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Bestellte Falschaussagen

Nachbarschaftskrieg mit überraschender Wende: Mehrere Zeugen belasten die vermeintliche Geschädigte einer Schlägerei unter Frauen in Dresden schwer.

In einem Prozess am Amtsgericht Dresden flog ein abgesprochener Schwindel auf - und so kam es zu einer überraschenden Wende.
In einem Prozess am Amtsgericht Dresden flog ein abgesprochener Schwindel auf - und so kam es zu einer überraschenden Wende. ©  Archiv/René Meinig

Dresden. Was genau sich am 28. November vergangenen Jahres in Seidnitz zugetragen hat, man wird es nie erfahren. Mehr als die ungefähre Uhrzeit, 15 Uhr, und der Tatort, die Marienberger Straße irgendwo in der Nähe der Haltestelle Knappestraße, und die Blessuren einer vermeintlichen Geschädigten sind nicht sicher bekannt. 

Alles Weitere wissen zwei beteiligte Frauen und möglicherweise auch der Ehemann von einer der beiden, der zum Zeugen einer hässlichen Keilerei geworden war. Die beiden Frauen waren sich auf offener Straße im wahrsten Sinne des Worte in die Haare gekommen.

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Es gab ein angeblich minutenlanges Gerangel und Gezerre. Eine der beiden Frauen saß nun als Angeklagte vor dem Amtsgericht Dresden, die andere als sogenannte Adhäsionsklägerin, die als Prozessbeteiligte ein Schmerzensgeld bekommen wollte. Doch dieser Versuch ging gründlich schief. 

Laut Anklage soll die 36-jährige Telefonistin die „Geschädigte“ unter anderem gegen einen Zaun gestoßen haben, sie auch an den Haaren gezogen und gewürgt haben. Davon zeugten laut Anklage eine Reihe Verletzungen, Hautabschürfungen und blaue Flecke.

Ausgestiegen und angespuckt

Die Angeklagte berichtete eine gänzlich andere Version. Sie sagte, sie sei im Transporter ihres Mannes mitgefahren, als die 28-Jährige, eine frühere Nachbarin, ihr auf dem Fußweg den Stinkefinger gezeigt habe. „Da wir schon mehrfach von ihr beleidigt und auch bei der Polizei angezeigt worden waren, habe ich sie angesprochen.“ Sie sei daher ausgestiegen und unmittelbar von der Frau angespuckt worden.

Als sie sich den Speichel aus dem Gesicht wischte, habe die Angreiferin sie an den Haaren gezerrt. „Ich hab’ nur noch versucht, meine Haare zu befreien“, sagte die Angeklagte. Bei dem Gerangel sei die 28-jährige auch hingefallen. Schließlich sei ihr Mann dazugekommen, habe sie getrennt und sie seien losgefahren.

Die Angeklagte vermutete, die Geschädigte habe sich zumindest einen Teil der Verletzungen selbst beigebracht. Sie habe die Frau nicht gewürgt. Man kenne sich schon länger. Sie habe ihre ehemalige Nachbarin auch einmal angezeigt, „weil sie ihre Kinder immer so anschreit“.

Geschlagen und getreten

Dann war die Geschädigte an der Reihe. Sie sagte, sie sei mit ihrem damals drei Monate alten Sohn auf dem Weg zu einem Baumarkt gewesen, weil einer der Reifen des Kinderwagens platt gewesen sei. 

In der Marienberger Straße habe der weiße Transporter gehalten, die Angeklagte sei ausgestiegen und habe sie unvermittelt angegriffen: „Die kam wie eine Hysterische auf mich zu!“ Sie sei gepackt und gewürgt worden, die Angeklagte habe ihr an die Kehle gegriffen, geschlagen und getreten.

Sie habe um Hilfe gerufen und es habe auch ein rotes Auto kurz gehalten, sei aber weitergefahren. „Dann hat die weitergemacht!“ Dann sei der Mann der Angeklagten dazwischen gegangen, habe sie getrennt. „Als ich sagte, ich rufe jetzt die Polizei, hat er gesagt: ,Komm, wir verpissen uns‘“, so die vermeintliche Geschädigte. Sie hatte tatsächlich die Polizei alarmiert und war noch vor Ort vernommen worden.

Sie sei von der Angeklagten von der Nachbarwohnung aus am Balkon mit dem Handy abgehört und wegen Kindeswohlgefährdung angezeigt worden: „Sie kann doch nicht wissen, was wir reden.“ Sie habe zwei Kinder, da sei es doch normal, dass es auch mal lauter sei.

Bei der Polizei gelogen

Der 44-jährige Ehemann bestätigte grob die Version seiner Frau. Doch wirklich interessant wurden erst die nächsten beiden Zeugen. Der erste, ein 34-Jähriger, der bei der Polizei ausgesagt hatte, dass er die Auseinandersetzung der Frauen aus einem vorbeifahrenden Bus beobachtet habe, sagte sofort: „Meine Aussage bei der Polizei war gelogen. Ich hab’ gar nichts gesehen.“ Die 28-Jährige habe ihn angerufen, geweint und ihn gebeten, für sie auszusagen.

Als wäre das nicht schon schlimm genug – auch Verteidiger Michael Maushake hatte zwei Zeuginnen mitgebracht, die Ähnliches erlebt hatten. Eine der beiden Frauen rief Richter Ulrich Garrelts in den Saal. 

Die Zeugin, eine Nachbarin der Geschädigten, sagte, sie sei von der 28-Jährigen wörtlich gefragt worden, ob sie „eine Falschaussage“ gegen die Angeklagte machen würde. Das habe sie unmittelbar abgelehnt, sagte die angehende Erzieherin. Damals habe sie die Angeklagte noch nicht gekannt.

Nach dieser überraschenden Wende berichtete Richter Garrelts, dass die Geschädigte zweifach vorbestraft sei, wegen Körperverletzungsdelikten – und wegen falscher Verdächtigung. Es kam, wie es kommen musste. 

Garrelts sprach die bislang nicht vorbestrafte Angeklagte frei. Es ließe sich nicht mehr klären, was tatsächlich passiert sei. Im Zweifel sei daher für die Angeklagte zu entscheiden. So hatten es auch die Staatsanwältin und der Verteidiger gefordert.

Einzig Rechtsanwalt Peter Braun, der Anwalt der Geschädigten, sagte, der Vorwurf habe sich in der Beweisaufnahme bestätigt. Er forderte eine Geldstrafe für die Angeklagte. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. 

Ganz unabhängig davon, ob diese krumme Sache am Landgericht Dresden neu aufgerollt werden muss: Für die Justiz ist die Sache noch lange nicht erledigt, weil nun geprüft werden muss, erneut gegen die Geschädigte und möglicherweise auch gegen den Zeugen wegen Aussagedelikten zu ermitteln. 

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