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Flucht nach Dresden: "Die Taliban würden sie steinigen"

Aus Afghanistan wollen nach der Machtübernahme der Taliban viele Homosexuelle aus Todesangst flüchten. Ein begehrtes Ziel für sie ist Dresden.

Von Andreas Weller
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1n Afghanistan regieren die Taliban mit harten Methoden, deshalb wollen Schutzbedürftige weg.
1n Afghanistan regieren die Taliban mit harten Methoden, deshalb wollen Schutzbedürftige weg. © Abdul Khaliq/AP/dpa (Symbolbild)

Dresden. Nach dem Abzug der internationalen Truppen in Afghanistan Ende August hat die islamistische Terrorgruppe der Taliban längst wieder die Macht übernommen. Insbesondere Homosexuelle fürchten in dem Land um ihr Leben.

Viele von ihnen planen bereits ihre Flucht, einige davon wollen gezielt nach Dresden, weiß Ronald Zenker, ehrenamtlicher Chef der Koordinierungsstelle für LSBT-Flüchtlinge in Sachsen. LSBT steht für Lesben, Schwule, bisexuelle und transgeschlechtliche Menschen. Was erwartet Dresden?

Seit 2015 koordiniert Zenker mit einem kleinen Team die Unterbringung von LSBT-Geflüchteten. Er ist gleichzeitig Vorstandssprecher des Dresdner CSD-Vereins, der den Umzug zum Christopher Street Day organisiert.

Bisher wurden über die Koordinierungsstelle 427 Flüchtlinge aus Erstaufnahmeeinrichtungen herausgeholt, weil sie in den Heimen gemobbt wurden oder dies absehbar zu befürchten war. Wegen ihrer besonderen Schutzbedürftigkeit bekommen diese Menschen gemeinsame Wohnungen zur Verfügung gestellt.

Meiste Geflüchtete kommen nicht mit Schleppern

Anfangs gab es für sie vorwiegend in Dresden, aber auch in Leipzig und Chemnitz Wohnungen. "Mittlerweile werden sie auf alle Landkreise verteilt", sagt Zenker. Deshalb werde die Koordinierungsstelle künftig auch mit der Arbeiterwohlfahrt kooperieren, denn die AWO hat viele Wohnungen und Beratungsstellen in den betreffenden Bereichen. In Dresden werden aber die meisten von ihnen untergebracht.

Um die Arbeit der Koordinierungsstelle fortführen zu können, hat Zenker jetzt beim Land einen Förderantrag für die kommenden drei Jahre eingereicht. Es geht um insgesamt 200.000 Euro, um die Arbeit zu finanzieren. "Wir machen das im Ehrenamt und mit Teilzeitkräften", erklärt der Landeskoordinator.

Aktuell sei die Lage relativ ruhig, sagt Zenker. "Das liegt vor allem an Corona und den Reisebeschränkungen. Sobald uneingeschränkte Reisen wieder möglich sind, werden wir ganz schnell wieder hohe Zahlen haben." Denn die allermeisten Geflüchteten kämen über den offiziellen Weg, nicht mit sogenannten Schleppern.

Auch die Lage in Afghanistan und Zenkers Verbindungen dorthin lassen einen verstärkten Zustrom nach Dresden erwarten. "Das wird kommen, mehrere Organisationen dort haben uns mitgeteilt, dass viele queere Personen bereitstehen und sich informieren, wie sie aus dem Land kommen."

Wie viele Personen es sein werden, sei noch nicht abschätzbar. "Sie haben Angst. Die Taliban würden sie steinigen oder aus dem fünften Stock werfen, wenn ihre Homosexualität bekannt wird", beschreibt Zenker, was die Betroffenen in ihrem Land erwartet.

"Entlassen, weil wir schwul sind"

Es werde in absehbarer Zeit losgehen, dass LSBT-Personen aus Afghanistan rausdrängen. "Davor graut mir etwas, denn mit Corona wird es schwierig, schnell zu helfen - wegen möglicher Quarantäne", so Zenker. Aber den Personen müsse geholfen werden. Und Zenker erwartet viele komplizierte Fälle.

Zwar ist laut sächsischer Aufteilung eigentlich Chemnitz vornehmlich für Flüchtlinge aus Afghanistan zuständig, aber Dresden hat auch bereits einige Afghanen aufgenommen. Homosexuelle - es werden wie bisher vorwiegend junge Männer erwartet - werden allerdings auch künftig vorwiegend nach Dresden umverlegt, erklärt Zenker.

Aktuell gebe es zwar nicht mehr viele freie Plätze in Wohnungen für die besonders Schutzbedürftigen. "Aber die beschaffen wir uns dann schon bei der Stadt Dresden", ist Zenker zuversichtlich.

Wie es ist, als Homosexueller im eigenen Land geächtet zu sein, weiß Oscar Chirinos. Der 33-Jährige ist vor gut vier Jahren aus seiner Heimat Venezuela nach Dresden gekommen. Er war erst Helfer und ist mittlerweile Mitarbeiter in der Koordinierungsstelle. "In Venezuela gibt es zwar keine Todesstrafe für Homosexuelle wie beispielsweise in Saudi-Arabien. Aber mein Freund und ich wurden aus dem öffentlichen Dienst entlassen, weil wir schwul sind." Aus Venezuela flüchten zudem viele Homosexuelle, weil es dort keine Medikamente gegen das HI-Virus gibt und sie damit infiziert sind. Chirinos will dann als Ansprechpartner für die erwarteten Flüchtlinge aus Afghanistan da sein.

Im Sommer 2019 waren Vorwürfe gegen Zenker bekannt geworden, er soll Sex mit Schutzbefohlenen, also queeren Geflüchteten, gehabt haben. Zenker hat diesen widersprochen, sich aber beurlauben lassen und seinerseits Vorwürfe erhoben.

Mittlerweile sei alles ausgeräumt. "Ich bin ja auch schon lange wieder als Landeskoordinator eingesetzt", sagt Zenker.