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Messerattacke in Dresden: Es hätte jeden treffen können

Der Prozessauftakt um die tödliche Messerattacke von Dresden offenbart die krude Gedankenwelt eines jungen Mannes, der aus religiösem Hass tötete.

Abdullah H. interpretierte eine Koran-Sure als Handlungsanleitung: Der 21-jährige Syrer muss sich am OLG Dresden für eine tödliche Messerattacke auf Touristen verantworten.
Abdullah H. interpretierte eine Koran-Sure als Handlungsanleitung: Der 21-jährige Syrer muss sich am OLG Dresden für eine tödliche Messerattacke auf Touristen verantworten. © Sebastian Kahnert/dpa

Die beiden Dresden-Besucher aus Nordrhein-Westfalen hatten keine Chance. Der Mann mit den Messern näherte sich ihnen von hinten und stach überraschend zu. Für Thomas L., einen 55-Jährigen Krefelder, kam jede Hilfe zu spät, er starb an seinen schweren inneren Verletzungen. Sein Partner Oliver L. (53) aus Köln überlebte schwer verletzt. Was genau am Abend dieses 4. Oktober 2020 in der Dresdner Innenstadt geschah, steht seit Montag im Mittelpunkt des Prozesses gegen Abdullah H. vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Dresden (OLG).

15 Tage nach dem Anschlag hat die Polizei den 21-jährigen Syrer verhaftet. Er war erst seit 29. September wieder auf freien Fuß, fünf Tage vor der Tat. Bis da hatte er eine Jugendstrafe von drei Jahren und einem Monat verbüßt – unter anderem wegen Planung eines Selbstmordattentats, Werbung für ausländische Terrororganisationen, Körperverletzung. Abdullah H. galt als islamistischer Gefährder, doch es hatte offenbar keine Handhabe gegeben, ihn noch länger einzusperren. Er hatte sich dreimal pro Woche bei der Polizei melden müssen und war zeitweise observiert worden.

Am Montag bleibt an den Füßen gefesselt, als er in den Saal geführt wird. Die Hauptverhandlung findet unter erhöhten Sicherungsvorkehrungen in einem Gebäude am Dresdner Hammerweg statt. Die Generalbundesanwaltschaft wirft dem 21-Jährigen Mord, versuchten Mord und gefährliche Körperverletzung vor. Er habe aus Heimtücke und niedrigen Beweggründen auf die Geschädigten eingestochen, die er als homosexuell wahrgenommen habe, so Staatsanwalt Marco Mayer.

Von hinten zugestochen

Die Männer seien für den Angeklagten „Repräsentanten einer vom ihm als ungläubig abgelehnten freiheitlichen und offenen Gesellschaftsordnung“, die er mit dem Tode habe bestrafen wollen. H. habe sich gegen 20.26 Uhr in der Rosmaringasse von hinten den Opfern genähert und zunächst Thomas L. ein Küchenmesser mit einer 21 Zentimeter langen Klinge in den Rücken gestoßen. Er habe Niere und Leber durchstochen.

Aufgrund der Wucht des Stichs sei die Klinge abgebrochen. Unmittelbar darauf habe H. mit seinem zweiten Messer auch auf Oliver L. eingestochen. Beide Männer seien zu Bogen gegangen, hätten sich gewehrt. H. habe ihnen weitere Stiche zugefügt, ehe er geflohen sei.

Die Hauptverhandlung findet in dem Hochsicherheitsprozessgebäude am Hammerweg statt.
Die Hauptverhandlung findet in dem Hochsicherheitsprozessgebäude am Hammerweg statt. © Sebastian Kahnert/dpa

Der 21-Jährige macht keine Angaben. „Mein Mandant wird sich schweigend verteidigen“, sagt Verteidiger Peter Hollstein. Der Vorsitzende Richter Hans Schlüter-Staats scheint damit gerechnet zu haben. Unmittelbar darauf ruft er den ersten Zeugen auf. Der psychiatrische Sachverständige Norbert Leygraf hatte den Angeklagten erst vor drei Wochen begutachtet. Sechseinhalb Stunden sprach der forensische Psychiater mit dem Angeklagten unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen, habe hinter einer Trennscheibe gesessen und sei gefesselt geblieben.

H. sei „freundlich und zugewandt“ aufgetreten, habe ihm seine Lebensgeschichte erzählt und sich umfassend zu der Tat geäußert. So habe er dem Gutachter etwa gesagt, Homosexuelle seien Feinde Gottes. Er habe schon im Gefängnis versucht, sich Waffen zu beschaffen, um Ungläubige zu töten. Er sei sicher gewesen, etwas zu tun, auch wenn er nicht wusste, wann und gegenüber wem. H. berichtete, er habe sich zwei, drei Tage nach seiner Entlassung zwei Messersets gekauft. Die zwei längsten Messer habe er am Tattag eingesteckt. Auf dem Weg in die Innenstadt habe er in einer Moschee gebetet. Abends habe er nach Anschlagszielen gesucht.

Offenbar hätte es so gut wie jeden treffen können. So habe er dem Zeugen berichtet, dass er mehreren Menschen zumindest kurz gefolgt sei. Einmal aber er von einer Gruppe abgelassen, weil eine Frau darunter gewesen sei. Frauen und Alte habe er nicht angreifen wollen. Dann sei ihm das Männerpaar aufgefallen, Hand in Hand. Sie hätten „miteinander gelacht, miteinander gespielt, wie er sagte“, berichtet der Gutachter. Er habe sie sich als Ziel ausgesucht, weil sie Homosexuelle seien. Homosexuelle dürfe man als Feinde Gottes bekämpfen und töten. Denn schließlich habe Gott Frau und Mann geschaffen, um Kinder zu zeugen - so das Weltbild des Angeklagten.

Er habe "nicht mit dem Herzen" zugestochen

Dann habe er dem Gutachter Details der Bluttat geschildert. Er habe ursprünglich nicht weglaufen, sondern „sich auch opfern wollen“, so Leygraf. Er habe die Nacht in einem Haus verbracht und sei am nächsten Morgen zu seiner Unterkunft in Dresden-Pappritz zurückgekehrt.

Nach den Worten von Leygraf hatte sich der Beschuldigte bei seinem Gespräch mit ihm nachdenklich und auf eine "irritierende Weise selbstkritisch" zu der Tat geäußert. Denn er machte sich Vorwürfe, nicht stark genug gewesen zu sein. Er habe zwar zugestochen, aber "nicht mit dem Herzen." Auch dass eines der beiden Messer abbrach, wertete als Beleg für mangelnde Stärke. Etwas Falsches habe er in der Tat nicht erkennen können, sagte er dem Gutachter. Einen Fehler sah er lediglich darin, sich vorher nicht mit Vertretern des Kalifats verständigt und dem IS einen Treueschwur geleistet zu haben. Am nächsten Morgen habe er gedacht „Er könne sich nun auf größere Sachen vorbereiten, in Syrien oder hier.“

Gegenüber dem Psychiater berichtete der junge Syrer auch von seiner Kindheit. Es sei in der Nähe von Aleppo mit acht Geschwistern aufgewachsen, Sein Vater habe mit Treibstoff gehandelt. Auch Abdullah H. habe als Kind und Jugendlicher „Tag und Nacht“ an der Straße gestanden, um Diesel zu verkaufen. Als aufgrund der Bürgerkriegswirren nicht mehr so viel Verkehr vorbeigekommen sei, seien die Geschäfte zunehmend schlechter geworden. Der 21-Jährige sagte, seine Familie habe ihn 2015 gebeten, nach Deutschland zu flüchten und sie nachzuholen. Für die Flucht auf der Balkanroute habe er 1.600 US-Dollar mitbekommen.

Er sei mit zwei Cousins unterwegs gewesen und im Herbst 2015 in München angekommen. Dort seien sie ausgebüxt, angeblich um eine Tante in Dortmund aufzusuchen und vor dort weiter nach Norwegen zu reisen. Dazu kam es nie. Mehrfach habe H. Unterkünfte gewechselt, auch weil er sich dort nicht habe anpassen können. Zuletzt, in einer Unterkunft bei Radeberg, habe er sich zwei Jahre älter gemacht, um die Einrichtung, in der er als sogenannter unbegleiteter Jugendlicher untergebracht gewesen sei, verlassen zu können. Das habe funktioniert. Ein Cousin habe ihm Anfang 2017 in Dresden eine Wohnung besorgt.

Kriminaltechniker sichern in Dresden Spuren am Tatort.
Kriminaltechniker sichern in Dresden Spuren am Tatort. © Roland Halkasch/dpa

Bereits aus seinem früheren Prozess am Oberlandesgericht ist bekannt, dass Abdullah H. sich etwa ab Ende 2016 zunehmend radikalisiert habe. Das bestätigte er auch dem forensischen Psychiater. Der Angeklagte habe die Nacht zum Tag gemacht und den Tag zur Nacht, so Leygraf. Er habe sich extrem viele Youtube-Videos gesehen und viel Zeit in sozialen Medien verbracht, etwa mit Gleichgesinnten gechattet. Abduallah H. habe den Wohlstand hier angesichts des Elends in seiner Heimat als Ungerechtigkeit empfunden.

Der Zeuge sagt, dass der Angeklagte ihm viel und flüssig erzählt habe. Auch von der Tötung habe er berichtet „wie im Film“, ruhig und besonnen, „nicht vernagelt“. Das sei bei den Berichten über seine Flucht anders gewesen. Die hätten auf ihn übertrieben gewirkt, nicht selbst erlebt.

Das Gericht hat zwölf Sitzungstage bis Ende Mai geplant. Am Freitag wird die Hauptverhandlung fortgesetzt. Der Staatsschutzsenat muss prüfen, ob der Angeklagte, der zur Tatzeit noch ein Heranwachsender war, nach Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht zu verurteilen ist. Als Erwachsener droht dem Intensivtäter die Unterbringung in Sicherungsverwahrung nach Vollstreckung seiner Freiheitsstrafe. Auch im Jugendstrafrecht sind solche Sicherungsmaßnahmen vorstellbar, so heißt es in der Anklage der Bundesanwaltschaft, für den Angeklagten komme auch der Vorbehalt einer Sicherungsverwahrung nach dem Jugendstrafrecht in Betracht.

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Verteidiger Hollstein kann sich nicht vorstellen, dass sein Mandant nach dem Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden könnte. „Wenn bei meinem Mandant bei seiner letzten Verurteilung im November 2018 Reifedefizite vorlagen, dann gilt das auch für den Tatzeitpunkt. Wo soll denn eine Nachreifung passiert sein?“ Der 21-Jährige sei auch der Meinung, der Senat sei nicht für ihn zuständig, weil er er in irdisches Gericht sei. (mit dpa)

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