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Patient gestürzt – fahrlässige Tötung?

Wegen eines folgenschweren Unfalls in Dresden muss sich nun eine Altenpflegerin verantworten.

Nach dem Sturz eines pflegebedürftigen Rentners steht nun eine Altenpflegerin wegen fahrlässiger Tötung vor dem Amtsgericht Dresden.
Nach dem Sturz eines pflegebedürftigen Rentners steht nun eine Altenpflegerin wegen fahrlässiger Tötung vor dem Amtsgericht Dresden. © Norbert Millauer

30, 35 Patienten in fünf Stunden sind die Regel in der häuslichen Altenpflege. So war das auch am 23. Oktober 2018 in der Spätschicht einer 35-jährigen Altenpflegerin, von 15.30 bis 20.30 Uhr. 

Nur an diesem Tag passierte ein Unglück, das für ihren 1937 geborenen Patienten mit dem Tod endete – und für die 35-jährige Dresdnerin mit einem Strafverfahren. Seit Montag muss sich die Frau als Angeklagte wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen vor dem Amtsgericht Dresden verantworten.

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Richter Rainer Gerards informierte zum Auftakt, er habe den von der Staatsanwaltschaft Dresden beantragten Strafbefehl nicht zugestellt, sondern eine Hauptverhandlung angesetzt. 

Dieser Vorwurf eigne sich nicht für ein schriftliches Urteil, er wolle sich einen persönlichen Eindruck von dem Sachverhalt und der 35-Jährigen, die bisher strafrechtlich nie aufgefallen sei, machen. 

Laut Anklage habe die Altenpflegerin den Mann an jenem Abend versorgen und bettfertig machen müssen. Sie habe den Patienten dazu aus dem Bett geholfen und ihn neben sein Bett gestellt. 

Weil sie sich keine Windel bereit gelegt habe, sei sie ins Badezimmer gegangen, um eine zu holen. In dieser Zeit sei der betagte Mann jedoch gestürzt und habe sich am Schädel verletzt.

Der Mann wurde am nächsten Tag operiert, aber habe sich nicht mehr erholt. Er sei in der Nacht zum 10. November 2018 an einem Multiorganversagen verstorben, das die Staatsanwaltschaft auf die sturzbedingte Hirnblutung zurückführt. 

Der Sturz sei für die 35-Jährige vermeidbar gewesen, wenn sie ihren Patienten während ihrer Abwesenheit ins Bett gelegt oder in seinen Rollstuhl gesetzt hätte, heißt es in der Anklageschrift.

„Wie ein Stein umgefallen“

Die Altenpflegerin stellte den Ablauf anders dar. Sie sei zu dem Paar, das schon mehrere Jahre von ihr versorgt worden sei, gekommen und habe beiden zunächst Medikamente gegeben. Zuerst dem Mann, den sie dazu im Bett aufgesetzt habe. 

Er habe auf der Matratze gesessen, die Füße auf dem Boden. Sie habe ihm auch seine festen Hausschuhe angezogen. Nachdem er seine Tabletten genommen habe, habe sie auch seiner Ehefrau ihre Tabletten gegeben.

Dann habe sie dem Mann aus dem Bett geholfen, weil er eingenässt hatte. So etwas sei immer wieder vorgekommen. Er habe am Fußende seines Bettes gestanden. 

Während die Ehefrau frische Sachen holte, sei der Mann neben ihr völlig unerwartet umgefallen. „Ich stand direkt neben ihm. Er ist wie ein Stein unvermittelt umgefallen“, sagte die Angeklagte.

Sie habe vorher auch keine Anzeichen von Schwäche bemerkt, etwa dass seine Knie gezittert hätten oder dass er sich geäußert hätte. Den Zustand des Patienten, ob er das körperlich schafft, habe sie an dem Tag, wie sonst auch, einschätzen müssen. Sie habe sofort geschaut, wie es dem Mann geht. 

Rettungsdienst sofort alarmiert

Er sei ansprechbar gewesen und habe sich bewegen können. Auch das beginnende Hämatom am Kopf sei ihr aufgefallen. Sie habe daher sofort den Rettungsdienst alarmiert. 

Nach etwa zehn Minuten seien die Sanitäter da gewesen und hätten den Mann in eine Klinik gebracht. Er habe seiner Frau noch einen Abschiedskuss gegeben, ehe sie zu dritt den Patienten auf einem Luftkissen liegend durch das Treppenhaus zum Rettungsfahrzeug getragen hätten.

Die Schilderung der 35-Jährigen deckt sich mit dem Pflegebericht, den sie erstellt hatte. Ein Vorgesetzter beschrieb die Angeklagte als sehr selbstständig und kompetent. 

Zuletzt war die Angeklagte vor ihrer Elternzeit Leiterin einer Filiale des Pflegedienstes. Als Leiterin sei sich auch immer wieder auf den Touren eingesprungen, um Mitarbeiter zu vertreten.

Ein 48-jähriger Kollege, der ebenfalls mit der Pflege des geschädigten Ehepaars betraut war, berichtete als Zeuge, der Zustand des Patienten sei tagesformabhängig. Der Mann sei "zunehmend dement" und inkontinent gewesen. 

Er sei zunehmend mehr im Bett versorgt worden. Ob er körperlich in der Lage sein würde, selbst zu stehen, etwa weil Windeln, Kleidung und Bettzeug gewechselt werden müssen, hinge von seinem Zustand ab: "Das war mal so und mal so", sagte er. Man habe spontan entscheiden müssen, ob er alleine stehen könne, oder nicht.

Ehefrau des Verstorbenen muss auch aussagen

Der Verdacht, dass die Altenpflegerin ins Bad gegangen sei, kam offenbar erst später im Laufe der Ermittlungen auf. Am Tag nach dem Sturz hatte sich die Ehefrau des Verletzten mit ihrer Tochter über den Sturz unterhalten und wie es dazu gekommen sei - und so gelangte der Verdacht in eine Polizeivernehmung.

Die Tochter konnte sich nun als Zeugin im Prozess nicht mehr an Einzelheiten erinnern. Sie weiß noch, dass sie mit der Angeklagten telefoniert habe, um zu erfahren, was passiert war. Ob sie aber wörtlich fragte "Wie konnte das passieren?" wisse sie nicht mehr. 

Die so gestellte Frage enthalte möglicherweise auch einen Vorwurf an die Angeklagte, sagte Richter Gerards. Doch alle Nachfragen halfen nichts, die Tochter konnte keine Antwort geben.

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Daher ist Richter Gerards nun gezwungen, auch die demenzkranke Ehefrau des Verstorbenen als Zeugin zu laden. Er hätte das der Frau, die kommende Woche 75 Jahre alt wird und inzwischen in einem Pflegeheim lebt, gerne erspart. Doch nun sei er auf die Hilfe der betagten Frau angewiesen. Der Prozess wird fortgesetzt. 

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