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Warum diese Händler gerade jetzt in Dresden eröffnen

Die Profis für Schuhe in Übergrößen kritisieren Händler, die sich in der Pandemie als "Opfer" sehen. Sie selbst wollen Problemlöser sein.

Georg Mahn und Kay Zimmer (r.) haben mit ihrem Geschäft für Schuhe in Übergrößen auch in Dresden dankbare Kunden gefunden. Seit wenigen Wochen hat es in der Altmarktgalerie geöffnet.
Georg Mahn und Kay Zimmer (r.) haben mit ihrem Geschäft für Schuhe in Übergrößen auch in Dresden dankbare Kunden gefunden. Seit wenigen Wochen hat es in der Altmarktgalerie geöffnet. © privat

Dresden. Standortanalyse, Maklergespräche - darauf haben Georg Mahn und Kay Zimmer verzichtet, als sie überlegt haben, eine Dresdner Filiale ihres Geschäftes für Schuhe in Übergrößen zu eröffnen. "Wir sind einfach für ein Wochenende hergekommen, haben uns umgesehen und Leute auf der Straße gefragt, wo sie gern einkaufen gehen", erinnert sich Mahn. Die Altmarktgalerie wurde am meisten genannt und so hat dort seit wenigen Wochen ein "Schuhplus"-Laden geöffnet.

Die Folgen der Corona-Pandemie haben den beiden Schuhprofis dabei gute Verhandlungsgrundlagen beschert. So konnten sie im Einkaufscenter, in dem einige Läden leer stehen, günstige Mietkonditionen aushandeln, die auch keine jahrelange Bindung beinhalten, wie sonst üblich. "Sonst hätten wir den Vertrag auch nicht unterschrieben", sagt Mahn. "Man muss ganz deutlich sagen, dass die jetzige Zeit Chancen für Händler birgt. Die Mietspirale hat sich vor Corona nur nach oben gedreht und hatte mitunter jeglichen Bezug zur Realität verloren. Inzwischen sind die sorgenfreien Zeiten auch für die großen Center vorbei."

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Dass sie in Dresden ansässig sein wollen, stand für die beiden schon lange fest. Kunden aus der Stadt und der Region nutzen seit Jahren den Onlineshop, den Mahn und Zimmer bereits 2002 aufgebaut haben. "Damals haben wir mit 5.000 Euro Startkapital im Keller von Kays Oma angefangen. Es hat lange gedauert, die Webseite einzurichten und sichere Zahlungsmöglichkeiten anzubieten, an Paypal oder Sendungsnachverfolgung von Postdienstleistern war noch nicht zu denken" erinnert sich Mahn. Damals hätten ihn stattdessen alle Leute nach Katalogen gefragt. Das Internet war längst noch nicht überall angekommen. "Wir waren die Spinner mit dem Onlineshop. Ich weiß nicht, wie oft wir das damals gehört haben."

Gleichzeitig wussten die beiden, dass der psychologische Effekt, Schuhe im Geschäft anzufassen, das Material zu riechen und die Modelle anprobieren zu können, gerade für Menschen mit sehr großen Füßen besonders wichtig ist. "Dafür fahren die auch bis zu 50 oder 80 Kilometer weit, wenn sie wissen, dort gibt es eine große Auswahl für sie", sagt Mahn. Mit Größe 48 weiß der 45-Jährige, wovon er spricht. Seine Not, die passenden Schuhe für eine Hochzeit zu finden, war vor 19 Jahren die Geschäftsidee und die Geburtsstunde von "Schuhplus".

Emotionale Momente im Geschäft

Den ersten Laden haben die beiden im Hauptsitz der Firma in Dörverden bei Bremen eröffnet. Weitere kamen in den vergangenen Jahren in Kaltenkirchen, Saterland, Posthausen und Hamburg dazu. In diesem Jahr haben sich die beiden aus dem Norden in die ganze Republik getraut. Innerhalb von sechs Wochen haben sie nicht nur die Dresdner Filiale, sondern noch vier weitere in Leipzig, München, Nürnberg und Frankfurt/Main eröffnet.

"Wir wissen, dass fünf bis sieben Prozent der Bevölkerung Übergrößen benötigen, die finden in normalen Schuhgeschäften kaum etwas. Wenn dann zum Beispiel eine Frau mit Größe 44 plötzlich Dutzende Modelle vorfindet, ist das emotional oft für sie überwältigend", weiß Kay Zimmer. Er will mit Georg Mahn Problemlöser sein und weiß aus Dankes-Mails von Kunden, dass dies funktioniert. Deshalb setzen beide weiter auf Wachstum und wollen im Herbst noch mehr Läden öffnen. Dann sind es insgesamt 15 "Schuhplus"-Filialen.

Damit dort auch modisch alles stimmt, ist Kay Zimmer dafür verantwortlich, die geeigneten Modelle in den Damenschuhgrößen 42 bis 46 und den Herrengrößen 46 bis 54 zu ordern. Seit vielen Jahren hat "Schuhplus" Kontakte zu Herstellern wie Gabor, Mustang, Josef Seibel oder Remonte. Gerade jetzt im Juli müssen aus Musterkollektionen die Modelle für das Frühjahr und den Sommer 2022 bestellt werden. "Die Firmen stellen für uns dann so viele Schuhe in Übergrößen her, wie wir ordern. Ist ein Modell mal besonders gefragt, haben wir Pech, es wird nicht nachgefertigt", sagt Zimmer. Doch mit rund 20 Jahren Erfahrung wissen beide ziemlich genau, was bei den Kunden gut ankommt.

Was fast wie ein Selbstläufer klingt, hat in der Realität mit viel Arbeit zu tun. "Die Kunden kommen nicht einfach so zu uns, die müssen wir genau wie jeder andere Händler zu uns locken. Denn der Handel ist ständig im Wandel. Das funktioniert über soziale Netzwerke, vor zehn Jahren noch Facebook, heute eher Tiktok oder Instagram. Und über Aktionen. Wir beschäftigen allein sechs Mitarbeiter nur für Social Media", sagt Mahn.

Digitalen Anschluss verpasst

Er kann nicht verstehen, dass sich viele Händler in der Coronazeit in einer "Opferrolle" sehen. "Viele haben über Jahre hinweg den digitalen Anschluss verpasst, dabei ist es heute einfacher denn je eine Internetseite erstellen zu lassen. Dafür gibt es Hunderte Anbieter, das dauert keine zehn Minuten. Es gibt einfach keine Ausrede, man muss sich heute mehrere Standbeine zulegen", sagt Mahn.

Dass dies Zeit und vor allem Geld kostet, wissen die beiden Unternehmer, die auch privat ein Paar sind, nur zu gut. In ihren Anfangsjahren haben sie sich selbst nur 400 Euro Gehalt im Monat gezahlt, alle Gewinne wieder in die Firma investiert. Eine 70-Stunden-Woche war keine Seltenheit, Urlaube die Ausnahme. "Unser Glück ist, dass unsere Arbeit unsere Leidenschaft ist. Wir haben keine Kinder und so schauen wir ständig, wie wir uns noch verbessern können", sagt Mahn. Anderen Händler empfiehlt er, sich einfache Fragen zu stellen: "Was kann ich anders machen als Zalando oder Amazon? Was unterscheidet mich von anderen mit ähnlichen Angeboten? Wenn ich vergleichbar bin, habe ich ein Problem."

Für ihr Geschäft in Dresden haben die beiden ein Team aus Mitarbeitern gefunden, die alle ihre Arbeit während der coronabedingten Schließung verloren haben, sagt Mahn. Diese seien bisher völlig überrascht von der Dankbarkeit vieler Kunden. "Die haben uns erzählt, dass sie so etwas vorher kaum erlebt haben. Dann haben wir doch alles richtig gemacht."

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