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Einsame Weihnachten für benachteiligte Kinder

Die Corona-Regeln machen Besuche in Dresdens Wohngruppen von Jugendlichen unmöglich, verpflichten aber dazu. Ein Widerspruch mit Auswirkungen.

Wegen der Corona-Regeln können Dresdner Kinder, die aus ihren Familien genommen wurden, Weihnachten keinen Besuch bekommen.
Wegen der Corona-Regeln können Dresdner Kinder, die aus ihren Familien genommen wurden, Weihnachten keinen Besuch bekommen. © Tom Weller/dpa

Dresden. Wenn sich Regeln widersprechen, ist das ärgerlich. Wenn sich die Corona-Schutz-Verordnung des Landes widerspricht, kann das fatale Auswirkungen haben.

In Dresden gibt es derzeit 130 sogenannte stationäre Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe. In diesen leben 769 Kinder und Jugendliche, die massive Probleme haben. Nun droht ihnen ein einsames Weihnachtsfest.

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Bei den Einrichtungen handelt es sich um Wohngemeinschaften und Gruppen, in denen die Kinder und Jugendliche vor allem Kontakt mit ihren Betreuern und Sozialarbeitern haben, aber im Normalfall auch Besuch bekommen.

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Meist gab es vorab Probleme in den Familien, bis die Betroffenen auf ihren Elternhäusern geholt wurden - häufig gibt es lange Vorgeschichten, andere Hilfsversuche und gescheiterte Familiengeschichten. Diese jungen Dresdner können derzeit keinen Besuch bekommen und das liegt an der Corona-Schutz-Verordnung.

Denn in Paragraph 7 der Verordnung heißt es zwar, "die Einrichtungen sind zur Aufrechterhaltung der Besuchsmöglichkeiten verpflichtet". Gleichzeitig sind aber strenge Vorgaben aus Gesundheitsschutzgründen daran gebunden. So muss ein negativer Corona-Test vorgelegt werden, der nicht älter als 48 Stunden ist - oder ein Test vor dem betreten der Einrichtung gemacht werden.

Diese Tests darf aber nur "qualifiziertes Personal" durchführen. Die Test müssen auch sachgerecht gelagert und der Müll entsprechend abgeschottet werden. Treffen sollen dann in dann in Extra-Räumen stattfinden, in denen die Kinder und Jugendlichen nicht wohnen oder schlafen.

Damit haben die Träger der Jugendhilfe, die diese Einrichtungen betreiben, massive Probleme. "Uns fehlen dafür sämtliche Voraussetzungen", so Dirk Luther. Er ist der Bereichsleiter für die Region Dresden des Trägers "Outlaw Kinder- und Jugendhilfe" und damit für 15 Einrichtungen mit 120 Plätzen in Dresden und der Umgebung zuständig.

"Outlaw" bekomme wie alle anderen Träger keine Tests zur Verfügung gestellt, habe kein Personal, um diese fachgerecht durchführen zu können, es fehle an pandemiegerechten Lagerungs- und Entsorgungsmöglichkeiten. "Die möglichen Haftungsrisiken sind zudem nicht geklärt", sagt Luther. Auch Besucherzimmer gebe es in den meisten Wohngruppen nicht.

Stadt bestätigt das Problem

"Diese Diskrepanz besteht leider aktuell", bestätigen das Gesundheitsamt und das Jugendamt der Stadt auf Anfrage. "Die Einrichtungen können derzeit nach Bundestestverordnung die kostenfreien Tests nicht beziehen, sollen aber gleichwohl die Testungen als Zutrittskriterium durchführen."

Die Träger können gerade nur gegen die Corona-Regeln verstoßen. Ermöglichen sie keine Besuche, droht ein Bußgeld von 150 Euro pro Fall, die gleiche Summe steht im Bußgeldkatalog der Corona-Schutz-Verordnung, wenn unberechtigt Zutritt gewährt wird. Aktuell kann auch kein Vormund oder bei Bedarf Polizeibeamter hinein.

Das Wichtigste zum Coronavirus in Dresden:

Dem Gesundheitsamt sei diese Problematik bekannt und stehe dazu "in engem Austausch" mit dem zuständigen Sozialministerium. "Bis dies von der übergeordneten Behörde geklärt ist, sind unter Beachtung von bestimmten Kriterien wie der Anpassung des Hygienekonzepts an Infektionslage, der Einhaltung strenger Hygieneregeln, inklusive des korrekten Tragens eines chirurgischen Mund-Nasen-Schutzes, die Reduzierung der Besucherzahl und Einschränkung der Besuchszeit, einem Lüftungskonzept, Besuche in Besucherzimmern und wenn möglich Besuche im Freien möglich." Das sei die Festlegung des Dresdner Gesundheitsamtes.

"Was ist, wenn Oma zu Weihnachten kommen möchte?"

All das können die Träger in den seltensten Fällen aber leisten und Besucher im Freien werden im Winter schnell zur Zumutung. "Was ist, wenn Oma zu Weihnachten kommen möchte?, fragt Luther. "Die sozialen Kontakte sind insbesondere für diese Kinder und Jugendlichen enorm wichtig." Sie würden zwar in stationären Einrichtungen leben, die familienähnlich seien, aber die Familie nicht ersetzen können. "Und nicht alles ist an der Elbe möglich, es braucht auch den vertrauten Raum und Kontakte zur Familie haben Weihnachten eine besondere Bedeutung."

Zudem verkompliziere die Isolierung die pädagogische Betreuung, sodass die Probleme, die diese Kinder und Jugendlichen haben, sich noch verschlimmern können. "Wir brauchen Klarheit", fordert Dresdens "Outlaw"-Chef Luther. Zudem gebe es regionale Unterschiede. "Outlaw" ist bundesweit in dem Bereich aktiv. In Leipzig werden laut Luther Schnelltests und FFP2-Masken zur Verfügung gestellt, in Brandenburg werden keine Tests verlangt, sondern es gilt: Personen mit Symptomen kommen nicht in die Einrichtungen.

Die speziellen Bedingungen in der Kinder- und Jugendhilfe sei in der Verordnung nicht berücksichtigt. "Infektionsschutz wird höher gestellt als die sozialen Kontakt", moniert Luther. "Das ist auf Dauer nicht vertretbar." Deshalb müsse eine Lösung oder zumindest über die Weihnachtszeit eine Übergangslösung gefunden werden. Luther verstehe, dass eine Verordnung mit Regeln wegen der hohen Infektionszahlen notwendig ist. "Aber ich hätte mich gefreut, wenn die Jugendhilfe-Träger sich darauf hätten vorbereiten können." Das Sozialministerium äußerte sich bisher noch nicht auf eine Anfrage der SZ dazu.

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