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DVB-Streik: Stau und Fußmärsche in Dresden

Zum zweiten Mal innerhalb von reichlich zwei Wochen fahren keine Busse und Straßenbahnen. Und es könnte nicht der letzte Streik in Dresden sein. Ein Report.

An der leeren Haltestelle am Postplatz bleibt den DVB an diesem Tag nur die Info, dass das Unternehmen bestreikt wird.
An der leeren Haltestelle am Postplatz bleibt den DVB an diesem Tag nur die Info, dass das Unternehmen bestreikt wird. © Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild

Dresden. Dieser Morgen ist für Tausende Dresdner kein guter: seit Tagen Herbstwetter, dazu Dauerregen und dann streiken auch noch die Mitarbeiter der Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB). Es fahren keine Straßenbahnen und auf die wenigen Busse, die trotz des Streiks unterwegs sind, ist kein Verlass. Denn sie sind voller, als an anderen Tagen. Viele versuchen, ihrem Ziel mit ihnen an diesem Donnerstag wenigstens etwas näher zu kommen. Aber sie fahren laut den Verkehrsbetrieben vielleicht auch unpünktlich.

Zu Fuß durch den Regen

Armin Steinbiß trifft es an diesem Morgen besonders hart. Der 19-Jährige ist Berufsschüler. Er wohnt zurzeit in einem Hostel nahe dem Bahnhof Neustadt. Von dort muss er in eine Berufsschule in Roßthal. Knapp sieben Kilometer sind es bis zu seinem Unterrichtsort im Westen der Stadt. Schon mit der Straßenbahn braucht er mehr als eine Stunde für seinen Schulweg. Ein Fahrrad hat der 19-Jährige nicht und die Autos, für die seine Kollegen am Streiktag Fahrgemeinschaften verabredet haben, sind voll. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als im strömenden Regen zur Berufsschule zu laufen. Knapp zwei Stunden wird er unterwegs sein – am Morgen und noch einmal am Nachmittag.

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Wegen des Regens hat Katrin Säckel am Donnerstagmorgen trotz des Streiks auf die Busse gesetzt.
Wegen des Regens hat Katrin Säckel am Donnerstagmorgen trotz des Streiks auf die Busse gesetzt. © SZ/Christoph Springer

Katrin Säckel hat es trotz des Streiks auf die Busse ankommen lassen. Die Lehrerin muss kurz nach 7 Uhr von der Fischhausstraße zur Grundschule an der Görlitzer Straße. Normalerweise klappt das gut mit der Linie 11. Doch an diesem Donnerstag ist alles anders. Katrin Säckel wusste von dem Streik. „Ich kann die DVB-Mitarbeiter verstehen, vielleicht verdienen sie ja wirklich zu wenig“, sagt sie. Eigentlich wollte sie an diesem Morgen das Fahrrad nehmen. Weil es regnet, ist sie auf den Bus umgestiegen: Mit dem Ersatzbus für die Linie 11 geht es bis zum Waldschlößchen. Sie hat Glück, denn wie auf der Strecke der „11“ sind dort weitere Busse eines DVB-Tochterunternehmens im Einsatz, das an diesem Tag nicht bestreikt wird. Um 7.23 Uhr kommt ihre "74" am Waldschlößchen an. Damit erreicht Katrin Säckel wenigstens die Äußere Neustadt. Bis zu ihrer Schule muss sie aber trotzdem noch ein ganzes Stück durch den Regen laufen.

Streik soll nicht die Kunden treffen

Wolfgang Fehring weiß, dass dieser Tag vielen Dresdnern in schlechter Erinnerung bleiben wird. Der 45-Jährige ist seit acht Jahren Straßenbahnfahrer bei den Verkehrsbetrieben. „Wir bekommen den Ärger der Kunden mit und können sie verstehen“, sagt er, "gerade in der Corona-Zeit". Und eigentlich solle der Streik auch nicht die Bevölkerung treffen. Doch es geht nicht anders, ist er überzeugt, und es gebe „immer irgendwas, was gegen den Streikzeitpunkt spricht“. Fehring arbeitet Vollzeit bei den DVB. Sein Grundgehalt: 2.242 Euro brutto. Samt Zulagen, zum Beispiel für die Schichtarbeit, bekommt er pro Monat zwischen 1.600 und 1.800 Euro raus. „Die meisten Menschen haben eine ganz falsche Vorstellung von dem, was wir verdienen“, ist er überzeugt.

Der Streik soll nicht die Kunden treffen, sagt Straßenbahnfahrer Wolfgang Fehring, aber anders geht es nicht.
Der Streik soll nicht die Kunden treffen, sagt Straßenbahnfahrer Wolfgang Fehring, aber anders geht es nicht. © SZ/Christoph Springer

Gerd Doepelheuer gibt ihm recht. Der Verdi-Verantwortliche für den sächsischen Verkehrsbereich ist Verhandlungsführer der Gewerkschaft in dieser Tarifrunde und sitzt auch im Aufsichtsrat der Verkehrsbetriebe. An diesem Morgen steht er gemeinsam mit Fehring am Streikposten vor dem DVB-Betriebshof in Trachenberge. Im Hintergrund parken die Busse und Straßenbahnen, die heute im Depot bleiben. „Wir sind im untersten Keller“, beschreibt er die Bezahlung der Fahrer bei den sächsischen Nahverkehrsunternehmen. „In Halle verdient man für dieselbe Arbeit 500 Euro mehr pro Monat“, rechnet der Gewerkschaftler vor. Das habe schon dazu geführt, dass in Leipzig ausgebildete Fahrer direkt nach Ausbildungsende nach Halle gegangen seien. Er hofft, dass der Kommunale Arbeitgeberverband (KAV) bei der nächsten Verhandlungsrunde am 27. Oktober ein besseres Angebot vorlegt, als am vergangenen Montag. Denn das hatte seinen Namen nicht verdient, meint Doepelheuer. Ist das nicht der Fall, könnten die Tarifverhandlungen scheitern. Dann muss über den weiteren Weg abgestimmt werden. Möglich ist nach dem Scheitern auch ein längerer Streik als an diesem Donnerstag. 

Gerd Doepelheuer findet, das aktuelle Angebot der Arbeitgeber sei seinen Namen nicht wert.
Gerd Doepelheuer findet, das aktuelle Angebot der Arbeitgeber sei seinen Namen nicht wert. © Tino Plunert

Der Arbeitgeberverband bewertet das Angebot vom Montag erwartungsgemäß anders und rechnet vor, über die geplante Laufzeit des Tarifvertrags bis Ende 2023 entspräche es einem Plus von 5,1 Prozent. Das sei „an der Grenze des wirtschaftlich Vorstellbaren“. Der zweite Warnstreik innerhalb von reichlich zwei Wochen sei „völlig unangemessen und auch nicht nachvollziehbar“. Das hat am Mittwoch Jens Meiwald gesagt, Vorstand der Chemnitzer Verkehrs-AG und Vorsitzender des KAV-Ausschusses Verkehrsbetriebe.

DVB fehlen 16 Millionen Euro

Sein Dresdner DVB-Kollege Lars Seiffert formuliert vorsichtiger. „Einerseits ist natürlich der Zeitpunkt nie der richtige“, sagt der Personalvorstand der Verkehrsbetriebe. Doch jetzt sei das besonders ärgerlich. Der Grund: Wegen Corona sind in diesem Jahr weniger Menschen als ursprünglich erwartet mit den Dresdner Bussen und Bahnen gefahren und es musste Geld für zusätzliche Hygieneaufgaben ausgegeben werden – macht zusammen rund 16 Millionen Euro. Da könne man „jetzt nicht mit dem Fuß aufstampfen und sagen, ich will trotzdem“, sagt Seiffert mit Blick auf die Kritik der Gewerkschaft. „Auf der anderen Seite sind die Kollegen im bundesweiten Vergleich an letzter Stelle.“ Er könne deshalb nachvollziehen, wenn sie irgendwann fragen, wie lange das noch so gehen soll. Seiffert wünscht sich aber von Verdi mehr „Fingerspitzengefühl“ beim nächsten Verhandlungstermin am 27. Oktober. 

Denn: „Ein Prozent mehr bedeuten für die DVB eine Million Euro mehr Personalkosten.“ Für ihn stellt sich dabei die Frage, woher dieses Geld kommen soll. „Da muss man auch aufpassen, wir reden über Geld von Dritten“, erklärt der Personalchef. „Geld von Dritten“ bezieht sich dabei auf die Millionen, die die Verkehrsbetriebe nicht über die Fahrgeldeinnahmen erwirtschaften können, sondern innerhalb der Technischen Werke Dresden als Zuschuss bekommen. „Da müssen wir schon sehr genau hinsehen, da sehe ich uns als Geschäftsführung in der Pflicht.“

Der Sparkurs ist zu Ende

Von den fehlenden Euro-Millionen hat auch Gewerkschafter und Aufsichtsrat Doepelheuer schon gehört. Er findet aber: Nach der Restrukturierung der Nahverkehrsunternehmen, bei der es nach der Wende vor allem ums Sparen ging, sei jetzt die Zeit gekommen, etwas für die Mitarbeiter zu tun. „Leistung muss bezahlt werden“, sagt der Verdi-Mann, und jetzt sei es Zeit dafür.

Armin Steinbiß und Katrin Säckel können deshalb nicht davon ausgehen, dass der Regen-Donnerstag der letzte Streiktag in diesem Jahr war. Bleibt es beim KAV-Angebot vom Montag, müssen sie damit rechnen, vielleicht schon im November erneut einen Tag ohne Bahnen und Busse in Dresden zu erleben. Am besten hatten es während des zweiten DVB-Streiks innerhalb von reichlich zwei Wochen die Autofahrer. Sie mussten nicht im Regen stehen oder laufen. Dafür staute sich der Verkehr an diesem Donnerstag vielerorts. Zum Beispiel auf der Radeburger Straße stadteinwärts und sogar auf der sonst meistens freien Waldschlößchenbrücke Richtung Johannstadt.

Im Dauerregen waren zwar auch viele Radfahrer unterwegs, doch wer konnte, hatte offensichtlich mehr noch als beim ersten Streik Ende September aufs eigene Auto gesetzt.

Stau auf der Waldschlösschenbrücke in Richtung Johannstadt.
Stau auf der Waldschlösschenbrücke in Richtung Johannstadt. © SZ/Christoph Springer
Verdi will mit dem Warnstreik erreichen, dass die Arbeitgeber bei den laufenden Tarifverhandlungen einlenken. 
Verdi will mit dem Warnstreik erreichen, dass die Arbeitgeber bei den laufenden Tarifverhandlungen einlenken.  © Tino Plunert
Die Straßenbahnen blieben an diesem Donnerstag in den Depots.
Die Straßenbahnen blieben an diesem Donnerstag in den Depots. © Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild
Vor der Einfahrt zum Betriebshof Trachenberge hat Verdi einen Streikposten organisiert.
Vor der Einfahrt zum Betriebshof Trachenberge hat Verdi einen Streikposten organisiert. © Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild

Serviceinfos zum Streik

Laut Angabe der Verkehrsbetriebe können Fahrgäste auf folgenden Linien mit Bussen rechnen: Ersatzverkehr EV11 sowie 61, 65, 66, 70, 72, 74, 75, 76, 79, 80, 81, 83, 84, 85, 86, 87, 88, 89 und 90. 

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Dass die Busse pünktlich fahren, ist aber nicht sicher. Sie werden in der Haltestellenauskunft der Verkehrsbetriebe im Internet und auf der Handy-App des Unternehmens angezeigt. Außerdem erscheinen Sie auf den Anzeigetafeln an den Haltestellen. Infos gibt es auch unter der DVB-Rufnummer 0351 857 1011 und beim Verkehrsverbund Oberelbe (VVO) unter Ruf 0351 852 6555.

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