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Dresden: Tunnelblick zum Abschied

Die Röhre unter der Elbe muss nur noch geflimmert werden. Warum sie für Dresdens Fernwärmechef die Krönung seines Berufslebens ist.

Bernd Lehmann bei seiner Inspektionsrunde im neuen Elbtunnel an der Marienbrücke. Der Fernwärme-Abteilungsleiter freut sich, dass dieses gewaltige Bauwerk am Ende seines Berufslebens fertiggestellt werden konnte.
Bernd Lehmann bei seiner Inspektionsrunde im neuen Elbtunnel an der Marienbrücke. Der Fernwärme-Abteilungsleiter freut sich, dass dieses gewaltige Bauwerk am Ende seines Berufslebens fertiggestellt werden konnte. © René Meinig

Dresden. Für Bernd Lehmann sind die Tage seines Berufslebens gezählt. "Am 16. Juni ist mein letzter Arbeitstag", sagt der 65-Jährige. Als Abteilungsleiter ist er seit 2001 für den Betrieb des Dresdner Fernwärmenetzes zuständig. Das hat viele Bauwerke, die jetzt durch ein ganz besonderes ergänzt werden: den Fernwärmetunnel, der in Höhe der verlängerten Uferstraße an der Marienbrücke unter der Elbe hindurchführt.

An diesem Tag steigt Lehmann mit seinem Fernwärme-Ingenieur Frank Döhnert noch einmal tief hinab, um den neuen Tunnel zu inspizieren. Vom Neustädter Einstieg geht es zuerst über eine Leiter und dann über stählerne Treppen 21 Meter in die Tiefe, wo die große Röhre beginnt.

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Ein Blick von unten hinauf zum Einstieg. Dicke Fernwärmerohre prägen das Bild. Über viele Treppen geht es 21 Meter hinab bis zum neuen Tunnel.
Ein Blick von unten hinauf zum Einstieg. Dicke Fernwärmerohre prägen das Bild. Über viele Treppen geht es 21 Meter hinab bis zum neuen Tunnel. © René Meinig

Der Pieschen-Anschluss: 41 Millionen für saubere Luft

Der Tunnel ist nötig, damit die Luft sauberer wird. Denn das rechtselbische Gebiet zwischen der Hafencity und Pieschen wird weiter ans zentrale Fernwärmenetz angeschlossen, erläutert Lehmann. Die Hauptleitung durch den Tunnel verläuft bis zum Blockheizkraftwerk Mickten hinter dem einstigen Sachsenbad. Bereits im Sommer 2017 hatten die Stadtwerke mit dem Fernwärmeausbau in Pieschen begonnen. Rund 41 Millionen Euro investiert die SachsenEnergie insgesamt, davon neun Millionen für den Tunnel. Gefördert werden die Arbeiten aus dem Europäischen Fonds für Regionalentwicklung.

Durch diese Rohre strömt das 120 Grad heiße Wasser in Richtung Pieschen und etwas abgekühlt wieder zurück.
Durch diese Rohre strömt das 120 Grad heiße Wasser in Richtung Pieschen und etwas abgekühlt wieder zurück. © René Meinig

Geplant ist, auf der rechtselbischen Seite über die Neubauten hinaus rund 3.000 Wohnungen in Pieschen und dem Umfeld anzuschließen. Das Ziel ist, damit rund 3.200 Tonnen Kohlendioxid jährlich einzusparen. Um das auf andere Weise zu erreichen, müssten 254.000 Bäume gepflanzt oder 1,3 Millionen Liter Benzin jährlich eingespart werden.

Der erste Schritt: Fernwärme strömt seit Dezember

Der Tunnel ist 240 Meter lang. Er ist die erste begehbare Röhre unter der Elbe in Dresden. Allerdings dürfen nur Fachleute der SachsenEnergie bei Wartungs- oder Instandsetzungsarbeiten in den Tunnel. "Künftig wird es jährlich eine Inspektion geben", sagt Fernwärme-Ingenieur Döhnert.

Dieser Schaltschrank und die anderen Anlagen im Tunnel werden von der Leitzentrale am Kraftwerk Nossener Brücke aus fernüberwacht.
Dieser Schaltschrank und die anderen Anlagen im Tunnel werden von der Leitzentrale am Kraftwerk Nossener Brücke aus fernüberwacht. © René Meinig

Die Bauarbeiten hatten Mitte 2019 begonnen. Am 20. Juli vergangenen Jahres konnte die gewaltige Tunnelbohrmaschine von der 18 Meter tiefen Baugrube am Volksfestgelände aus loslegen. Sechs Wochen später war die Bohrung abgeschlossen. Entstanden ist eine 3,20 Meter hohe begehbare Röhre tief unter dem Elbgrund, die innen 2,60 Meter misst. Solche Leitungstunnel heißen in der Fachsprache Düker. Das kommt aus dem Holländischen und bedeutet Taucher.

Die Abkürzung VL steht für Vorlauf. Durch dieses Rohr fließt das Wasser des Fernwärmesystems nach Pieschen. Durch das mit RL, was für Rücklauf steht, markierte Rohr geht's dann zurück.
Die Abkürzung VL steht für Vorlauf. Durch dieses Rohr fließt das Wasser des Fernwärmesystems nach Pieschen. Durch das mit RL, was für Rücklauf steht, markierte Rohr geht's dann zurück. © René Meinig

Im vergangenen Jahr wurden zwei Fernwärmerohre eingezogen. Durch eins strömt seit 11. Dezember das 120 Grad heiße Wasser vom Heizkraftwerk Nossener Brücke in Richtung Pieschen, durch die andere Leitung kommt es mit 60 Grad zurück. "Das war der erste Schritt", sagt Lehmann. In der Leitzentrale des Fernwärmenetzes wird der Betrieb fernüberwacht. "Von dort aus können beispielsweise auch die Schaltschränke und Absperrarmaturen bedient werden." Die Werte werden unter anderem von Temperatur-, Lüftungs- und Durchflussmessgeräten erfasst. "Bisher funktioniert alles störungsfrei", resümiert der Fernwärmechef.

Die Übergabe: Tunnel wird noch geflimmert

Der Tunnel ist auch für solche Hochwasser gewappnet, wie sie 2002 und 2013 das Elbtal überfluteten. Oben schließen Stahlbetondecken die Einstiegschächte links und rechts der Elbe sicher ab. Die Deckel sind so verschraubt und abgedichtet, dass kein Wasser eindringen kann, erläutert Lehmann. Das und vieles andere wird noch bei der Endabnahme des gesamten Bauwerks Ende dieses Monats überprüft. Der Technikteil mit den Rohren wurde bereits Ende 2020 übernommen.

Auf dieser Fläche unterhalb der Neustädter Uferstraße ist kaum noch etwas von der Tunnel-Baustelle zu sehen. Das provisorische Zugangshäuschen ist verschwunden.
Auf dieser Fläche unterhalb der Neustädter Uferstraße ist kaum noch etwas von der Tunnel-Baustelle zu sehen. Das provisorische Zugangshäuschen ist verschwunden. © René Meinig

"Bei der Endabnahme werden wir unter anderem gucken, ob alles dicht ist, ob es Risse im Beton gibt und das Gefälle des Fußbodens stimmt und ob die Einstiegsdeckel funktionieren und dicht sind", sagt Ingenieur Döhnert. Vorher wird jedoch noch einmal gründlich sauber gemacht, sodass der gesamte Baustaub verschwindet.

Der Abschied: Krönung nach fast 50 Berufsjahren

Abteilungsleiter Lehmann sieht den gewaltigen Fernwärmetunnel als die Krönung seines Berufslebens. "Vor 20 Jahren hätten wir nicht einmal ansatzweise daran gedacht, dass wir jemals so etwas bauen würden. Ich sehe es als Bestätigung meiner beruflichen Laufbahn, dass gerade zum Schluss so ein Bauwerk fertiggestellt werden konnte."

Fast 50 Jahre hat der gebürtige Dresdner bei der SachsenEnergie oder ihren Vorgängern gearbeitet. Lehmann hatte einst Instandhaltungsmechaniker gelernt und später noch ein Studium zum Diplom-Maschinenbauingenieur absolviert. Zuerst arbeitete er 20 Jahre als Bauleiter im Kraftwerk Heidenau und danach als Technischer Leiter im Kraftwerk Nossener Brücke. 2001 übernahm der Fachmann die Fernwärme-Abteilung der Drewag, die er mittlerweile seit 20 Jahren leitet.

Begonnen hatte Lehmann 2001 mit 128 Mitarbeitern. Das Fernwärmenetz war damals 465 Kilometer lang. "Bis zur ungefähren Halbzeit 2010 war es auf 510 Kilometer gewachsen", sagt er. Den größten Zuwachs habe es aber in der zweiten Hälfte der 20 Jahre gegeben, nämlich um 107 Kilometer. Heute ist das gesamte Fernwärmenetz 617 Kilometer lang. Durchströmt wird es von 32.000 Kubikmetern heißem Wasser. "Das würde einer Anzahl von 2.055 Tanklastzügen entsprechen", erklärt Lehmann. Die Technik ist heute moderner und die Überwachung weitgehend digital. Deshalb kann er das Fernwärmenetz, das jetzt um den Tunnel erweitert wurde, heute mit 77 Mitarbeitern managen.

240 Meter lang ist der Elbtunnel. Die SachsenEnergie hat dafür rund neun Millionen Euro investiert.
240 Meter lang ist der Elbtunnel. Die SachsenEnergie hat dafür rund neun Millionen Euro investiert. © René Meinig

"Das ist ein gutes Gefühl, dass folgende Generationen vielleicht staunen werden, was wir in den 2020er-Jahren gebaut haben." Bald kann sich der Familienvater, der schon zwei Enkel hat, über mehr Freizeit freuen. "Da kann ich mich mehr um sie kümmern", sagt er. Zudem wird Lehmann öfter mit seinem Boot auf der Elbe, am Senftenberger See oder auf der Ostsee unterwegs sein. Ganz wird er sich von seinem beruflichen Metier jedoch nicht verabschieden. Künftig wird er als Ruheständler wieder bei Führungen den historischen Fernwärmekanal unter der Brühlschen Terrasse erklären. "Der Kontakt zu meinen Kollegen wird also nicht ganz abreißen", sagt er.

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