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Ritterschlag für Zwingerbauhütte

Die Mitarbeiter sind stolz auf den Unesco-Welterbetitel. Wie sie eine jahrhundertelange Tradition fortsetzen.

Von Peter Hilbert
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Hüttenmeister Ralf Schmidt vor restaurierten Zwinger-Skulpturen. Mit seinen Fachleuten der Zwingerbauhütte kümmert er sich um die Erhaltung des weltberühmten barocken Bauwerks. Ihre Arbeit wurde jetzt auf besondere Weise ausgezeichnet.
Hüttenmeister Ralf Schmidt vor restaurierten Zwinger-Skulpturen. Mit seinen Fachleuten der Zwingerbauhütte kümmert er sich um die Erhaltung des weltberühmten barocken Bauwerks. Ihre Arbeit wurde jetzt auf besondere Weise ausgezeichnet. © Sven Ellger

Dresden. Die Arbeit von Restauratoren, Steinmetzen und Kunsthandwerkern der Zwingerbauhütte wurde auf besondere Weise gewürdigt. Der zuständige Unesco-Ausschuss hat kürzlich entschieden, dass das Bauhüttenwesen jetzt zum immateriellen Kulturerbe zählt.

Es wurde in das Internationale Register Guter-Praxis-Beispiele aufgenommen, erklärt das sächsische Finanzministerium.

Gemeinsam mit 18 Bauhütten aus fünf europäischen Ländern hatte sich die Zwingerbauhütte um die Eintragung beworben. Dazu zählten unter anderem die Kölner, die Mainzer und die Regensburger Dombauhütte sowie die Dombauhütten Wien und Xanten.

Allerdings ist die Dresdner Zwingerbauhütte als Einrichtung des Freistaates die einzige nicht kirchliche Bauhütte unter den Bewerbern „und damit etwas ganz Besonderes“, betont Finanzminister Hartmut Vorjohann (CDU).

Frank Hoferick restauriert in der Zwingerbauhütte die Skulptur "Der Herbst" vom Französischen Pavillon. Der Restaurator und die anderen Fachleute haben viel Erfahrung bei solchen Arbeiten.
Frank Hoferick restauriert in der Zwingerbauhütte die Skulptur "Der Herbst" vom Französischen Pavillon. Der Restaurator und die anderen Fachleute haben viel Erfahrung bei solchen Arbeiten. © (c) Christian Juppe

„Die Dresdner Zwingerbauhütte als Teil dieses europäischen Netzwerkes erhält mit ihrer Arbeit eines der bedeutendsten Baudenkmäler Europas“, erklärt Ministerpräsident Michael Kretschmar (CDU). „Handwerkliches Wissen und Können wird hier täglich gelebt und das kulturelle Erbe Sachsens von Generation zu Generation weiter gegeben.“

Eine "Auszeichnung für engagierte Dresdner"

Zwingerbaumeister Kai-Uwe Beger freut sich über den Unesco-Titel. „Das ist eine Auszeichnung für die Arbeit der derzeitigen Mitarbeiter, aber auch für die, die in den vergangenen knapp 30 Jahren ungeheuer viel geleistet haben“, sagt der 48-Jährige Architekt.

Das sei auch eine Auszeichnung für die Dresdner, die sich für die Baukultur und das damit verbundene Erbe engagieren.

Zwingerbaumeister Kai-Uwe Beger (l.) und SIB-Niederlassungsleiter Ulf Nickol vor dem Französischen Pavillon, der saniert wird. Die beiden Leiter schätzen das große Können der Fachleute der Zwingerbauhütte, die ein Garant für den Erhalt des barocken Zwinge
Zwingerbaumeister Kai-Uwe Beger (l.) und SIB-Niederlassungsleiter Ulf Nickol vor dem Französischen Pavillon, der saniert wird. Die beiden Leiter schätzen das große Können der Fachleute der Zwingerbauhütte, die ein Garant für den Erhalt des barocken Zwinge © Sven Ellger

Bereits seit über 300 Jahren arbeiten Kunsthandwerker mit enormem Aufwand an der Erhaltung des Zwingers. „Noch heute wird fast alles so gemacht wie früher“, erläutert der Zwingerbaumeister. Auch der Sandstein komme wie zur Bauzeit des 1719 übergebenen Zwingers noch heute aus den Brüchen in der Sächsischen Schweiz.

Die Zwingerbauhütte mit ihren elf Mitarbeitern gehört zum Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB). Sie wurde 1924 gegründet. Nach Vollendung des Wiederaufbaus des Zwingers 1968 war sie aufgelöst und 1991 wieder eingerichtet worden. Im kommenden Jahr feiert sie ihr 30. Jubiläum.

„Die Beschäftigten der Zwingerbauhütte kennen sich mit dem Sandstein des Zwingers und den Sandsteinvarietäten des Elbsandsteingebirges aus“, erklärt der zuständige Dresdner SIB-Niederlassungschef Ulf Nickol.

„Sie wissen den Sandstein fachmännisch zu bearbeiten und kennen die Besonderheiten, Eigenschaften und Einsatzgebiete der verschiedenen Sandsteinvarietäten im Zwinger.“

Die Zwingerbauhütte mit ihren Steinmetzen, Steinbildhauern und Restauratoren sei ein wesentlicher Garant für den baulichen Erhalt des filigranen, barocken Bauwerks Zwinger.

Das sind Figuren des Französischen Pavillons, die in der Zwingerbauhütte weitgehend restauriert sind. Im Frühjahr kommen sie wieder auf den sanierten Pavillon.
Das sind Figuren des Französischen Pavillons, die in der Zwingerbauhütte weitgehend restauriert sind. Im Frühjahr kommen sie wieder auf den sanierten Pavillon. © Sven Ellger

Hüttenmeister Ralf Schmidt ist von Anfang an mit dabei. Er kennt jede Ecke im Zwinger aus dem Effeff. „Bei den Rundgängen entdecke ich immer etwas", sagt der 56-jährige Fachmann.

Schließlich gibt es immer wieder große Temperaturschwankungen. Beispielsweise im Sommer dehnt sich der Sandstein bei über 30 Grad aus und schrumpft später wieder. Da lockert sich schnell ein eingesetztes Stück Sandstein, eine sogenannte Vierung, wackelt ein Handlauf der Balustrade oder ist eine Fuge auszubessern.

Sandstein soll sich nicht voll Wasser saugen

Entdeckt er Schäden, kommen sie auf die Reparaturliste. Vor dem Winter haben seine Mitarbeiter kürzlich wieder die Hüllen aus Aluminium und Spezialfolie an den Brunnen an der Langgalerie unter dem Kronentor angebracht.

Die Einhausungen dienen vor allem zum Schutz des feinporigen Sandsteins vor dem Frost-Tau-Wechsel im Winter. So werden die Sandstein-Kunstwerke davor bewahrt, dass sie sich voll Wasser saugen.

Hüttenmeister Ralf Schmidt inspiziert diese Figur im Zwinger, an der wahrscheinlich bereits sein Urgroßvater gearbeitet hatte. Der Bildhauer hatte Anfang des 20. Jahrhunderts ausgebrochene Sandsteinstücke an der Fassade und an den Skulpturen der Bogengale
Hüttenmeister Ralf Schmidt inspiziert diese Figur im Zwinger, an der wahrscheinlich bereits sein Urgroßvater gearbeitet hatte. Der Bildhauer hatte Anfang des 20. Jahrhunderts ausgebrochene Sandsteinstücke an der Fassade und an den Skulpturen der Bogengale © Sven Ellger

Seit 2018 restaurieren die Steinhandwerker der Zwingerbauhütte zudem unter anderem die 48 Steinskulpturen vom Französischen Pavillon. Der SIB baut ihn und die benachbarte Bogengalerie L für die geplante Zwingerausstellung aus.

Die Arbeiten sind weit fortgeschritten. Im zeitigen Frühjahr sollen ein Teil der 48 fachmännisch restaurierten Steinkunstwerke vor der Ausstellungseröffnung wieder am Kranarm auf ihren alten Standort schweben.

"Wenn nichts abbricht, haben wir richtig gearbeitet"

Für Hüttenmeister Schmidt sind diese und viele andere Arbeiten von Anfang an Alltag. Mit der Wiedereinrichtung der Zwingerbauhütte 1991 hatte Zwingerbaumeister Ulrich Aust den gelernten Steinmetz als Hüttenmeister eingesetzt.

Nach Feierabend und an Wochenenden hatte Schmidt dann noch die Schulbank drücken müssen, um 1996 den Meisterbrief zu bekommen. Seitdem hat er spezielle Arbeiten am Zwinger mitgeplant, stand auch mit Hammer und Klüpfel am Kronentor und erlebte alle Höhen und Tiefen.

Schmidt kennt mittlerweile jede der 698 Skulpturen und jedes Stück der 1,2 Kilometer langen Balustraden. Bei der Restaurierung und Erhaltung des Zwingers arbeiten er und seine Kollegen aber im Hintergrund.

Es geht um die Bewahrung der meisterlichen Bauwerke, die die Vorgänger geschaffen haben. „Es ist eine stille und leise Arbeit. Wenn nichts abbricht oder im Extremfall einem Besucher auf den Kopf fällt, haben wir richtig gearbeitet", sagt er.

„Wenn wir wissen wollen, wie gut wir sind, müssen wir uns nur den Zwinger anschauen." Denn der sei sein Auftraggeber. „Ist er in Ordnung, ist das die beste Anerkennung unserer Arbeit.“

Steinbildhauermeister Clemens Modrakowski bearbeitete in der Zwingerbauhütte eine kunstvoll gestaltete Brüstungsplatte, die nach dem Vorbild des über 300 Jahre alten barocken Originals kopiert wurde.
Steinbildhauermeister Clemens Modrakowski bearbeitete in der Zwingerbauhütte eine kunstvoll gestaltete Brüstungsplatte, die nach dem Vorbild des über 300 Jahre alten barocken Originals kopiert wurde. © Sven Ellger

Die wirkliche Stärke der Zwingerbauhütte sei die präventive Arbeit ihrer Restauratoren, Steinmetze und Bildhauer. Als größten Erfolg sieht er, dass die Arbeit der Kunsthandwerker jetzt mit dem Unesco-Welterbetitel besonders gewürdigt wird.

„Ich bin glücklich. Das ist der Ritterschlag für unsere Bauhütte und für alle, die uns tagtäglich unterstützen“, sagt er.

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