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"Ich hatte Angst vor dem Weltrekord"

Zwei Kilometer lang, 600 Meter hoch: Ein Dresdner hat den Weltrekord im Seillaufen geknackt. Er ist über das längste Seil der Welt spaziert. Was geht da in einem vor?

"Was ist, wenn ich es wirklich schaffe?" 2019 lief Ruben über das Polenztal an der Burg Hohnstein in der Sächsischen Schweiz.
"Was ist, wenn ich es wirklich schaffe?" 2019 lief Ruben über das Polenztal an der Burg Hohnstein in der Sächsischen Schweiz. © Thomas Türpe

Dresden. Leichtfüßig stellt sich Ruben Langner mit dem linken Fuß auf das zwei Finger breite Band. Mit dem anderen Bein stößt er sich ab und läuft los, als sei es das normalste der Welt. Er balanciert seinen Körper über das lockere Band, das in der Fachsprache "Slackline" genannt wird. Hin und wieder rudert er mit den Armen. Eine Trainingshose braucht er nicht, in seinen Straßenklamotten mit blauen Turnschuhen geht er entspannt Schritt für Schritt weiter, bleibt stehen, dreht sich um, streckt ein Bein aus. Der Seiltanz im Alaunpark scheint kinderleicht.

Dem 26-jährigen Dresdner sieht man den Weltrekord nicht an. Dabei ist der Erfolg noch gar nicht so lange her: Im Juli lief der Bauingenieur-Student mehr als zwei Kilometer auf einem 17 Millimeter dünnen Band, gespannt war es zwischen zwei knapp 1.900 Meter hohen Bergen in Schweden. Das Tal lag etwa 600 Meter tief unter ihm.

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Woran man denkt, wenn man auf einem Seil in 600 Meter Höhe steht

Etwa anderthalb Stunden spazierte er einsam auf dem Seil durch die Landschaft Nordschwedens, den Blick immer auf einen Punkt 100 Meter vor sich gerichtet. Den Windböen und dem tiefen Abgrund ausgesetzt. Woran er dabei gedacht hat? "An vieles, worüber man eigentlich nicht nachdenken sollte. Zum Beispiel: Was ist, wenn ich es wirklich schaffe? Was sagt das über mich aus? Was erzähl ich dann den Kameraleuten auf der anderen Seite?"

Ruben musste sich dann tatsächlich den Fragen stellen, gemeinsam mit drei anderen Freunden knackte er den Weltrekord im Highline laufen, denn so wird der Sport genannt. Das heißt, ein Band ist so hoch gespannt, dass ein gefahrloses Abspringen nicht mehr möglich ist. Ruben lief also über das längste gespannte Seil der Welt. Ein Geheimrezept für den Rekord kann er dafür nicht nennen, er hat auch keine Trainings- und Ernährungstipps parat. Ruben geht einfach drüber.

2019 lief Ruben über das Polenztal an der Burg Hohnstein in der Sächsischen Schweiz.
2019 lief Ruben über das Polenztal an der Burg Hohnstein in der Sächsischen Schweiz. © Thomas Türpe
Beim "Highline laufen" ist man immer mit einer Schlinge gesichert. Ein Restrisiko für einen Absturz bleibt aber.
Beim "Highline laufen" ist man immer mit einer Schlinge gesichert. Ein Restrisiko für einen Absturz bleibt aber. © Thomas Türpe
Der Dresdner Sportler Ruben Langner hat in Schweden einen neuen
Rekord im Highline laufen aufgestellt.
Der Dresdner Sportler Ruben Langner hat in Schweden einen neuen Rekord im Highline laufen aufgestellt. © Sven Ellger

Angefangen hat er mit dem Extremsport vor etwa fünf Jahren. Auf einer Reise durch Australien lernte er Leute kennen, die gern ganz weit oben balancieren. Da packte Ruben das Höhenfieber und ließ ihn nicht mehr los - oder besser gesagt runter. Zurück in Dresden spannte der Student mit seinen Freunden das Seil zwischen Bäumen, Kränen und Hochhäusern. Immer wieder entdeckten sie dafür neue Orte. Oder mussten darum kämpfen, denn noch immer werde das Slacklinen von vielen verpönt. "Die denken oft, wir sind ein paar kiffende Hippies. Ich wünsch mir da echt mehr Respekt und Aufgeschlossenheit." Nach vielen kleinen Abenteuern in der Stadt wurden die Projekte größer. Schon bald sollten es zwei Gipfel in der Sächsischen Schweiz werden. Mit einem Adler an der Seite balancierte Ruben in schwindelerregender Höhe über den Baumkronen.

Wie die Idee zum Weltrekord entstand

Bei einer Radtour durch Schweden lernte er dann einen 40-jährigen Familienvater kennen. "Ein wahnsinniger Optimist." Gemeinsam planten sie ein Jahr lang mit 13 anderen Slackline-Liebhabern den Weltrekord. "Ich hab lange nicht daran geglaubt. Zweimal hab ich schon die Nachricht mit der Absage geschrieben, dann habe ich sie doch wieder gelöscht."

Im Juli war es dann so weit, von Stockholm ging es nach Lappland, in ein menschenleeres Tal, nur Stürme, Seen und Felsen gibt es dort. Solche Orte zu finden, zwischen denen Ruben entlangspaziert, gehören für ihn genauso zum Hobby dazu.

Zwei Tage baute das fünfzehnköpfige Team die Highline auf, acht Haken mussten jeweils auf beiden Seiten tief in den Fels gebohrt werden. Als sie das Seil dann spannen wollten, sagte der Helikopter-Pilot ab. Eine Drohne und die pure Sportlerkraft mussten reichen. Das Seil wurde mithilfe der Drohne in die Mitte des Tals geflogen, dann zusammengebunden und mit den Händen hochgezogen.

Bis es dann endlich so weit war, wurde das Wetter schlechter. Ein Sturm zog durch den Nationalpark. 40 Kilometer pro Stunde. Ruben konnte es trotzdem nicht lassen. Er wollte einfach rüber und ging los. Nach der Hälfte stürzte er in die Tiefe. Zum Glück nur 1,5 Meter, denn die "Seiltänzer" sind immer mit einem Klettergurt abgesichert. "Ich hab keine Angst zu stürzen. Ich hab noch nie von jemandem gehört, dem da was passiert ist. Es ist bestimmt wahrscheinlicher von einem Blitz getroffen zu werden."

Nach dem Sturz ging es ihm trotzdem nicht gut: "Ich hatte Angst vor dem Weltrekord, ich machte mir Sorgen, dass ich es auch beim zweiten Mal nicht schaffe und dann in der Mitte der Strecke gerettet werden muss, weil ich keine Kraft mehr habe, weiterzulaufen." Zurecht, denn die Strecke zwischen den Bergen ist auf dem Seil lang.

"Es ist so demotivierend, du läufst und läufst und das Bild des Berges ändert sich nicht, der Wind wird immer stärker, die Kraft lässt nach."

In Schweden hat der Sachse einen neuen Weltrekord aufgestellt. Er lief über das längste Seil der Welt, zwei Tage hat der Aufbau dafür gebraucht.
In Schweden hat der Sachse einen neuen Weltrekord aufgestellt. Er lief über das längste Seil der Welt, zwei Tage hat der Aufbau dafür gebraucht. © Ryan Jenks

"Beim zweiten Versuch waren die Blasen riesig an den Füßen." Ein Freund lieh ihm ein Paar Socken und dann stand er wieder in der Höhe. "Ich war wie in einer Meditation." Schritt für Schritt, erst 100 Höhenmeter hinab, dann 100 Meter wieder hoch, denn das Band ist nicht so starr gespannt wie ein Drahtseil, sondern hängt wie ein nasser Sack durch.

"Als ich dann die andere Seite erreicht habe, war es so, als ob ich nach einer langen Reise nach Hause komme. Ich hab mich nur noch auf einen Stuhl gesetzt und nicht mehr aufgehört zu grinsen", sagt Ruben im Nachhinein.

"Wenn wir es nicht Weltrekord genannt hätten, hätten wir bestimmt weniger Geld bekommen."

Derzeit werde der Weltrekord geprüft; dokumentiert wurde alles von einem schwedischen Fernsehteam. "Mal sehen, wie lange wir den Rekord halten. Ich könnte mir vorstellen, dass noch in diesem Jahr jemand einen neuen aufstellt."

Bis dahin kann sich Ruben aber erst einmal Weltrekordmeister nennen, gemeinsam mit den drei Oberbayern Friedi Kühne, Lukas Irmler und Quirin Herterich. Um den Weltrekord ging es ihnen allen aber eher weniger, sie suchten vielmehr das Abenteuer an sich. "Wenn wir es nicht Weltrekord genannt hätten, hätten wir bestimmt weniger Geld bekommen." Denn das Team musste von mehreren Unternehmen gesponsert werden, angefangen von privaten Fans bis hin zu Volkswagen und diversen Supermarktketten, schon allein das Seil kostete etwa 25.000 Euro.

Was den Bauingenieur-Studenten an der ganzen Sache so faszinierte, ist der Vergleich zum Brückenbau: "Ich find es ja schon interessant, dass wir mit unserer chaotischen Gruppe was Längeres aufgebaut haben, als es jemals Ingenieure vermocht haben." Die Brücke mit der längsten Spannweite weltweit hat einen Abstand von etwa 1.990 Metern, Ruben hat es mit seinen Leuten auf 2.130 Meter gebracht.

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