podcast wäre doch die optimale Möglichkeit, angehenden Pflegefachkräften auf einem völlig neuen Kanal Wissen zu vermitteln", dachte sie sich. Und zwar nicht nur Themen aus der Psychiatrie, sondern aus dem gesamten Lehrplan.

Eine Idee, die nicht nur die Chefs begeistert

In Lorenz Nitsche hat sie auf ihrer Station nicht nur einen tollen Kollegen, sondern einen ähnlich begeisterten Podcastkonsumenten, der ihre Leidenschaft voll und ganz teilt - für die Arbeit als Pfleger genau wie für das Lernen mit den Ohren. Auch er kam erst auf dem zweiten Ausbildungsweg in die Pflege. In Görlitz hatte er Übersetzen studiert, Tschechisch und Englisch. "Meine Schwester ist Bereichsleiterin in einem Seniorenheim , dort habe ich immer mal ausgeholfen", erzählt der 29-Jährige. Schließlich entschied er sich für die Ausbildung.

So sind die Sendungen des Podcast-Trios leicht zu finden.
So sind die Sendungen des Podcast-Trios leicht zu finden. © Städtisches Klinikum Dresden / PR

Stiehl Wissen mit den Augen, das ist ein alter Rat fast jeden Ausbilders. Er gilt ungebrochen. Doch auch das Hören befördert Kenntnisse geradewegs ins Gehirn. So war der Entschluss rasch gefasst: Wir produzieren einen Podcast für Pflege-Azubis!

Mit ihrem dritten Kollegen, Riccardo Maywald, im Bunde legten sie los - voller Enthusiasmus und unterstützt von Katjas Mann, der beim Rundfunk arbeitet und Technik wie Erfahrung beisteuert. Angelehnt ans Curriculum bestimmten die drei alle relevanten Themen, erarbeiteten ein Konzept, schrieben die ersten Skripte für spätere Sendungen und stellten ihre Pläne der Klinikleitung und der Leitung der Medizinischen Berufsfachschule vor. 

Mit ihrer Idee haben Katja, Lorenz und Riccardo ins Schwarze getroffen. Inzwischen sind ein Trailer zur regelmäßigen Begrüßung der Hörer und die ersten Sendungen produziert. Wie funktioniert die Atmung des Menschen, welche Organe sind daran beteiligt, welche Muster lassen sich in dieser lebensnotwendigen Funktion erkennen, um all diese Fragen geht es zum Beispiel in der zuletzt veröffentlichten. 

Themen wie Grundpflege, die verschiedenen Pflegemodelle, Vitalkontrolle, Rechtsgrundlagen, Anatomie, Medikamentierung, Notfälle und Krankheitsbilder sind Kapitel, denen sich die Podcastmacher widmen. Zehn bis zwanzig Minuten dauert eine Sendung "Audio Nursing", untermalt mit Musik, gestaltet mit verschiedenen Stimmen und Effekten, die auch schwere Kost leichter verdaulich machen sollen. 

Ihre Bereitschaft, den Podcast inhaltlich füllen und weiterentwickeln zu helfen, bekunden neben den Direktorien auch viele Fachleute ihres Klinikums. Künftig sollen Spezialisten der verschiedenen Fachgebiete zu Wort kommen, ebenso wie Auszubildende selbst. Das wird das Hör-Lehr-Buch noch abwechslungsreicher und unterhaltsamer gestalten und das vermittelte Wissen immer stärker an die Praxis koppeln. 

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Auch die drei Gründer dürfte es ein wenig entlasten. Ein Podcast ist mit viel Zeitaufwand verbunden. Allein ein Skript für eine Sendung zu schreiben, dauert zwischen vier und sechs Stunden. Das leisten Katja, Lorenz und Riccardo momentan ehrenamtlich. Ihre Patienten stehen an erster Stelle, das betont das Trio einhellig. Doch fitter Nachwuchs in Kliniken und Altenheimen nützt letztlich allen - am meisten denen, die Pflege brauchen.

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