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Grüne Oase soll Wohngebiet in Dresden weichen

Am Neustädter Bahnhof soll ein Wohngebiet mit über 200 Wohnungen entstehen. Für das Bogenviertel müssen jahrzehntealte Bäume weichen.

Karsten Schwarz und Katrin Holinski wollen ihre grüne Oase hinter
dem Haus Lößnitzstraße 11 zumindest in Teilen behalten.
Karsten Schwarz und Katrin Holinski wollen ihre grüne Oase hinter dem Haus Lößnitzstraße 11 zumindest in Teilen behalten. © Sven Ellger

Dresden. Das Gebiet ist in Dresden äußerst beliebt: Am ehemaligen Gleisbogen zwischen Lößnitz- und Hansastraße, hinter dem Neustädter Bahnhof, soll ein neues Viertel gebaut werden. Über 200 Wohnungen, aber auch Büro- und Ladenflächen sollen hier entstehen. Das Stadtplanungsamt hat dazu einen städtebaulichen Wettbewerb durchführen lassen, um die besten Ideen für das 1,7 Hektar große ehemalige Bahn-Gelände zu finden. Die Dresdner TSSB Architekten gingen als Sieger hervor.

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Investor ist die Immvest Wolf GmbH, die in Dresden bereits zahlreiche Wohnungen gebaut hat. Demnächst wird sie auch das Areal der ehemaligen Gaststätte „Picknick“ an der Grunaer Straße neu gestalten. Für das Bogenviertel, so der Projektname für das neue Wohngebiet, sind drei Blöcke und ein einzelnstehendes Haus mit insgesamt 21 verschiedenen Fassaden geplant.

Kompromiss: Park für alle

Was für Außenstehende gut klingt, bedeutet für einige Bewohner der Lößnitzstraße, insbesondere der Hinterhäuser, den Verlust ihrer grünen Oase. Denn was von der Straße kaum sichtbar ist: Zwischen den Hinterhäusern und dem alten Gleisbogen sind über die Jahre Bäume und Sträucher gewachsen. Kinder haben hier Buden gebaut, spielen im Schatten Fußball oder im Sandkasten. Die Eltern ziehen Gemüse in Kübeln und entspannen sich unter den Baumwipfeln. Außerdem gibt es die verschiedensten Vogelarten wie Buntspechte, Stieglitze, Grünfinken, Eichelhäher, aber auch Fledermäuse, Igel und Füchse haben sich angesiedelt. Es ist ein Stück Idylle, die den Lärm der nahen Gleise und der viel befahrenen Hansastraße dämpft.

Die Nutzer der Fläche wissen, dass sie nicht ihnen gehört. „Doch die Bahn und der neue Besitzer dulden, dass wir uns hier aufhalten“, sagt Karsten Schwarz. Gemeinsam mit weiteren Anwohnern möchte er erreichen, dass zumindest ein Teil der Bäume und Sträucher erhalten bleibt. „Für die Menschen, die hier leben, ist diese Brache ein grüner Schatz, der Erholung, Abkühlung bei den hochsommerlichen Temperaturen und ein wenig Natur in der Stadt bietet“, sagt Katrin Holinski. „Uns ist klar, dass in Dresden Wohnungen gebraucht werden und dieses Gebiet im Szeneviertel natürlich besonders beliebt ist. Aber aus unserer Sicht könnte man mit einer veränderten Bebauung Kompromisse finden.“

In einer Stellungnahme zum Bebauungsplan haben die Anwohner mehrere Vorschläge unterbreitet. Sie weisen zuerst darauf hin, dass in der Dresdner Neustadt durch die starke Bebauung bereits schlechte bioklimatische Bedingungen herrschen. Grün zu erhalten, habe Priorität, auch im Hinblick auf Homeoffice, das inzwischen von vielen Anwohnern genutzt wird.

Deshalb sei es sinnvoll, die geplanten Gebäudeteile, die direkt gegenüber den Hinterhäusern entstehen sollen, nicht zu bauen, sondern andere aufzustocken, ist eine Vorschlagsvariante. Damit würde auch nicht so viel Fläche versiegelt, argumentieren die Anwohner. Insbesondere auf das einzelnstehende Gebäude, dass im hinteren Teil direkt am alten Gleisbogen entstehen soll, solle der Investor verzichten, weil gerade diese Fläche Waldcharakter habe. Stattdessen könne die grüne Oase als Park allen Bewohnern der Neustadt zur Erholung offenstehen. Dazu brauche es aber Struktur und es müssten die Altlasten wie Schutt und Müll entsorgt werden.

Verdichtete Innenstädte statt Bau auf grüner Wiese

Beim Investor kommen diese Vorschläge allerdings nicht gut an. "Der Bebauungsplan für das Gebiet ist ja in einem Prozess. Es gab das Wettbewerbsverfahren, dann haben sich das Stadtplanungsamt und der Bauausschuss für diesen Entwurf entschieden", sagt Steffen Funk, der Dresdner Niederlassungsleiter der Immvest Wolf GmbH.

Er könne durchaus nachvollziehen, dass die Anwohner traurig sind, wenn das grüne Areal wegfällt. "Aber wir brauchen verdichtete Innenstädte und keine weitere Versieglung auf der grünen Wiese." Zudem führe der Bebauungsplan genau die Struktur der bereits bestehenden Häuser und Hinterhäuser an der Lößnitzstraße fort. "Wir haben uns aber bereits entschieden, die Fassaden zu begrünen, die direkt gegenüber den Hinterhäusern entstehen", sagt Funk.

Kinder haben zwischen den Bäumen Spielmöglichkeiten verschiedenster Art.
Kinder haben zwischen den Bäumen Spielmöglichkeiten verschiedenster Art. © Sven Ellger

Der Bebauungsplan "Ehemaliger Gleisbogen Hansastraße" ist noch bis zum 16. Juli im Stadtplanungsamt einsehbar. In dieser öffentlichen Beteiligung hätten alle interessierten Bürger die Möglichkeit, die kompletten Planunterlagen zu studieren und dazu Stellung zu nehmen, sagt Stefan Szuggat, Leiter des Stadtplanungsamtes.

Der Plan diene der Wiedernutzbarmachung einer innerstädtischen Brachfläche, wobei ein Eingriff in die vorhandene Grünstruktur nicht vermeidbar sei. Der Bauausschuss habe in seiner Sitzung am 28. April 2021 den Entwurf des Bebauungsplanes bereits bestätigt. Der Entwurf beinhalte bereits umfangreiche Vorschläge für eine standortgerechte Begrünung.

"Im Rahmen des weiteren Planverfahrens werden die Prüfaufträge des Stadtrats sowie die im Rahmen des Beteiligungsverfahrens eingegangenen Stellungnahmen ausgewertet und in Abwägung aller Belange soweit möglich und erforderlich in der weiteren Planung berücksichtigt. Die letztliche Entscheidungshoheit obliegt dem Stadtrat im Rahmen des Satzungsbeschlusses", sagt Stefan Szuggat.

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Für Linke-Stadtrat Tilo Wirtz ist im neuen Bogenviertel deutlich zu viel Baumasse vorgesehen. "Gerade an der heißesten und lautesten Stelle pflastern wir jetzt noch alles zu", sagt er und ärgert sich, dass in "urbanen Mischgebieten" so etwas möglich sei. Mit der vorgesehenen Fassadenbegrünung würde doch nur "Greenwashing" betrieben. Bis zum Satzungsbeschluss gebe es aber noch Möglichkeiten, Einfluss auf den Entwurf zu nehmen.

Weitere diesbezügliche Informationen können der Internetseite der Landeshauptstadt Dresden www.dresden.de/offenlagen entnommen werden.

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