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Dresdner Wirte stellen Lieferdienste ein

Während Corona sollte der Außer-Haus-Verkauf den Wirten helfen. Doch das lohnt sich kaum. Der "Wenzel"-Chef appelliert jetzt an Ministerpräsident Kretschmer.

Michael Möckel ist der Chef vom Wenzel. Den Außer-Haus-Verkauf hat er im Februar aus wirtschaftlichen Gründen aufgegeben.
Michael Möckel ist der Chef vom Wenzel. Den Außer-Haus-Verkauf hat er im Februar aus wirtschaftlichen Gründen aufgegeben. © Marion Doering

Dresden. Keine Gäste, kaum Umsatz - seit über drei Monaten sind die Dresdner Restaurants geschlossen. Was noch erlaubt ist: das To-Go-Geschäft, also Essen, was vorbestellt und abgeholt wird, sowie Lieferdienste. Doch immer mehr Gastronomen in Dresden stellen dieses Angebot ein - weil es sich nicht lohnt.

"Wir haben mit dem Februar unser 'Wenzel-für-Daheim'-Geschäft eingestellt. Wir konnten es schlichtweg nicht mehr kostendeckend anbieten", sagt Michael Möckel, Geschäftsführer der beiden Wenzel-Restaurants am Postplatz und in der Königstraße. Noch schwieriger werde die Situation dadurch, dass die Novemberhilfe noch immer nicht eingetroffen sei und das Geld einfach fehle.

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Wenzel-Restaurants: Verlust von 580.000 Euro

Möckel möchte sich auf keinen Fall als Corona-Leugner verstanden wissen und betont, dass er versteht, dass der Lockdown nötig ist. "Nachdem wir verkündet haben, dass wir das Angebot einstellen, war die Rückmeldung unserer Gäste verständnisvoll, unterstützend, aber auch fassungslos, dass die Novemberhilfe noch nicht angekommen war", sagt er.

Er habe versucht, in den sozialen Medien öffentlich dem typischen Politiker-"Bashing" entgegenzuwirken. Doch nun reicht es ihm. "Wir haben einen Brief an Ministerpräsident Kretschmer abgegeben, denn wir wissen nicht mehr weiter."

Im Brief beschreibt er Michael Kretschmer (CDU) seine finanzielle Situation und erklärt dem sächsischen Ministerpräsidenten, dass das Wenzel seine Zahlungsfähigkeit nur noch durch einen teuren, mit ganzen sieben Prozent verzinsten Kontokorrentkredit aufrechterhält.

"Dieser läuft am 15. Februar endgültig aus. Die Zeit rennt also", sagt er. Den ersten Lockdown im Frühjahr vergangenen Jahres habe er noch durch ein Eigenkapitalpolster ohne staatliche Hilfe bewältigen können.

Seinen 140 Mitarbeitern stockte er das Kurzarbeitergeld auf 80 Prozent des Nettogehalts aus eigenen Mitteln auf. "Wir haben in dieser Zeit einen Verlust von 580.000 Euro aufgebaut", sagt er bedrückt.

Verzweifelter Gastwirt: "Können Verpflichtungen nicht nachkommen"

Mit dem zweiten Lockdown - seit 2. November sind sächsische Gaststätten geschlossen - seien nun alle Eigenmittel aufgebraucht. "Von den beantragten November- und Dezemberhilfen in Höhe von 900.000 Euro haben wir bis heute nur 160.000 Euro durch Abschlagszahlung und Überbrückungshilfe II erhalten, die nicht einmal reichen, um das Kurzarbeitergeld vorzuschießen", so Möckel.

Ein Problem von ihm und allen anderen Gastronomen: Bisher könne man die Dezemberhilfe und die Überbrückungshilfe III noch nicht einmal beantragen. Die Auszahlung für die Überbrückungshilfe III für den Januar sei erst für Mitte März angekündigt.

"Diese Zeiträume können wir aus eigenen Mitteln wie fast alle unsere Kollegen nicht überbrücken", so der Wenzel-Chef.

Verzweifelt schreibt er an den Ministerpräsidenten gerichtet: "Wir appellieren an Sie, den Druck auf die ausführenden Institutionen zu verstärken und die Beantragung und Auszahlung der Gelder zu beschleunigen, da wir sonst in den nächsten Monaten keine Lohnzahlungen mehr an die 140 Mitarbeiter vorschießen können und unseren Verpflichtungen gegenüber unseren Vermietern und anderen Partner nicht nachkommen können."

"Manchmal sind es nur vier Essen am Tag"

Auch andere Gastronomen berichten, dass das Liefergeschäft bei Weitem nicht den Umsatz ersetzt, den ein voller Laden bringt. Der Sushi-Abholservice, der immer von Mittwoch bis Samstag von 17 bis 21 Uhr in Kastenmeiers Sushi-Bar im Taschenbergpalais angeboten wird, bringe nur ein kleines Zubrot.

"Mit dem Umsatz kann etwa ein Drittel des Umsatzes der Sushi-Bar ausgeglichen werden. Bezogen auf den Gesamtumsatz des 'Kastenmeiers' mit Restaurant, Sushi-Bar und Catering-Service macht das gerade mal zwei Prozent aus", erklärt Marten Schwass, Chef des Kempinski, in dem sich Kastenmeiers Restaurant befindet.

Auch Jürgen Sommer, der das Restaurant Sommers Wirtschaft im Volkshaus Laubegast betreibt, hält am Außer-Haus-Geschäft fest - auch, wenn es sich nicht lohnt. "Wir machen einfach weiter, wollen zeigen, dass wir noch da sind", sagt Sommer.

Täglich seien er und sein Koch vor Ort, auch wenn es manchmal nur vier bis acht Essen sind, die vorbestellt und abgeholt werden.

"Einige Stammgäste bleiben uns treu." Vorbestellt werden muss mindestens ein halber Tag vorher, die Abholung ist täglich zwischen 12 und 13 Uhr sowie zwischen 17 und 18 Uhr möglich.

Dabei kann sich das Essensangebot durchaus sehen lassen, es gibt unter anderen mehrere Steakgerichte, Gänsekeule und Sächsische Rinderroulade.

Schon im ersten Lockdown setzte Jürgen Sommer mit seinem Restaurant Sommers Wirtschaft auf das Außer-Haus-Geschäft. Das tut er auch jetzt: "Wir wollen zeigen, dass wir noch da sind."
Schon im ersten Lockdown setzte Jürgen Sommer mit seinem Restaurant Sommers Wirtschaft auf das Außer-Haus-Geschäft. Das tut er auch jetzt: "Wir wollen zeigen, dass wir noch da sind." © Archiv: Sven Ellger

Auch Jürgen Sommer wartet auf den Rest der beantragten November- und Dezemberhilfe, 50 Prozent habe er davon bereits bekommen. Davon muss er monatlich die volle Miete samt Nebenkosten an den Vermieter zahlen, 5.000 Euro mache allein das an Kosten aus.

Dennoch bleibt Sommer optimistisch: "Wenn alle finanziellen Hilfen wie angekündigt kommen, wird es schon irgendwie gehen." Und er hofft, dass der Inzidenzwert weiter fällt und die Gaststätten mit ihren ja bereits erprobten Hygienekonzepten bald öffnen dürfen. "Wir wollen einfach wieder aufmachen."

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