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Rätsel um Findling im Dresdner Zwingerhof

Archäologen haben den Brocken im Untergrund entdeckt, seine Inschrift gibt noch Rätsel auf. Warum bei den Arbeiten auch das Kronentor gesperrt wird.

Gesteinsexperte Jan-Michael Lange (l.) und Archäologe Hartmut Olbrich inspizieren den Findling mit der kyrillischen Schrift im Zwingerhof. Zum Auftakt der Grabungen wurde hier viel entdeckt.
Gesteinsexperte Jan-Michael Lange (l.) und Archäologe Hartmut Olbrich inspizieren den Findling mit der kyrillischen Schrift im Zwingerhof. Zum Auftakt der Grabungen wurde hier viel entdeckt. © Sven Ellger

Dresden. Seit dem Jahresbeginn ist der Zwingerhof in Dresden eine Großbaustelle. Mit Bauzäunen gesperrt ist der gesamte Bereich vor der Bogengalerie J mit dem Porzellanpavillon. Ende Februar war Hartmut Olbrich mit seinem Grabungsteam vom Landesamt für Archäologie angerückt, um den Untergrund freizulegen. Ist der untersucht, lässt der Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB) dieses erste Viertel sanieren. Die Archäologen haben dort bereits viel entdeckt.

Der Findling: Kyrillische Schrift vermutlich 200 Jahre alt

So sind sie auf einen Findling gestoßen, der Rätsel aufgibt. Auf dem etwa fünf Zentner schweren Granitbrocken befinden sich kyrillische Buchstaben, mit denen sich vermutlich Russen verewigt haben. „Dabei könnte es sich um eine Variation des Kyrillischen aus dem frühen 19. Jahrhundert handeln“, erklärt Olbrich. Das hätten Schriftexperten herausgefunden, die er einbezogen hatte. Der Inhalt der Inschrift konnte allerdings bisher noch nicht entschlüsselt werden. Deshalb sucht er derzeit noch einen Experten für diese kyrillische Schrift, der das herausfinden kann.

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Das sind die alten kyrillischen Buchstaben, die sich auf dem Granitblock befinden. Vermutet wird, dass er vor über 200 Jahren beschriftet wurde.
Das sind die alten kyrillischen Buchstaben, die sich auf dem Granitblock befinden. Vermutet wird, dass er vor über 200 Jahren beschriftet wurde. © Sven Ellger

Der Ursprung erscheint logisch. Denn die Sieger der Völkerschlacht hatten 1813 das mit den Franzosen verbündete Sachsen zum russisch-preußischen General-Gouvernement erklärt. Der russische Fürst Nikolaus Repnin-Wolkonski hatte damals im Brühlschen Palais residiert. Aus dieser Zeit könnte die Inschrift stammen, so der Archäologe und promovierte Bauforscher. Olbrich vermutet, dass der Granitbrocken in der Zeit der großen Sanierung unter Zwingerbaumeister Hubert Ermisch zwischen 1924 und 1936 im Zwingerhof vergraben wurde.

Der Ursprung: Herkunft aus Lausitz oder Erzgebirge

Olbrich hat den Gesteinsexperten Jan-Michael Lange zum Vor-Ort-Termin gebeten, um die Herkunft des Findlings zu bestimmen. Lange arbeitet als Sektionsleiter an den Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen Dresden und lehrt als Professor an der Bergakademie Freiberg. In Braunkohletagebauen der Lausitz oder im Gebiet um Leipzig gebe es viele solche Findlinge. In Nochten sind im Lausitzer Findlingspark viele große Exemplare zu bewundern. „Aber in das Gebiet des Zwingerhofes passt der Findling gar nicht rein“, sagt der promovierte Experte.

Er vermutet, dass der Granitblock aus der Lausitz, vielleicht auch aus dem Osterzgebirge über die Müglitz oder die Elbe hierhergekommen ist. Eine andere Möglichkeit sei, dass er bei der ersten Eiszeit vor etwa 400.000 Jahren aus Richtung Norden kam. Das Alter des Findlings schätzt Lange auf über eine halbe Milliarde Jahre. Genaueres kann man aber erst nach einer genauen Laboruntersuchung sagen, da der Gesteinsblock von einer braunen Verwitterungskruste überzogen ist.

Der Findling wird künftig ins Archiv des Landesamtes für Archäologie nach Klotzsche gebracht, erklärt Olbrich. Dort werden rund 22,5 Millionen Fundstücke gelagert.

Die alten Fundamente: 2,5 Meter starke Mauern freigelegt

Bei den Grabungen haben die Archäologen aber nicht nur den Findling freigelegt, sondern auch Fundamente der Vorgängerbauten des Zwingers. Entdeckt haben sie Fundamente des alten Reithauses. Das war einer der Festbauten, der 1618 auf dem Gelände Richtung Schloss errichtet wurde. Freigelegt wurden fast 2,5 Meter starke Mauern. Schließlich wurden dieses und die folgenden Bauwerke im alten Stadtgraben gebaut, der verfüllt war.

Bei den Grabungen hat Olbrichs Team auch Teile der alten Zwingergrotte aus den 1670er-Jahren freigelegt, die auf der Fläche des abgebrochenen alten Reithauses errichtet wurde. Sie stand jedoch nicht lange. Nachdem der neue Grottensaal im Pavillon am Zwingerwall ab 1710 gebaut und bis 1716 noch ausgestaltet war, riss man die alte Zwingergrotte ab.

Katrin Ruffani und Fred Seidel beseitigen die Plane, die die freigelegten Grundmauern schützt. Hier wurden bei den Grabungen Fundamente des alten Reithauses und der alten Zwingergrotte entdeckt.
Katrin Ruffani und Fred Seidel beseitigen die Plane, die die freigelegten Grundmauern schützt. Hier wurden bei den Grabungen Fundamente des alten Reithauses und der alten Zwingergrotte entdeckt. © Sven Ellger

Etwa zwei Wochen wollen die Archäologen noch in diesem Bereich graben. Dann geht’s ins nächste Viertel des Zwingerhofes vor dem Mathematisch-Physikalischen Salon.

Die Sperrung: Auftakt mit Arbeiten unterm Kronentor

Auf der jetzigen Grabungsfläche beginnt der SIB voraussichtlich im Herbst mit der Sanierung des Zwingerhofes, erklärt Sachgebietsleiter Kai-Uwe Beger. Die ersten vorbereitenden Arbeiten haben schon jetzt Konsequenzen. Denn der Durchgang am Kronentor ist gesperrt. Darunter ist ein Keller, dessen Betondecke erneuert werden muss. „Die Stahlträger sind schon angerostet“, sagt Beger. Errichtet werden provisorische Treppen für die Notausgänge der benachbarten Zwinger-Sammlungen. Die Sanierung der Kellerdecke wird bis zum Herbst dauern, kündigt er an.

Besucher des Zwingers können derzeit nicht unter dem Kronentor hindurch in den Zwinger. Dort sind dringende Bauarbeiten nötig.
Besucher des Zwingers können derzeit nicht unter dem Kronentor hindurch in den Zwinger. Dort sind dringende Bauarbeiten nötig. © SZ/Peter Hilbert

Die Sanierung des ersten Teils des Zwingerhofes beginnt mit Tiefbau- und Rohrverlegungsarbeiten.

Die Perspektive: Sandsteinbelag für Hauptwege

Bis Ende 2023 wird der SIB den Zwingerhof schrittweise im Uhrzeigersinn sanieren. Dafür investiert der Freistaat rund zehn Millionen Euro. Geplant ist, die Leitungen im Untergrund zu erneuern. Dazu zählen auch die Elektronik und das Datennetz. Geschaffen werden dabei Anschlüsse, die bei Veranstaltungen benötigt werden. In einem letzten Schritt wird dann die Oberfläche des jeweiligen Viertels im Zwingerhof wieder hergestellt.

Noch im Juli werden die archäologischen Grabungen in diesem Teil des Zwingerhofes abgeschlossen. Danach wird der Untergrund im Viertel vor dem Mathematisch-Physikalischen Salon untersucht.
Noch im Juli werden die archäologischen Grabungen in diesem Teil des Zwingerhofes abgeschlossen. Danach wird der Untergrund im Viertel vor dem Mathematisch-Physikalischen Salon untersucht. © Sven Ellger

Auf den Hauptwegen wird der derzeit rote Belag gegen Platten aus Postaer Sandstein ausgetauscht. Dieses harte Material aus der Sächsischen Schweiz ist für seine hohe Qualität bekannt. Die Nebenwege sollen eine neue wassergebundene Decke erhalten. Die kleinen, kantigen Steinchen verzahnen sich und bilden eine feste Oberfläche, die aber Regenwasser durchlässt und deutlich weniger staubt als die bisherige Oberfläche. Um die Staubentwicklung zu begrenzen und Feinteile zu binden, wird zudem ein Beregnungssystem für die Wegeflächen installiert. Im Zuge der Hofsanierung werden auch LED-Strahler installiert, die die Fassaden dezent beleuchten.

Während der gesamten Bauzeit werden die Zugänge zu den Museen gewährleistet.

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