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Neue Götterskulptur für Großen Garten

Ein Steinbildhauer fertigt nach historischem Vorbild Silen mit dem Bacchusknaben. Worauf es bei dem Kunstwerk fürs Palais besonders ankommt.

Mit seinem kleinen Presslufthammer bearbeitet Steinbildhauer Stefan Dürre die Kopie der Götterskulptur von Silen. Die Maße übernimmt er vom Gipsmodell, das im Vordergrund zu sehen ist.
Mit seinem kleinen Presslufthammer bearbeitet Steinbildhauer Stefan Dürre die Kopie der Götterskulptur von Silen. Die Maße übernimmt er vom Gipsmodell, das im Vordergrund zu sehen ist. © Sven Ellger

Dresden. Mit seinem kleinen Presslufthammer steht Stefan Dürre an der gewaltigen Figur und pickert langsam die Oberfläche ab. Immerhin ist die Götterskulptur von Silen mit dem Bacchusknaben, die der griechischen Mythologie entstammt, über zwei Meter groß. 

Künftig soll sie am Palais im Großen Garten stehen. Rechts vom Steinbildhauer dient das genauso große Gipsmodell als Vorbild. Das hatte der Dresdner Kunstformer André Zehrfeld zusammengesetzt. 

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„Ich habe am Ende die Nähte bearbeitet und das Modell anhand alter Fotos ergänzt, sodass es dem historischen Vorbild entspricht“, erklärt Dürre. Nach dem Vorbild dieses Modells arbeitet er seit Dezember vergangenen Jahres an der Kopie. 

Marmor wurde aus Italien nach Dresden geliefert

Der Ursprung war ein fünf Tonnen schwerer Block aus Carrara-Marmor, der mit einem Schwertransport aus dem berühmten norditalienischen Abbaugebiet in Dürres Werkstatt im Dresdner Industriegelände gebracht wurde. 

Seitdem hat die Skulptur unter seinen Werkzeugen schon sichtbare Konturen angenommen. Der 57-jährige Dresdner ist nicht nur Steinbildhauer, sondern auch promovierter Kunsthistoriker. Mit diesem Fachwissen plant er vor allem die Restaurierung historischer Skulpturen. 

Das weiß Kai-Uwe Beger zu schätzen, der sich an diesem Tag vom Fortschritt der Arbeiten an Selen mit dem Bacchusknaben überzeugt. Er ist der zuständige Sachgebietsleiter im Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB). „Dr. Dürre hat die gesamte Historie der Skulpturen im Großen Garten erforscht und die wissenschaftliche Grundlage zur Herstellung von Kopien erarbeitet“, sagt Beger.

Das hat August der Starke mit der Skulptur zu tun

Sachsens Kurfürst August der Starke hatte seine Einkäufer einst nach Italien geschickt, um Marmor-Kunstwerke zu erwerben und sie im Großen Garten aufstellen zu lassen. In Rom stellte der französische Bildhauer Pierre L 'Estache die Silen-Skulptur nach dem Vorbild eines antiken Originals aus dem zweiten Jahrhundert her.

August der Starke hatte die Kopie bei ihm bestellt. Bei dieser Skulptur hält Silen den Bacchusknaben im Arm. Zuerst stand sie im Garten des Japanischen Palais. 1730 kam sie mit 160 weiteren Marmorskulpturen in den Großen Garten, wo die Skulptur auf der Stadtseite vor dem Palais aufgestellt wurde, erläutert Kunsthistoriker Dürre.

Das historische Foto zeigt die Marmorkulpturen von Silen (r.) und Herkules, die bis 1945 vor dem Palais im Großen Garten standen.
Das historische Foto zeigt die Marmorkulpturen von Silen (r.) und Herkules, die bis 1945 vor dem Palais im Großen Garten standen. © Foto: Deutsche Fotothek

Daneben stand das Marmor-Kunstwerk des Gottes Herkules, der seinen Sohn Telephos im Arm hält, das ebenfalls der französische Bildhauer in Rom hergestellt hatte. Beim Bombenangriff im Februar 1945 wurden Silen und Herkules beschädigt und eingelagert.

Erst 1992 setzte ein Bildhauer sie wieder zusammen, sodass die stark überarbeiteten und ergänzten Skulpturen seitdem im Palais stehen. Doch sie sind nicht standsicher genug, sodass die beiden Sockel vorm Palais verwaist bleiben.

„Die 161 um 1730 aufgestellten Skulpturen wurden bis in die 1750er-Jahre noch um 60 weitere ergänzt“, erläutert Dürre. „Es war ein sehr qualitätsvoller Skulpturenpark, der in Europa nur mit Versailles vergleichbar war.“ 

Die Kunstwerke standen dort bis zum Siebenjährigen Krieg. Doch nachdem die Preußen Dresden besetzt hatten, wurden 1760 viele Skulpturen zerstört. Heute zieren den Großen Garten nur noch 37 Skulpturen, darunter 22 aus Sandstein. 

Mit seinem Punktiergerät übernimmt der Steinbildhauer am Modell die Maße, um sie auf die Kopie zu übertragen. Die Punkte markiert er dann mit einem Stift.
Mit seinem Punktiergerät übernimmt der Steinbildhauer am Modell die Maße, um sie auf die Kopie zu übertragen. Die Punkte markiert er dann mit einem Stift. © Sven Ellger

Der Freistaat investiert rund 3,7 Millionen Euro für marode Skulpturen im Großen Garten, erläutert SIB-Sachgebietsleiter Beger. „Uns kommt es vor allem auf die Qualität an, da die Kopien den wertvollen Originalen entsprechen sollen“, sagt er.

Genau so soll die Silen-Skulptur werden. Zuerst wurden die groben Konturen der Kopie hergestellt, erläutert Steinbildhauer Dürre. Mit seinem Stift habe er dabei etwa 350 Punkte auf ihr markiert, um danach die Oberfläche zu bearbeiten. 

Dabei setzte Dürre unter anderem Trennschleifer und den Presslufthammer mit Meißeln verschiedener Größen ein. Letztlich ist die Oberfläche so, dass jetzt in der nächsten Runde bei der Feinbearbeitung noch etwa 1,5 Zentimeter von der Marmor-Skulptur abgetragen werden müssen.  

An der Werkstatt stehen das Modell (l.) und die Kopie der Skulptur, die noch fein bearbeitet werden muss.
An der Werkstatt stehen das Modell (l.) und die Kopie der Skulptur, die noch fein bearbeitet werden muss. © Foto: SZ/Peter Hilbert

Der Steinbildhauer schätzt, dass er dabei mit seinem Punktiergerät insgesamt rund 5.000 Punkte vom Modell zur Kopie übertragen muss, damit die Maße genau stimmen. Um beispielsweise ein Auge herzustellen, müssen etwa 20 Punkte auf wenigen Quadratzentimetern markiert werden, bei glatten Flächen sind es weniger.

Bei der Feinbearbeitung komme es letztlich auf den Millimeter an. „Um die Flächen zwischen den Punkten dem Original entsprechend genau zu bearbeiten, sind ein gutes Auge und Einfühlungsvermögen erforderlich“, erzählt der Experte. 

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Zum Schluss werde die Oberfläche noch in drei Gängen mit über 20 verschiedenen Raspeln bearbeitet und letztlich mehrfach mit Sandpapier geschliffen. Doch bis dahin ist noch viel Arbeit nötig. Geplant ist, dass Silen mit dem Bacchusknaben 2023 wieder vorm Palais im Großen Garten steht, erklärt SIB-Sachgebietsleiter Beger.

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