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Dresdens verschwundener Tunnel

In Rekordzeit war der Fußgängertunnel am Pirnaischen Platz in Dresden entstanden. Warum er wieder verschwand.

Rolf Hille (l.) und Rudolf Kusche vor dem Pirnaischen Platz. Unter Federführung des einstigen Oberbauleiters und des Chefplaners war der Fußgängertunnel entstanden, der 1971 übergeben wurde.
Rolf Hille (l.) und Rudolf Kusche vor dem Pirnaischen Platz. Unter Federführung des einstigen Oberbauleiters und des Chefplaners war der Fußgängertunnel entstanden, der 1971 übergeben wurde. © Christian Juppe

Dresden. Rudolf Kusche und Rolf Hille stehen vor dem Pirnaischen Platz. Autokolonnen rollen darüber, auch Fußgänger überqueren über der Erde Dresdens zentrale Kreuzung.

Früher war das völlig anders. Denn da ging es eine Etage darunter in einem Fußgänger-Tunnel hindurch. Den hatte der heute 84-jährige Kusche als junger Bauingenieur geplant und den Bau überwacht, während der heute 79-jährige Hille als Oberbauleiter die Arbeiten geführt hatte. Doch mit dem Tunnel war es vor zehn Jahren endgültig vorbei. 

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Früher prägte der Tunnel neben modernen Hochhäusern das Bild am Pirnaischen Platz.
Früher prägte der Tunnel neben modernen Hochhäusern das Bild am Pirnaischen Platz. © Archiv: P. Zimmermann

Sein Ende kommt schrittweise. Der Auftakt ist ein Brand, den Jugendliche am 13. September 2006 legen. Danach muss die Hauptröhre gesperrt werden. Als die Stadt danach den Umbau des Platzes plant, ist klar, dass der Tunnel verschwindet. 

Einerseits hält sie die Kosten einer Instandsetzung für zu hoch. Zum Anderen entspricht eine derartige Querung nach Ansicht der Stadt nicht mehr modernen Anforderungen.

Im Sommer 2010 ist der Pirnaische Platz eine Großbaustelle. Der Tunnel wird verfüllt. In dem Zuge wird die komplette Kreuzung umgebaut.
Im Sommer 2010 ist der Pirnaische Platz eine Großbaustelle. Der Tunnel wird verfüllt. In dem Zuge wird die komplette Kreuzung umgebaut. © Archiv: SZ/Tobias Wolf

Im Sommer 2010 wird der Tunnel segmentweise mit rund 6.000 Kubikmetern Leichtbeton verfüllt. Am 4. August 2010 entlädt das letzte Transportbetonfahrzeug seine Ladung. Damit ist von der Hauptröhre, den beiden Nebenröhren und der Betriebsstation nichts mehr zu sehen, wird der Pirnaische Platz bis 2011 weiter ausgebaut.

Ein Blick in den Tunnel Ende Juni 2010. Das Innere der Röhren wird so vorbereitet, dass es verfüllt werden kann. Dabei werden auch alte Leitungen und Kabel entfernt. Foto: Tobias Wolf
Ein Blick in den Tunnel Ende Juni 2010. Das Innere der Röhren wird so vorbereitet, dass es verfüllt werden kann. Dabei werden auch alte Leitungen und Kabel entfernt. Foto: Tobias Wolf © Archiv: SZ/Tobias Wolf

„Das war großer Irrsinn, den Tunnel zu verfüllen“, sagt Ex-Oberbauleiter Hille. „Egal, ob ich mich mit Privatleuten oder Fachleuten unterhalte, alle schütteln nur den Kopf über die Stadt.“ Der sei der Tunnel schon immer ein Dorn im Auge gewesen, pflichtet ihm Ex-Planer Kusche bei. „Der Brand war ein willkommener Anlass, um ihn zu verfüllen."

So sah der neue Tunnel am Pirnaischen Platz beim Bau aus der Vogelperspektive 1971 aus. Er war ab August 1970 in neun Monaten gebaut worden.
So sah der neue Tunnel am Pirnaischen Platz beim Bau aus der Vogelperspektive 1971 aus. Er war ab August 1970 in neun Monaten gebaut worden. © Sammlung Rudolf Kusche

Als junge Ingenieure hatten sie in Rekordzeit den Tunnel gebaut. Als Abteilungsleiter Projektierung des Verkehrs- und Tiefbaukombinates (VTK) erhielt Kusche 1970 die Aufgabe, die Röhren zu planen und den Bau zu überwachen. Als 34-Jähriger hatte er damals seine Abteilung aufgebaut.

„Der Tunnel war für uns eine besondere Herausforderung“, sagt er. Er gehörte zur Nord-Süd-Verbindung zwischen dem Wiener Platz und dem Albertplatz. Dabei entstand die St. Petersburger Straße und die neue Carolabrücke, die zu DDR-Zeiten noch Dr.-Rudolf-Friedrichs-Brücke hieß. 

Es gab sogar Ideen für eine unterirdische Straßenbahntrasse in zehn Metern Tiefe zwischen dem Bahnhof Mitte und der Stübelallee. Unter dem Pirnaischen Platz wäre dann eine große Station gewesen. Doch mit der Machtübernahme Erich Honeckers wurde dieses ehrgeizige Projekt zu den Akten gelegt.

Der Tunnelrohbau ist im Frühjahr 1971 fertig. In den letzten Wochen wird das Innere noch ausgebaut.
Der Tunnelrohbau ist im Frühjahr 1971 fertig. In den letzten Wochen wird das Innere noch ausgebaut. © Sammlung Rudolf Kusche

Rudolf Kusche und sein Planungsteam gingen an die Arbeit und kümmerten sich um Dresdens ersten Tunnel. „Wir wollten zeigen, dass wir was können.“ Die Planung hatte im August 1970 begonnen. Bereits ein Dreivierteljahr später sollten vor dem VIII. Parteitag der Staatspartei SED Fußgänger durchlaufen können.

Ein Jahr zuvor war Rolf Hille als gebürtiger Dresdner von Neubrandenburg wieder zurück in seine Heimatstadt gekommen. Als 29-Jähriger Oberbauleiter des VTK führte er bis zu 60 Bauleute. Schon vor dem Baubeginn war Kusche zum Sitz der VTK-Brückenabteilung nach Radebeul gefahren, um sich mit Hille abzustimmen. 

„Da habe ich sofort gemerkt: Das ist ein Mann, mit dem ich gut arbeiten kann“, sagt Planer Kusche. Das war auch für Hille so. „Das Ungewöhnliche war, dass wir deshalb viele Dinge auf dem kurzen Wege bereits per Telefon klären konnten“, erklärt Planer Kusche. Schließlich wurde schon gebaut, als noch geplant wurde. 

Der Fußgängertunnel war eines des Vorzeigeprojekte. Hier ein Blick in die gerade eröffnete Passage 1971.
Der Fußgängertunnel war eines des Vorzeigeprojekte. Hier ein Blick in die gerade eröffnete Passage 1971. © Archiv: U. Häßler

„Zur Vorbereitung hatten wir kaum Zeit und anfangs auch nicht die nötige Ausrüstung, die erst spät kam“, erläutert Hille. So war das Schalungssystem mit einfachen Steckverbindungen, mit dem unter anderem die Wände an den Zugängen gebaut wurden, gerade erst entwickelt worden. „Im Westen gab es das schon länger. Aber in der DDR musste es erst selbst entwickelt werden.“ Das war auch bei den Baumaschinen so, beispielsweise bei der Betonmischanlage und der Betonpumpe.

„Wir mussten uns auch oft viel einfallen lassen, damit es schnell vorangeht“, sagt Planer Kusche Als Beispiel führt er das Frühjahr 1971 an, als eine Betonwand zwischen Tunnel und Gleis gebaut werden sollte. Nach herkömmlichem Verfahren hätte die eine halbe Woche zum Trocknen gebraucht. 

Doch während dieser Zeit hätte die Straßenbahn nicht fahren können. Also kam Kusche auf die Idee, den Zusatz flüssiges „Wasserglas“ in den Beton zu mischen, um das Abbinden zu beschleunigen.

Allerdings war es damals ein Problem, „Wasserglas“ in ausreichender Menge zu bekommen, erklärt Oberbauleiter Hille. Schließlich wurden davon mehrere Fässer benötigt. Aber da halfen – wie in der DDR üblich – Beziehungen. 

Die Frau eines Mitarbeiters hatte eine Drogerie in Langebrück. Sie konnte die nötige Menge besorgen. „Die hätten wir kurzfristig nie bekommen“, ist sich Hille gewiss. Damit wurde das Abbinden des Betons beschleunigt. Binnen weniger Stunden war er hart. So konnten Straßenbahnen schnell wieder rollen.

Der Tunnel mit mehreren Zugängen wurde gut genutzt.
Der Tunnel mit mehreren Zugängen wurde gut genutzt. © Archiv: Klaus Thiere

„So haben wir viele Dinge auf kurzem Wege klären können“, sagt Hille. Bis zum Schluss wurde nach Lösungen gesucht. Da ging es um die Treppen. Die konnten nicht mit der nötigen Länge gebaut werden, um eine schiefe Ebene für Kinderwagen anzulegen. 

Zumindest wurde ein Test unternommen, als der Tunnel schon fertig war. Die Bauleute errichteten eine hölzerne Rampe mit Geländern. Hilles Frau testete diese im Kinderwagen mit Sohn Dirk, Kusches Frau mit Sohn Uwe. 

Doch diese und auch andere Mütter sahen die steile Rampe als zu gefährlich an. Also verschwand sie wieder nach ihrem kurzen Test-Intermezzo. Einen Fahrstuhl als Alternative habe die Stadt abgelehnt, da sie einen zu hohen Wartungsaufwand befürchtete. „Mittlerweile gibt es dafür technische Lösungen, die in jedem Einkaufszentrum zu sehen sind“, sagt Hille.

Reger Handel herrschte im Tunnel auch noch in den 2000er Jahren. Hier boten viele Geschäfte ihre Waren an. Das ist ein Bild aus dem Jahre 2005. Ein Jahr später war ein Brand, den Jugendliche im Tunnel gelegt hatten.
Reger Handel herrschte im Tunnel auch noch in den 2000er Jahren. Hier boten viele Geschäfte ihre Waren an. Das ist ein Bild aus dem Jahre 2005. Ein Jahr später war ein Brand, den Jugendliche im Tunnel gelegt hatten. © René Kasprzack

Es war äußerst hart, den Übergabetermin zu schaffen. „Deshalb haben wir lange Zeit rund und die Uhr und auch an Wochenenden gearbeitet“, sagt Hille. Zur Übergabe im Juni 1971 habe er dann auch mit seinen Leuten die halbe Nacht zünftig im neuen Tunnel gefeiert. Umso mehr ärgern sich die Bauexperten Hille und Kusche jetzt, dass ihr Tunnel bereits seit zehn Jahren nur noch Geschichte ist.

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