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Wollte das spätere Opfer dem Täter helfen?

Viele Zeugen beobachten eine Schlägerei in einer Straßenbahn in Dresden. Doch nur einer mischt sich ein und wird verletzt. Er macht eine überraschende Aussage.

Für den 37-jährigen Angeschuldigten, hier mit seinem Verteidiger Andreas Gumprich (r.), geht es in seinem Prozess am Landgericht Dresden um die Frage, ob er in einer psychiatrischen Klinik untergebracht werden muss.
Für den 37-jährigen Angeschuldigten, hier mit seinem Verteidiger Andreas Gumprich (r.), geht es in seinem Prozess am Landgericht Dresden um die Frage, ob er in einer psychiatrischen Klinik untergebracht werden muss. © Foto: SZ/Alexander Schneider

Dresden. Ein 37-jähriger Angeschuldigter steht wegen eines sinnlosen Messer-Angriffs vor dem Landgericht Dresden. Im März 2020 war der Mann an der Haltestelle am Straßburger Platz mittags in eine Auseinandersetzung mit drei jungen Männern verwickelt. Am Ende wurde ein 27-jähriger Libyer durch einen Schnitt mit einem Cuttermesser am Hals verletzt und musste notärztlich behandelt werden.

Sebastian G., der Täter, leidet nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft möglicherweise an Schizophrenie, weshalb er bei der Auseinandersetzung nicht Herr seiner Sinne gewesen sein könnte. Daher muss nun auch geklärt werden, ob G. für die Tat verantwortlich gemacht werden kann und ob der Deutsche aufgrund seiner psychischen Erkrankung eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt.

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Zum Auftakt hatte der Angeschuldigte ausgesagt, er habe geglaubt, zwei junge Männer, ein Syrer und ein Palästinenser, hätten seinen Rucksack stehlen wollen, den er achtlos an der Haltestelle habe stehen lassen. Er sei dann von den beiden beleidigt worden, worauf es zu der Auseinandersetzung an der offenen Straßenbahntür gekommen war.

Teilweise massive Schläge

Am Mittwoch stellten die beiden 19-Jährigen die Sache anders dar: Sie seien von G. zuerst beleidigt und angegangen worden. So sei es zu dem Streit in und an der Bahn gekommen. Ein Videomitschnitt aus der Linie 13 zeigte, wie die Heranwachsenden teilweise massiv auf den 37-Jährigen eingeschlagen hatten, sodass er in die Knie gegangen sei. Das berichtete Andreas Gumprich, G.s Verteidiger. Die Bilder zeigten auch, dass zahlreiche Fahrgäste in der Bahn Zeugen der Prügelei wurden. Doch niemand hatte offenbar wenigstens die Polizei alarmiert.

Als einziger versuchte ein 27-jähriger Libyer den Streit zu schlichten – der Mann, der schließlich verletzt wurde. Als Zeuge berichtete der couragierte Fahrgast, er habe dem Angeschuldigten helfen wollen, weil er zwei Heranwachsenden gegenübergestanden habe. Er und die beiden 19-Jährigen beschrieben eine sehr schnelle, kreisförmige Armbewegung, mit der G. seinem Opfer den Schnitt am Hals beigebracht habe.

Rassistisches Motiv?

Sebastian G. bat den 27-Jährigen nach dessen Vernehmung im Gerichtssaal um Entschuldigung und sagte, er habe die Situation falsch eingeschätzt. Er habe mit Faschismus nichts zu tun, betonte er. Der Zeuge nahm die Entschuldigung an.

Bei den beiden Heranwachsenden entschuldigte sich G. allerdings nicht. Aus seiner Sicht sind sie für den Streit verantwortlich. In einer Stellungnahme sprach er dann jedoch von „Scheinflüchtlingen“ und behauptete, dass man sich um Ausländer bevorzugt kümmere, aber nicht um Menschen wie ihn. Diese letzten Äußerungen könnten tatsächlich für ein rassistisches Motiv der Auseinandersetzung sprechen. Der Prozess wird fortgesetzt.

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