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Grünes-Gewölbe-Prozess: Polizei observierte Verdächtige vor dem Einbruch

Ehe die Täter in Dresden die Diamanten stahlen, sollen sie in Berlin Kontakt mit der Polizei gehabt haben.

Von Alexander Schneider
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Zwei Mitarbeiter der Spurensicherung stehen vor dem Residenzschloss mit dem Grünen Gewölbe. Auch an der Schlossmauer vor dem zerstörten Fenstergitter wurde DNA mehrerer Angeklagter sichergestellt.
Zwei Mitarbeiter der Spurensicherung stehen vor dem Residenzschloss mit dem Grünen Gewölbe. Auch an der Schlossmauer vor dem zerstörten Fenstergitter wurde DNA mehrerer Angeklagter sichergestellt. © Archivfoto: Sebastian Kahnert/dpa

Dresden/Berlin. Die mit Spannung erwartete Vernehmung von vier Berliner Polizisten brachte kaum neue Erkenntnisse. Wenige Stunden vor dem Einbruch ins Grüne Gewölbe Dresden am 25. November 2019 waren mehrere der mutmaßlichen Täter in Berlin in eine Verkehrskontrolle geraten. Da alle Insassen polizeibekannt waren und im Kofferraum Einbruchswerkzeug lag, wurde der weiße VW Golf unmittelbar nach der Kontrolle observiert. Es bestand der Verdacht, sie könnten eine Straftat begehen.

Die vier Beamten folgten dem VW gegen Mitternacht quer durch Charlottenburg und nach Kreuzberg. Sie berichteten am Freitag als Zeugen vor dem Landgericht Dresden, die drei Insassen seien ausgestiegen, der Fahrer nach Hause gefahren. Damit habe sich der Verdacht nicht erhärtet, und sie hätten die Observation abgebrochen. Der Einsatz sei deswegen auch nicht dokumentiert worden.

Die meisten Beamten konnte sich kaum an Einzelheiten erinnern. Es sei eine alltägliche Sache gewesen. Die Verteidiger kritisierten, die Beamten hätten in Polizeivernehmungen erst vor wenigen Wochen anders ausgesagt, sie forderten daher, die Vernehmungen nicht zu verwerten. Schon Anfang Juni hatten die Anwälte diese Vernehmungen kritisiert, als sie davon erfahren hatten. Die Staatsanwaltschaft, so der Vorwurf, habe eigenmächtig ermittelt, die Vernehmungen hätten schon damals in der Beweisaufnahme der Hauptverhandlung stattfinden müssen.

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Prozessbeobachtern erfuhren erst Ende März von dieser Polizeikontrolle unmittelbar vor der Tat. Einer der Angeklagten hatte ausgesagt, wegen dieser Polizeimaßnahme sei nach Hause gegangen und habe nicht an dem Einbruch mitgewirkt. Der 28-Jährige erklärte, dass er bei der Kontrolle nicht an einen Zufall geglaubt habe. Am Steuer des Golfs habe der 22-jährige J. Remmo gesessen, gegen den wegen Beihilfe ermittelt wird. Er war Anfang Mai als Zuschauer in dem Prozess verhaftet worden, durfte das Gefängnis nach einer Beschwerde seines Anwalts nach drei Wochen wieder verlassen.

Mercedes mit schillernder Historie

Ralf Nixdorf, der DNA-Sachverständige des Kriminaltechnischen Instituts des Landeskriminalamtes Sachsen, berichtete, dass noch immer DNA-Proben im Zusammenhang mit dem Einbruch ausgewertet werden. Allein aus einem in Berlin sichergestellten Fluchtfahrzeug gab es 230 Proben zu analysieren, sagte der Forensik-Chef. Die Kriminaltechniker könnten drei der sechs Angeklagten genetisches Material sicher zuordnen.

Der silberfarbene Fluchtwagen, der für den Coup mit Folie wie ein Dresdner Taxi getarnt worden war, fiel Mitte Dezember 2019 in Berlin wegen gefälschter Nummernschilder auf und wurde auf ein Polizeigelände gebracht. Dort brachen ihn Unbekannte am ersten Weihnachtsfeiertag auf, stahlen das Navigationsgerät und legten Feuer - mit geringem Erfolg, der Benz wurde nicht erheblich beschädigt.

Allerdings interessierte sich die Polizei nun intensiver für das Auto. Bald war klar, dass der Mercedes für den Dresdner Einbruch genutzt worden war. Daher wurde das Auto im April 2020 nach Dresden gebracht und im LKA unter größer Sorgfalt nach Spuren untersucht. Die Techniker entdeckten etwa feinste Glassplitter, die "chemisch identisch" mit dem Sicherheitsglas der zerstörten Vitrine im Grünen Gewölbe ist.

Verteidiger kritisieren mangelhafte Dokumentation

Nixdorf berichtete etwa, dass im Fußraum, am Lichtschalter und an Gurtschlössern die DNA-Spuren der drei Angeklagten gefunden sowie sogenannte Mischspuren an Getränkehalter und Knöpfen der Klimaanlage. Die DNA-Spezialisten beschäftigten sich etwa vier Wochen mit dem Material aus dem Auto und Vergleichsproben. Neben dem genetischen Fingerabdrücken mehrerer Angeklagter gab es beim Abgleich mit den bundesweiten DNA-Datenbanken auch weitere Treffer zu teilweise namentlich bekannten Tätern, aber auch unbekannten Verdächtigen. Der Mercedes scheint eine bemerkenswerte Kriminalgeschichte zu haben.

Die Verteidiger kritisierten mehrfach an den vergangenen Sitzungstagen eine angeblich mangelhafte Dokumentation der Spurenerhebung - den Sachverständigen Nixdorf konfrontierten sie nun überraschenderweise jedoch nicht mit ihren Fragen.

Sechs Männer zwischen 23 und 28 Jahren sind wegen schweren Bandendiebstahls, Brandstiftung und besonders schwerer Brandstiftung angeklagt. Die Deutschen gehören der arabischstämmigen Berliner Großfamilie Remmo an. Sie sollen am frühen Morgen des 25. November 2019 aus dem Dresdner Museum 21 Schmuckstücke mit insgesamt 4300 Diamanten und Brillanten im Gesamtwert von über 113 Millionen Euro gestohlen und Sachschäden in Höhe von über einer Million Euro hinterlassen haben. Ihnen wird auch vorgeworfen, einen Stromkasten in der Altstadt und ein Fluchtauto in einer Tiefgarage angezündet zu haben. Der Prozess wird kommenden Freitag fortgesetzt. (mit dpa)