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Dresdner Tagesmütter im "Raum ohne Wände"

Egal ob Hitze oder Regen - die Waldmäuse machen sich jeden Morgen auf in ihre Erlebniswelt unter Bäumen. Das mutige Konzept stößt auf Begeisterung.

Tagesmutter Melanie Plate lässt ihre Zwerge jeden Tag die Geheimnisse des Waldes erkunden.
Tagesmutter Melanie Plate lässt ihre Zwerge jeden Tag die Geheimnisse des Waldes erkunden. © Sven Ellger

Dresden. Plumps hier, Plumps da, Plumps dort. Immer wieder fällt eines der Kinder über irgendeine Wurzel, aber alle fallen weich und rappeln sich wie selbstverständlich wieder auf. Hilda macht gerade Ordnung, in der linken Hand eine Mini-Harke, rechts einen Mini-Besen. Smilla sammelt Tannenzapfen und Luise bastelt ein Kastanienmännchen. "Spielzeug von außen brauchen wir nicht", sagt Tagesmutter Claudia Wohlgemuth. "Der Wald bietet Spielzeug genug."

Die Waldmäuse sind keine gewöhnliche Kindertagesgruppe. Der Mittelpunkt ihrer gemeinsamen Erlebniswelt ist ein unauffälliger Platz unter Bäumen mitten in der Dresdner Heide unweit der Mordgrundbrücke. Jeden Morgen machen sich zwei Tagesmütter mit ihren insgesamt zehn Kindern aus der Neustadt auf den Weg hierher. Erst mit der Bahn, dann von der Bautzner Landstraße aus zu Fuß.

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Claudia Wohlgemut (50) arbeitet schon seit 2006 als Tagesmutter, Melanie Plate (39) seit sieben Jahren. Seit sich die beiden zufällig an der Prießnitzmündung unterhalb des Diakonissenkrankenhauses getroffen haben, entwickelten sie mit der Zeit einen gemeinsamen Traum: einen Alltag mit Kindern in der freien Natur, fernab des Trubels und der Reizüberflutung in der Stadt.

An der Waldgarderobe findet jeder Rucksack seinen Platz.
An der Waldgarderobe findet jeder Rucksack seinen Platz. © Sven Ellger

Zunächst gingen sie mit ihren Gruppen einmal in der Woche in den Wald und nahmen ein Zelt für den Mittagsschlaf mit. An ihrer Lieblingsstelle bauten ihre Männer irgendwann Sitzbänke aus Holz auf. Schließlich genehmigte ihnen das Forstamt den entscheidenden Schritt: Sie durften einen Wohnwagen in den Wald stellen, den sie zuvor auf einer Kleinanzeigen-Seite erworben hatten. Auch der Verein Malwina, der die Arbeit der Tagespflegepersonen in Dresden mit koordiniert, signalisierte Unterstützung.

Das mutige Projekt ist auch ein Kind der Corona-Krise. In den Wochen, in denen die Tagesmütter niemanden betreuen durften, bastelten sie in der Heide an ihrem "Raum ohne Wände", wie sie den Platz nennen. Der Wohnwagen wurde mit freundlicher Hilfe des Försters per Traktor in den Wald gezogen und auf Baumstümpfe gestellt, dazu eine Sitzecke und eine Baustelle eingerichtet. Im April 2020 ging es dann los offiziell los.

Seitdem schlafen die Waldmäuse mittags in zwischen den Bäumen gespannten Hängematten. Wenn es regnet, werden sie mit Planen geschützt. Das Essen kochen die Eltern im Wechsel für alle zehn Kinder. In der Puller-Ecke hängen die Töpfchen bereit. Große Geschäfte werden in einem Beutel samt Windel mit nach Hause genommen.

Tagesmutter Claudia Wohlgemuth testet mit ihren Kindern die Strapazierfähigkeit einer Hängematte.
Tagesmutter Claudia Wohlgemuth testet mit ihren Kindern die Strapazierfähigkeit einer Hängematte. © Sven Ellger

Ob es hochsommerlich heiß ist oder im Herbst öfter regnet, spielt keine Rolle. "Viele checken ja heute erst einmal drei Wetter-Apps, bevor sie das Haus verlassen", sagt Melanie. "Uns interessiert das überhaupt nicht mehr, wenn nicht gerade Sturm angesagt ist." Als sie beim Mittagsschlaf doch mal von einem Gewitter überrascht wurden, flüchteten sie rasch in den Wohnwagen. "Dort lagen wir dann wie die Heringe, aber auch das hat funktioniert."

Obwohl die Kleinen die Natur von ganz allein erkunden, am Kräuterbeet kosten oder am Klangbaum musizieren, gibt es feste Rituale und einen Wochenplan. Montag geht es auf den Waldspielplatz, Dienstag steht Yoga auf dem Programm, Mittwoch ist Wandertag. Zur Wanderung gerät aber schon der tägliche Anmarsch durch den Wald. Wegpunkte wie der Nasen- und der Schneckenbaum helfen den Kindern beim Vorwärtskommen.

Dann sammeln sich alle zunächst am Ankommplatz, in dessen Mitte ein bemalter Stein liegt. "Wir verbinden bei uns sehr viel mit Liedern", sagt Claudia. Bei jeder Gelegenheit wird gemeinsam gesungen, auch vor dem Aufräumen. Heute beschränkt sich das auf ein paar Holzklötze in der Baustelle.

Trommeln, Malen, Kosten

Regelmäßig werden im Wald auch Pilze gesucht und dieses Jahr besonders viele gefunden. Welcher eingesammelt wird, entscheiden die Erwachsenen. Mit der Farbe des Schopftintlings haben die Kinder auch schon Bilder gemalt und dafür Stöckchen als Pinsel genutzt. "Sie lernen mit der Zeit, dass der Wald zu jeder Jahreszeit anders aussieht und andere Möglichkeiten bietet", sagt Claudia und lässt Kurt gleich mal von einer Hagebutte kosten. "Am besten schmecken die, wenn sie Frost abgekommen haben."

Vor dem Mittagessen darf ein Kind auf die Pfanne trommeln, dann wissen alle anderen Bescheid. Auch Max kommt herangefegt und hofft, das ein oder andere Häppchen abzubekommen. Melanies Mops ist immer mit dabei, während Lelo, die Dalmatiner-Dame ihrer Kollegin, inzwischen zu alt ist, um ihr die Strapazen noch zumuten zu müssen.

Auch viele andere Tiere beobachten die Waldmäuse. Hasen, Schnecken, Käfer. Sogar eine Wildschweinrotte ließ sich schon mal blicken. Früher schaute beim Essen auch regelmäßig ein echtes Mäuschen vorbei. Heute interessiert sich eher ein Rotkehlchen für die Brötchenkrümel.

Auch im Wald gibt es Regeln - und für jedes Bedürfnis eine Ecke.
Auch im Wald gibt es Regeln - und für jedes Bedürfnis eine Ecke. © Sven Ellger
Der Ankommkreis besteht aus einem bemalten Stein und Tannenzapfen.
Der Ankommkreis besteht aus einem bemalten Stein und Tannenzapfen. © Sven Ellger
Mops Max ist immer mit von der Partie.
Mops Max ist immer mit von der Partie. © Sven Ellger
Im Kräuterbeet kann jeder kosten.
Im Kräuterbeet kann jeder kosten. © Sven Ellger
Den Wohnwagen kauften die Tagesmütter online auf einem Kleinanzeigen-Portal.
Den Wohnwagen kauften die Tagesmütter online auf einem Kleinanzeigen-Portal. © Sven Ellger

Stoppen kann die Waldmäuse nur die Kälte. Ab Ende Oktober ziehen auch sie in eine Unterkunft mit Wänden, allerdings nicht gemeinsam, sondern in zwei getrennten Gruppen. So will es das Regelwerk, auch wenn Claudia und Melanie sich am liebsten ganzjährig zusammentun würden. Mehr als fünf Kinder dürfen nicht an einem Ort betreut werden. "Wenn die Saison langsam wieder endet, werden wir schon etwas wehmütig", sagt Melanie. Meist treffen sie sich dann nur noch einmal in der Woche.

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Ihre Idee vom Alltag im Wald kommt gut an. Bis zum Jahr 2023 sind die Gruppen ausgebucht. Sogar Wartelisten gibt es. "Wir wissen, dass diese Art der Betreuung nicht jedermanns Sache ist, aber unsere Eltern ziehen begeistert mit", sagt Claudia. Das galt auch, als Unbekannte einmal den Bauwagen aufbrachen und wichtige Hilfsmittel stahlen. Rasch taten sich die Eltern zusammen - und ersetzten den Schaden selbst.

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