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Was eine Trümmerfrau 1946 in Dresden erlebte

Eine neue Doku-Serie startet in Sachsen: Das ZDF-Format „Terra X“ erzählt vom Alltag einer Soldatenwitwe und Mutter in der zerstörten Stadt 1946.

Von Oliver Reinhard
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Mutter, Soldatenwitwe, vertrieben und gestrandet in Dresden: Henrike von Kuik spielt Elli Goebel.
Mutter, Soldatenwitwe, vertrieben und gestrandet in Dresden: Henrike von Kuik spielt Elli Goebel. © ZDF

Dokumentationen kennen viele Wege, um ihrem Publikum Geschichte nahezubringen. Der kürzeste und vielleicht auch wirksamste ist das Erzählen über persönliche Schicksale. Sehr erfolgreich und konsequent geht das ZDF-Format „Terra X“ dabei vor mit einer Doku-Fiction-Serie, die 24 Stunden Alltag von Menschen schildern, die zu besonderen Zeiten gelebt haben.

Zum Beispiel im zerstörten Nachkriegsdeutschland: Die neue Staffel startet mit der Folge „Ein Tag in Dresden 1946“. Also in jener Stadt, die durch die verheerenden Luftangriffe vom 13. und 14. Februar 1945 mehr als jeder andere deutsche Ort zum Symbol geworden ist für die Schrecken des modernen Krieges.

Elli und ihre Freundinnen gehören zu den insgesamt 580 Frauen, die von der Stadt Dresden als bezahlte Bau-Hilfsarbeiterinnen beschäftigt wurden.
Elli und ihre Freundinnen gehören zu den insgesamt 580 Frauen, die von der Stadt Dresden als bezahlte Bau-Hilfsarbeiterinnen beschäftigt wurden. © ZDF

„Elli Goebel“ heißt die Figur, deren fiktives Schicksal die ZDF-Autorinnen und Autoren stellvertretend für unzählige Frauen in jenen Tagen gestaltet haben: geboren in Breslau, Mutter von zwei Kindern, Soldatenwitwe, mit unzähligen Flüchtlingen Anfang 1945 nach Dresden gekommen und mit 10.000 von ihnen auch geblieben. Elli gehört zu den offiziell angestellten und bezahlten 580 Bau-Hilfsarbeiterinnen, die in ihren Sechs-Tage-Wochen die Trümmer beräumen. Auch unter den Freiwilligen ist die Mehrzahl Frauen; sie tragen den Hauptanteil der schweren und gefährlichen Schinderei. Der Bedarf ist 1946 enorm, nicht zuletzt, weil die Sowjets viel schweres Räumgerät als Reparationen konfisziert und für den Aufbau ihrer eigenen Heimat abtransportiert haben.

Wie der Mythos der heldischen Trümmerfrau entstand

Zum harten Alltag gehören neben den Gefahren auch Konflikte der Alt- und Neudresdner. Elli ist einem Rentnerpaar zugewiesen worden, bei denen sie und ihre Kinder leben. Das geht nicht ohne Reibungen ab, und für die Unterbringung muss Elli Lebensmittelkarten abgeben. Was nicht leicht, aber fair ist, den Trümmerfrauen gehören zur höchsten Zuteilungs-Kategorie, Rentner hingegen zur niedrigsten. Und von 1.000 Kalorien pro Tag kann man lediglich überleben. Beim Räumen sehen Elli und ihre Kolleginnen plötzlich seltsame Mitarbeiterinnen mit Fotografen und Kameraleuten auftauchen. Besser gekleidet, geschminkt, sauber und attraktiv.

Wie so viele Vertriebene wurden Elli Goebel und ihre Kinder bei einem Rentnerpaar untergebracht. Auf engem Raum kommt es immer wieder zu Konflikten.
Wie so viele Vertriebene wurden Elli Goebel und ihre Kinder bei einem Rentnerpaar untergebracht. Auf engem Raum kommt es immer wieder zu Konflikten. © ZDF

Es werden Aufnahmen gemacht für die Medien, die „Trümmerfrau“ soll ein positives und heldenhaftes Image bekommen. Denn diese Arbeiten haben während des Krieges deutsche Häftlinge erledigen müssen, auch aus KZ, und ausländische Kriegsgefangene, mit entsprechenden Auswirkungen auf das Ansehen der Enttrümmerer. Die gesamtdeutsche Kampagne zeigt Wirkung, bis heute: Sie trägt entscheidend zur Glorifizierung der Trümmerfrauen bei, zu deren Mythologisierung, nicht nur in Dresden. Leonie Treber hat das zu spüren bekommen. Die Historikerin schrieb 2014 das Buch „Mythos Trümmerfrauen“ und musste sich nach einem Interview in der Sächsischen Zeitung auch hier viele Schmähungen anhören.

Panzerfäuste zu Wäschestampfern

Treber gehört zu den Expertinnen und Experten, die neben den Spielszenen und historischen Originalaufnahmen in der Doku zu Wort kommen. Die Fachleute wurden vom Team handverlesen. So erklärt die Geschichtswissenschaftlerin Marita Kraus im Dresdner Stadtmuseum, wie sich die Menschen in der Not behalfen, aus Lumpen, Holz und Metall Kinderspielzeug bastelten, aus Uniformen und Vorhängen Kleider, aus Panzerfäusten und Stahlhelmen Wäschestampfer und Nudelsiebe. Was mit jenen geschah, die bei illegalen Tätigkeiten erwischt wurden oder als politisch bedrohlich galten, erklärt Mike Schmeitzner vom Dresdner Hannah-Arendt-Institut: Erstere erhielten teils lange Haftstrafen, Letztere mussten mit Schlimmerem rechnen. Von 150.000 „politischen“ Häftlingen überlebten 40.000 die Haft nicht.

Millionen Menschen verloren sich in der Kriegswirren aus den Augen. Elli Goebel sucht ihre Schwester. Doch alle Nachforschungen bleiben vergebens.
Millionen Menschen verloren sich in der Kriegswirren aus den Augen. Elli Goebel sucht ihre Schwester. Doch alle Nachforschungen bleiben vergebens. © ZDF

Elli Goebel kommt ebenfalls mit dem Gesetz in Konflikt. Durch eine Annonce der soeben neu gegründeten Sächsischen Zeitung erfährt die ehemalige Musiklehrerin, dass die Volksoper Plauen einen Geiger sucht. Oder eben eine Geigerin. Es ist ihr Instrument. Als ein Schieber und Schwarzhändler ihr eine Geige zeigt, kommt es zu einer Razzia. Auch Elli wird verhaftet. Ihre Kinder kann sie nicht benachrichtigen. Die Doku nutzt diese Episode, um auf die Schicksale vieler in den Kriegswirren „verlorener“ Kinder hinzuweisen. 500.000 von ihnen sind nach 1945 ohne Eltern oder andere Verwandte. Immerhin bei den jüngsten „Verlorenen“ arbeiten die Besatzungsmächte zusammen. Am Ende bleiben von 500.000 nur 4.000 allein zurück.

Gutes Beispiel dafür, was Geschichtsfernsehen leisten kann

Auch wenn „Ein Tag in Dresden 1946“ bei den Animationen der Stadtansichten von 1946 etwas schwächelt und die Musik gelegentlich ins Pathetische driftet: Die in Estland gedrehten Spielszenen sind überzeugend, ebenso die Darstellerinnen und Darsteller sowie, am wichtigsten, auch die 45-minütige „Terra X“-Doku insgesamt. Sie ist ein gelungenes Beispiel dafür, was gutes, weil niedrigschwelliges und trotzdem sorgfältig recherchiertes und zubereitetes Geschichtsfernsehen leisten kann.