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Die Beerdigung des "Dreckschen Löffels"

In wenigen Monaten soll die einstige DDR-Gaststätte Picknick in Dresden verschwinden. Hätte es auch andere Möglichkeiten gegeben?

Günter Gruner hat die Selbstbedienungsgaststätte "Picknick" mit zwei Architektenkollegen entworfen. Am 14. Juli 1961 eröffnete sie.
Günter Gruner hat die Selbstbedienungsgaststätte "Picknick" mit zwei Architektenkollegen entworfen. Am 14. Juli 1961 eröffnete sie. © Christian Juppe

Dresden. Wenn die Gedanken frei sind und das Budget keine Rolle spielt, lässt es sich wunderbar spielen mit einem leerstehenden Bauwerk aus sozialistischer Zeit. Studierende der Fakultät Architektur der TU Dresden haben genau das mit dem Flachbau des ehemaligen Lokals "Picknick" getan und ihn in ihren Entwürfen in eine moderne Ausstellungshalle als Museum der Ostmoderne integriert. Herausgekommen sind Gebäude mit außergewöhnlichen Dächern, die sich an den Betonformsteinen orientieren, die eine Seite des "Picknicks" schmückten.

Ganz anders die Umstände, unter denen Architekt Günter Gruner Anfang der 1960er Jahre das Haus entworfen hat. Die Aufgabenstellung für ihn und seine Kollegen Herbert Löschau und Gerhard Landgraf vom VEB Hochbauprojektierung Dresden war, eine passende Hülle für ein Selbstbedienungsrestaurant zu entwerfen, die weniger ästhetischen, sondern in erster Linie praktischen Ansprüchen einer Schnellgastronomie gerecht werden sollte. Zweckmäßigkeit stand über allem. Kunden sollten schnell das gewünschte Essen aussuchen, schnell bezahlen, schnell essen und schnell wieder raus sein. "Großzügigkeit ging nicht. Hinzu kam die Materialknappheit. Wir konnten nur damit planen, was es gerade gab, wie zwei Mal zwei Meter große Fernster", erinnert sich der 90-jährige Gruner an die Zeit, in der das "Picknick" entstanden ist. Trotz aller Beschränkungen haben er und seine Mitstreiter damals nach Holland geschaut, wo moderne Flachbauten entstanden. "Die entsprachen unseren Gedanken."

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Erinnerungen und neue Pläne

Es gibt keinen besseren Ort als die einstige Schnellgaststätte selbst, um Erinnerungen an sie aufleben zu lassen, aber auch neue Ideen zu präsentieren. Und so sitzen auf den Tag genau 60 Jahre nach der Eröffnung des "Picknick" Günter Gruner und Falk Lorenz am Mittwochabend nebeneinander in einer Diskussionsrunde. Lorenz ist der Architekt des Neubaus, der anstelle des auch als "Dreckscher Löffel" bekannten Restaurants entstehen soll. Schon in wenigen Monaten wird das "Picknick" abgerissen, um Platz für ein Wohn- und Geschäftshaus zu machen.

Das Büro Leinert Lorenz Architekten hat den Wettbewerb zur Neugestaltung des Grundstücks an der Grunaer Straße gewonnen. Leinert erklärt dem Publikum die Parameter, die für seinen Entwurf ausschlaggebend waren. Das ist neben den Höhen der umgebenden Gebäude und einer bestimmten Wohnbaufläche, die der Investor möchte, auch die besondere städtebauliche Situation am Straßburger Platz. Und die ist eine völlig andere als sie Gruner 1961 vorgefunden hat, damals war der Platz im zerstörten Dresden noch fast völlig leer.

"Heute stehen mit der Gläsernen Manufaktur, dem Einkaufszentrum SP1 und dem Haus der Akademie für berufliche Bildung an jeder Ecke Sonderbauten", sagt Leinert. Darauf habe man antworten müssen. "Unsere erste Idee war ein begrüntes Haus. Aber das lässt sich auch aus Pflege- und Bewässerungsgründen nicht einfach umsetzen. Also haben wir die Idee übersetzt mit einer Fassade aus grünen Blechplatten und einem Garten auf dem Dach über der 8. Etage."

Diese Visualisierung zeigt den geplanten Neubau nahe dem Straßburger Platz.
Diese Visualisierung zeigt den geplanten Neubau nahe dem Straßburger Platz. © Visualisierung: Leinert Lorenz Architekten

Der Investor dagegen war vom Wettbewerb überhaupt nicht begeistert. "Wir wollten eigentlich ein Hochhaus bauen", sagt Steffen Funk, der Dresdner Niederlassungsleiter der Immvest Wolf GmbH, ebenfalls Diskussionsteilnehmer. Inzwischen habe er sich mit dem Siegerentwurf arrangiert. "Uns gefällt er. Er ist zwar gewöhnungsbedürftig, aber wenn man sich erst an ihn gewöhnt hat, ist er schön."

Geplant war auch, das Grundstück von Susis Sportsbar nebenan von der Stadt zu erwerben, um den Neubau bis an die Kreuzung heranzuziehen und einen neuen Platz zu schaffen. Es habe bereits eine Zusage von der Stadt gegeben, sagt Funk. "Aber die Politik hat sich wohl nicht getraut, die Fangaststätte abzureißen."

Warum aber gab es nie die Idee, Teile des "Picknicks" in den Neubau zu integrieren, will eine Dame aus dem Publikum wissen. Funk winkt ab. Das habe nie eine Rolle gespielt, denn das Gebäude stehe nicht unter Denkmalschutz. "Wir bauen Wohnungen. Und es ist nicht nur zu teuer, Teile vom Altbau einzubeziehen, sondern man muss dafür auch eine gute Nutzung finden."

Architekt Falk Leinert dagegen kann in Dresden gerade eine Entwicklung ausmachen, in der die Gebäude der Ostmoderne wieder mehr Wertschätzung erfahren. "Aber für unser Projekt kommt sie ein Jahr zu spät. Heute hätte man vielleicht eine Lanze für diese Architektur brechen können."

Für ihn wäre der Picknick-Schriftzug perfekt, um ihn im Dachgarten zu integrieren und so auf das alte Gebäude hinzuweisen. "Aber dazu müsste ich erst mit Stadtmuseum reden."

Die Diskussionsteilnehmer des Abends: Moderator Henning Haupt, Studierender Julian Brendler, Picknick-Architekt Günter Gruner, Neubau-Architekt Falk Leinert und Steffen Funk von der Investorenfirma Immvest Wolf (v.l.n. r.).
Die Diskussionsteilnehmer des Abends: Moderator Henning Haupt, Studierender Julian Brendler, Picknick-Architekt Günter Gruner, Neubau-Architekt Falk Leinert und Steffen Funk von der Investorenfirma Immvest Wolf (v.l.n. r.). © Kay Haufe

Nachhaltigkeit nicht nur bei Materialauswahl

Während es für Günter Gruner und seine Architektenkollegen zu Beginn der 1960er Jahre gar nicht anders möglich war, als mit Trägern und anderem Material zu arbeiten, das aus dem Trümmerschutt geborgen wurde, läuft das beim Neubau ganz anders. Zwar sind die Baustoffe Beton und Blech langlebig, aber: Momentan sind die neuen Baustoffe viel günstiger zu bekommen, als recyceltes Material, sagt Falk Leinert.

Für Henning Haupt, der als Professor für Gestaltungslehre an der TU Dresden auch die Picknick-Aufgabenstellung für seine Studenten gestellt hat, spielt beim Thema Nachhaltigkeit aber nicht nur das Material eine Rolle. "Gute Gestaltung hat immer eine Nachhaltigkeitsqualität. Wenn die Stadtgesellschaft sagt, das stellt uns dar, dann schätzt man es wert und will es erhalten", sagt der Moderator des Abends.

Das "Picknick" habe es trotz der pragmatischen Umstände seiner Entstehung geschafft, sich mit seiner Architektur in die Herzen der Leute einzugraben, sagt er an Günter Gruner gerichtet. Das würden heute nicht viele Gebäude schaffen. Und den Abend zusammenfassend sagt Haupt: "Das war eine der schönsten Beerdigungen, die ich je erlebt habe."

Ob vom "Dreckschen Löffel" vielleicht doch etwas weiterlebt, bleibt abzuwarten. Der gut erhaltene Tresen und die dazugehörigen Regale sind in gutem Zustand. Steffen Funk gibt sie gern an Interessierte ab. Im Stadtmuseum, das Initiator des Diskussionsabends war, weiß man noch nicht, ob man die Stücke übernehmen kann.

Die Theke ist im ehemaligen DDR-Lokal noch gut erhalten.
Die Theke ist im ehemaligen DDR-Lokal noch gut erhalten. © Christian Juppe

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Die Ausstellung "Zeit-Geschmack? upcycling pick nick" im Originalgebäude auf der Grunaer Straße 28, ist noch bis 8. August zu sehen. Darin sind nicht nur Fotos vom Lokal zu sehen, sondern auch einige studentische Arbeiten, die an der TU zum fiktiven Museum der Ostmoderne entstanden sind. Die Schau ist auch in Kooperation mit dem Netzwerk Ostmodern entstanden.

Geöffnet ist mittwochs von 14 bis 18 Uhr sowie sonnabends und sonntags von 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei. Am 18. Juli beginnt um 17 Uhr eine Diskussion zum Thema "Ostmoderne zwischen Abrissbirne und Hype".

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