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Das Geheimnis der Tortentesterin vom Café Toscana

Claudia Hanitzsch probiert für das Dresdner Café die neuen Kuchen. Eigentlich ein Traumjob. Wäre da nicht ihre Krankheit.

Muss vor dem Essen ihrer Lieblingstorte per Bluetooth Insulin spritzen: Claudia Hanitzsch von der Bäckerei Eisold.
Muss vor dem Essen ihrer Lieblingstorte per Bluetooth Insulin spritzen: Claudia Hanitzsch von der Bäckerei Eisold. © Jana Hauke/Fotomana

Von Daniel Krüger und Jana Hauke

Dresden. Claudia Hanitzsch hat noch eine kleine Ecke Stollen auf ihrem Teller liegen, in ihren Mundwinkeln hängt etwas Puderzucker. "Eigentlich soll ich vorher messen", sagt sie und greift nach einem schwarzen Gerät in einer pinkfarbenen Hülle, das aussieht wie ein Smartphone aus den ersten Generationen. Pink ist Claudia Hanitzschs Lieblingsfarbe.

Und der "Omnipod" ist für sie - anders als das Smartphone - tatsächlich überlebenswichtig. Denn das Gerät steuert ein besonderes Pflaster, das Hanitzsch unter ihren Achseln kleben hat. Die Typ-1-Diabetikerin tippt Mahlzeiten und Blutzuckerwerte auf dem Display ein - dann reagiert das Pflaster über Bluetooth und schießt per Kanüle Insulin in ihre Blutbahn.

Im besten Fall macht die 38-Jährige das bereits vor dem Essen. "Aber ich kann oft einfach nicht abschätzen, wie viele und welche Kohlenhydrate es sein werden", sagt sie. Besonders in Restaurants sei das schwierig. Da wisse man nie, ob die Soße jetzt mit Mehl angerührt sei, viel oder wenig Fett, Zucker oder eher Süßstoff enthalte.

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Sie nimmt die Kuchen mit ins Büro

Ähnlich geht es ihr in ihrem Job. Hanitzsch macht Marketing für die Bäckereikette Eisold, die auch das Café Toscana am Dresdner Schillerplatz betreibt. Hier treffen wir sie. Das Café ist eine echte Institution in der Stadt - mit direktem Blick auf das Blaue Wunder und den Elbhang.

Die Aufgabe der 38-Jährigen: Sie bewirbt die Backwaren der Kette, schießt Fotos von Torten und Kuchen, schreibt Werbetexte - und entscheidet darüber, welche Sahneschnitten es tatsächlich in die Verkaufstheke schaffen.

Unter der Kleidung quasi nicht sichtbar: Im Sommer versteckt Claudia Hanitzsch ihre wasserfesten Pflaster unter Bikini und Badehose.
Unter der Kleidung quasi nicht sichtbar: Im Sommer versteckt Claudia Hanitzsch ihre wasserfesten Pflaster unter Bikini und Badehose. © Jana Hauke/Fotomana

Dafür sitzt sie mindestens einmal die Woche mit den Konditoren und Produktionsleitern in einem Verkostungs-Meeting. "Ohne zu probieren kann ich meinen Job nicht machen", sagt Hanitzsch. Kuchentester sein - eigentlich ein Traumberuf.

Job in der Industrie: "Sehr langweilig"

Doch mit der Zuckerkrankheit bekommt der Wunsch aller Naschkatzen plötzlich einen bitteren Beigeschmack. "Niemand sieht, wie es mir hinter meiner Maske wirklich geht, dass ich auch während des Jobs ständig an meinen Diabetes denke", sagt Hanitzsch.

Jahrelang hat die Mutter von zwei Kindern Werbung für Industrieprodukte gemacht - das sei "sehr technisch und sehr langweilig" gewesen, sagt sie. Und süße Sachen seien schon immer ihr Ding. Über eine Personalvermittlung kam sie im Juni dieses Jahres zur Bäckereikette und wollte den Job unbedingt - trotz ihrer Autoimmunerkrankung.

Sie sei im Bewerbungsgespräch offensiv damit umgegangen. "Für meinen Chef war das kein Thema", sagt Hanitzsch. Die Kollegen würden es problemlos akzeptieren, dass die 38-Jährige Cremes, Kuchenüberzüge und Tortenstücke erst nach den Meetings in ihrem Büro verkoste - weil sie dort die Kohlenhydrate schätzen kann.

Krankheit läuft schleichend an

Viel eher macht Hanitzsch selbst die Krankheit zu schaffen. Warum sie den selteneren Typ 1 2004 bekommen hat, weiß niemand. Bei dieser Diabetes-Form zerstört der Körper eigene Bauchspeicheldrüsenzellen, die für die Insulin-Produktion verantwortlich sind. Insulin sorgt dafür, dass Zucker vom Blut in den Körper gelangt.

Wird kein Insulin produziert, steigt der Blutzuckerspiegel an - mit schweren Folgen für das Gehirn und die Organe. Wissenschaftler gehen von verschiedenen möglichen Ursachen aus. Genetik, Stillzeiten, glutenhaltige Nahrung - es könnte alles sein oder nichts davon. In der Familie von Claudia Hanitzsch leidet außer ihr niemand an der Krankheit.

Die begeisterte Halbmarathon-Läuferin fährt vor 17 Jahren mit ihrem frisch angetrauten Ehemann in die Flitterwochen nach Ägypten. Hier bemerkt sie zum ersten Mal, dass sie sich schwächer fühlt als sonst. "Es kam schleichend." In den folgenden Monaten kommen Müdigkeit und starker Durst dazu.

"Ich hatte Angst vor dem Spritzen"

"Nach den Nachtschichten, die ich damals noch gemacht habe, habe ich plötzlich geschlafen wie ein Stein und hatte permanent Wadenkrämpfe", erzählt sie. Sie lässt sich untersuchen. Die Diagnose Diabetes habe ihr den Boden unter den Füßen weggezogen.

Auch das Spritzen in den Bauch macht ihr Angst. Erst mit den Jahren lernt Claudia Hanitzsch mit ihrer Krankheit umzugehen. Dank moderner Medizin trägt sie heute das kleine, mit Insulin befüllte Pflaster unter ihrer Kleidung, das ihren Körper quasi minütlich mit einer bestimmten Menge Insulin versorgt.

Claudia Hanitzsch zieht Insulin mit einer Spritze auf. Damit befüllt sie dann das Pflaster, das an ihrer Haut befestigt ist. Alle drei Tage wird es ausgewechselt.
Claudia Hanitzsch zieht Insulin mit einer Spritze auf. Damit befüllt sie dann das Pflaster, das an ihrer Haut befestigt ist. Alle drei Tage wird es ausgewechselt. © Jana Hauke/Fotomana

Ein zweites Pflaster, ein Sensor mit Kanüle, misst ihren Blutzuckerspiegel. Weil beide Pflaster wasserfest sind, lassen sie sich selbst im Freibad leicht verstecken.

Ein Fakt, der Claudia Hanitzsch beruhigt. "Ich will nicht auffallen. Man muss sich sonst ständig erklären und es ist mir furchtbar unangenehm, Schwäche zu zeigen", gibt sie zu. Gleichzeitig hat diese Unsichtbarkeit aber auch Nachteile.

Jeder Tag muss akribisch geplant werden

In Gedanken plane sie jeden Tag akribisch, Mahlzeiten, Autofahren, Sport, Kampf gegen zu viel Stress. Nach außen muss sie funktionieren, im Inneren herrscht Angst, "dass man mir etwas anmerkt".

Mit ihrem Schritt an die Öffentlichkeit möchte Claudia Hanitzsch auch ein Zeichen für Menschen setzen, denen es ähnlich geht. Zeigen, dass die Krankheit nicht "einfach so nebenher läuft, wenn die Medikamente gut eingestellt sind".

Claudia Hanitzsch nimmt einen Schluck aus der Kaffeetasse und lacht. "Eigentlich ist Diabetes Typ 1 ein Vollzeitjob." Ihren Beruf aber liebt sie - trotz aller Herausforderungen.

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