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Dresdner Gastronomen: Wo bleibt die Novemberhilfe?

Viele Wirte können ihre Kosten nicht decken, weil das versprochene Geld später kommt. Warum das so ist und was das für die Branche bedeutet.

Nicole und Markus Blonkowski betreiben in Dresden das Sternerestaurant Genuss-Atelier. Über die bis jetzt ausgebliebene Novemberhilfe ärgern sich die beiden Gastronomen.
Nicole und Markus Blonkowski betreiben in Dresden das Sternerestaurant Genuss-Atelier. Über die bis jetzt ausgebliebene Novemberhilfe ärgern sich die beiden Gastronomen. © Stephan Floß

Dresden. Ab kommendem Montag gilt in Dresden der harte Lockdown, Schulen, Kitas und fast alle Geschäfte müssen schließen. Schon seit November sind die Restaurants in der Stadt bis auf das To-Go-Geschäft geschlossen – und nun wird die Luft immer dünner. Denn von der angekündigten Novemberhilfe haben viele Dresdner Gastronomen noch keinen Euro gesehen.

In einem deftigen Facebook-Post in Richtung Bundesregierung ärgern sich Nicole und Markus Blonkowski vom Sternerestaurant Genuss-Atelier, das sie an der Bautzner Straße in der Radeberger Vorstadt betreiben: „Die ach so unbürokratisch und groß angekündigte ‚Novemberhilfe‘ in Höhe von 75 Prozent des Novemberumsatzes 2019 dürfen wir wohl auch im Dezember nicht erwarten.“ Die Anträge habe man erst ab 25. November über die Steuerberater stellen können. Und weiter: „Selbst das Getöne über erste Abschlagszahlungen bis zu 10.000 Euro ist ein Armutszeugnis, denn selbst die sind bisher bei einem Großteil unserer Kollegen – uns eingeschlossen – nicht geflossen. Und wenn, wüssten wir ohnehin nicht, welches Loch wir damit zuerst stopfen sollten. Dass auf die Novemberhilfe auch die Dezemberhilfe folgen soll, ist ja ganz toll – der Wahnsinn – Schulterklopfer.“ In sarkastischem Ton machen die beiden Dresdner Gastronomen ihrem Ärger und ihrer Wut Luft.

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"Unternehmen werden in die Insolvenz getrieben"

"Die Nachricht, dass die Novemberhilfe erst im Januar bei den Antragstellern ankommen wird, hat uns hart getroffen und es wird für uns und viele Kollegen schwer, bis dahin nicht in die Zahlungsunfähigkeit abzurutschen", sagt Michael Möckel, Geschäftsführer der beiden Wenzel-Restaurants in der Königstraße und am Postplatz. "Wir mussten schon einige unserer Restaurants vorerst schließen, um bis ins neue Jahr hinein zu überleben. Da reichte das To-go-Geschäft nicht aus", sagt Möckel. Es herrsche in der Branche großes Unverständnis, dass das Versprechen einer schnellen Hilfe offensichtlich gebrochen wird und Unternehmen in oder an den Rand der Insolvenz getrieben werden.

Etwas anders sieht es beim Luisenhof aus. "Wir haben die Novemberhilfen am 27. November beantragt und am 8. Dezember den ersten Abschlag von 10.000 Euro erhalten", sagt Wirt Carsten Rühle. Bei den Novemberlöhnen für das Personal musste er also in Vorleistung gehen, das Kurzarbeitergeld habe er dennoch auf 100 Prozent aufgestockt. "Ich hoffe, dass wir das auch im Dezember leisten können. Unsere Mitarbeiter können ja nichts für die aktuelle Situation und sind auf ihr Gehalt angewiesen", so Rühle weiter.

Wirte rechnen mit längerer Schließung

Der Wirt rechnet damit, dass die Schließung deutlich länger als bis zum 10. Januar kommenden Jahres bestehen bleibt. Rühle setzt auf den Lieferdienst, damit er die Ausfälle etwas abfedern kann, und hat das Angebot noch einmal erweitert. "Ab sofort können unsere Gäste nicht nur Gänsebraten mit allen Beilagen bestellen, sondern sich auch ihre Luisenhof-Box selbst zusammenstellen mit Vorspeisen, Hauptgängen und Desserts." Neben Lieferung ist auch Abholung möglich, gekocht wird auch an den Weihnachtsfeiertagen.

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Dehoga: "Wir haben ein massives Liquiditätsproblem"

Axel Klein, Geschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbandes Sachsen, bestätigt, dass die Auszahlungen der November-Hilfen bislang nicht alle Unternehmen in der Branche erreicht haben. Von rund 6.500 gestellten Anträgen in Sachsen habe es in den vergangenen Tagen erst für etwa 4.500 die entsprechenden Abschlagszahlungen gegeben. "Allerdings sind die November-Hilfen ohnehin für viele Restaurants und Hotels nur ein Tropfen auf den heißen Stein", so der Dehoga-Chef. 10.000 Euro seien für einen großen Betrieb mit vielen Angestellten gerade einmal die Hälfte der Krankenkassenbeiträge.

Dennoch: "Die Kosten fallen jetzt an. Deshalb brauchen die Unternehmen das Geld so schnell wie möglich." Zudem wirft Axel Klein einen besorgten Blick auf weitere Hilfen im Dezember und Januar. Ist das Geld vom November noch nicht da und hat der Gastronom womöglich noch einen Kredit aufgenommen, steht in der Bilanz ein Minus. Diese Schulden verhindern dann wiederum die Auszahlung weiterer Corona-Hilfen. "Wir haben in der Branche ein massives Liquiditätsproblem."

Bundesfinanzminister will Abschlagzahlungen erhöhen

Das Bundesfinanzministerium lässt die SZ-Anfrage, warum die Hilfen so schleppend bei den Gastronomen ankommen, unbeantwortet. Stattdessen verweist ein Sprecher auf das "Maßnahmenpaket von historischem Ausmaß" und die zahlreichen Hilfsprogramme, die aufgelegt wurden. "Bei den Direkthilfen (bis 5.000 Euro) sind bereits in fast 90 Prozent der Fälle Abschlagszahlungen ausgezahlt worden, fast 75 Prozent der übrigen Antragsteller haben ebenfalls bereits eine Abschlagszahlung erhalten", so der Sprecher mit Blick auf die deutschlandweit geleisteten und branchenübergreifenden Novemberhilfen. Im Dezember werde die finanzielle Hilfe fortgesetzt.

Nach SZ-Informationen befürwortet Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) zudem, die Abschlagszahlungen auf 50.000 Euro zu erhöhen, also jeweils 50.000 für November und Dezember. Um einen Missbrauch der Leistungen zu verhindern, bestehe die Regierung aber darauf, dass die Auszahlungen schärfer von den Ländern geprüft werden. So solle sich die Prüfquote von fünf auf 30 Prozent der gewährten Abschlagszahlungen erhöhen.

Appell: "Wir wollen wieder schnell öffnen"

Dehoga-Chef Axel Klein appelliert im Sinne der Gastwirte und Hoteliers an die Vernunft der Menschen: "Wir müssen jetzt auch darauf schauen, dass es bald weitergeht. Jeder sollte sich über die Feiertage an die Regeln halten, damit Gaststätten und Hotels schnell wieder öffnen können." Bislang habe die Schließung am 2. November noch nicht den gewünschten Effekt auf die Infektionszahlen gehabt.

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