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Wenn die Immobilie zum Albtraum wird

Im Dresdner Süden streiten Wohnungskäufer und Bauträger um Geld, Mängel und Schlüssel. Sogar Buttersäure kommt zum Einsatz.

Das Haus ist fertig, allein der Schlüssel fehlt: Gunto Mörer hat den Großteil seiner mehr als 400.000 Euro teuren Wohnung schon bezahlt, kommt aber nicht rein.
Das Haus ist fertig, allein der Schlüssel fehlt: Gunto Mörer hat den Großteil seiner mehr als 400.000 Euro teuren Wohnung schon bezahlt, kommt aber nicht rein. © Foto: Jürgen Lösel

Dresden. Es war ihr Traum: ein Niedrigenergiehaus, elektrische Rollläden, Fußbodenheizung, Holzparkett, Treppenhaus mit Aufzug, eine moderne Fassade, großzügige Balkons und Terrassen, eine „intensive Begrünung mit Rasen, Stauden und Bäumen“. So bewarb der Makler Ende 2018 den im Dresdner Süden geplanten Neubau. Ein Traum für drei Familien, der seinen Preis hat: Zwischen 295.000 und 420.000 Euro sollten die 80 bis 120 Quadratmeter großen Wohnungen kosten.

Zwei Jahre später, im Januar 2021, diskutieren zwei der drei Käufer im Halbkreis sitzend in einem großen Keller ihres vermeintlichen Traumhauses darüber, wie es weitergehen soll. Der Raum ist kalt, ein Kleinkind hustet. „Sehen Sie“, hatte Gunto Mörer kurz zuvor gesagt, „die Haustür ist nicht breit genug und geht nach innen auf, direkt vor die unterste Stufe der Hausflurtreppe. Kommt jemand gleichzeitig hinunter, knallt man zusammen.“ Und das sei nur einer von rund 60 Mängeln, ereifert sich der 57-jährige. Man könne und wolle daher die Schlussrechnung noch nicht begleichen.

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Obwohl der Bauträger die Fertigstellung des Hauses zum 1. Oktober 2020 gemeldet hat, stehen noch keine Namen auf der Klingel.
Obwohl der Bauträger die Fertigstellung des Hauses zum 1. Oktober 2020 gemeldet hat, stehen noch keine Namen auf der Klingel. © Foto: Jürgen Lösel

Ins Obergeschoss hat ein Taxiunternehmer aus München investiert, er möchte die Rente in seiner alten Heimat verbringen. In die Wohnung im Zwischengeschoss haben Mörer und seine Frau ihr Geld gesteckt; dort soll die Familie ihrer Tochter einziehen.

Bewohnt ist nur das Erdgeschoss. Dort lebt seit gut acht Monaten eine vierköpfige Familie. Sie ist die einzige mit einem Schlüssel. Den hatte sie Mitte Mai bekommen, weil sie nach eigenen Angaben ihre alte Mietwohnung bereits gekündigt hatte. Man sei damals in eine Baustelle gezogen, erzählt sie. In den ersten Tagen habe es nicht einmal Wasser gegeben, dann fast drei Wochen lang nur kaltes. Eine vom Bauträger angebotene Umwandlung des Kaufvertrags in einen Mietvertrag habe man abgelehnt. Erst seit Ende September, konstatiert das Dresdner Bauaufsichtsamt, sei „die Nutzung des Erdgeschosses aus bauordnungsrechtlicher Sicht gefahrfrei möglich“.

Buttersäure unter die Wohnungstür gedrückt

Die Familie beteuert, sie wolle mit niemanden Streit haben oder jemandem Geld schulden. Umso unerklärlicher sei es, dass Anfang vorigen Monats „Buttersäure unter die Wohnungstür mit einem Röhrchen oder mit einer Spritze in unseren Flur gedrückt wurde“. Auch die Polizei bestätigt, dass mit „hoher Wahrscheinlichkeit“ die übel riechende und ätzende Chemikalie verwendet worden war. Man ermittle wegen gefährlicher Körperverletzung und Sachbeschädigung gegen unbekannt.

Für den Hausbau zeichnet die 2016 gegründete Playport Dresden GmbH verantwortlich. Normalerweise betreibt sie den Indoor-Spielplatz am Dresdner Flughafen. Von einer Tätigkeit als Bauträger ist im Gesellschaftsvertrag der Firma nichts zu finden. Gleichwohl sei die dafür notwendige Erlaubnis erteilt worden, teilt das Ordnungsamt der Stadt Dresden auf Anfrage mit.

Wohnungskäufer Mörer beteuert, der Makler habe anfangs damit geworben, dass es sich bei dem Vorhaben auf dem gut 630 Quadratmeter großen Grundstück um ein Objekt der in Dresden bekannten USD Immobilien GmbH gehandelt habe. Doch weil das Haus diesem Bauträger eine Nummer zu klein gewesen sei, habe Playport die Ausführung übernommen. „Das hat uns der Makler erst kurz vor der Unterzeichnung des Kaufvertrags beim Notar im Februar 2019 mitgeteilt“, sagt Mörer. Die Maklerfirma weist das zurück. „Diese Aussage können wir so nicht bestätigen.“ Es handele sich um einen Neubau der Playport Dresden GmbH.

Die Haustür öffnet direkt zur Hausflurtreppe hin und versperrt den Fluchtweg - die Wohnungskäufer sehen darin einen von rund 60 Baumängeln.
Die Haustür öffnet direkt zur Hausflurtreppe hin und versperrt den Fluchtweg - die Wohnungskäufer sehen darin einen von rund 60 Baumängeln. © Foto: Jürgen Lösel

Den Hausbau mit einem ursprünglich zum 30. April 2020 geplanten Fertigstellungstermin übernimmt ein Generalunternehmer. „Bis auf ein paar Kleinigkeiten hat das in der Rohbauphase ganz gut funktioniert“, erzählt Mörer. „Der ganze Ärger begann nach dem ersten versuchten Abnahmetermin im Mai.“

Die Geschäftsführerin der Playport führt zwar mit den Wohnungskäufern die Korrespondenz, lässt sich aber auf der Baustelle kaum blicken. Mörer, selbst Chef eines Logistikunternehmens, urteilt: „Die hatte nichts zu melden und hat vermutlich auch keine Ahnung vom Bauen.“ Die Frage, was sie als Chefin eines Indoor-Spielplatzes zum Führen eines Immobilienprojekts befähige, beantwortet sie nicht.

Bei Baufragen verweist sie die Käufer in der Regel an den Generalunternehmer oder an einen Playport-Mitarbeiter namens Mario Otto. Der ist nicht irgendein Beschäftigter, sondern der Gründer von Playport. Während der Bauphase stand er vor Gericht und wurde wegen Steuerhinterziehung zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt.

Skrupelloses Vorgehen und psychischer Druck

Als Mörer und die anderen Käufer von dem Prozess erfahren, wachsen die Zweifel an der Seriosität ihres Bauträgers. Sie kritisieren den Einsatz angeblich minderwertiger Materialien, dürfen keine Baudokumente einsehen. Auch ein bauleitender Architekt wird nicht gesichtet, obwohl das im Kaufvertrag festgehalten ist. Schließlich nehmen sich die Wohnungsinvestoren einen eigenen Berater. Dessen Urteil fällt hart aus: Von einem „skrupellosen Vorgehen“ seitens Mario Ottos ist die Rede, von „verfälschten Darstellungen“, von „psychischem Druck“.

Die Käufer berichten, dass zumindest zweimal eine weitere Playport-Mitarbeiterin, eine Frau K., Besprechungsprotokolle geführt habe, diese aber später von der nicht anwesenden Playport-Chefin unterschrieben worden sein sollen. Nach SZ-Recherchen handelte es sich bei Frau K. um Ottos Ehefrau, der Nachname K. ist ihr Geburtsname. Ihr gehören 40 Prozent der Playport Dresden GmbH.

Der geplante Übergabetermin 30. April wird nicht gehalten. Playport begründet das mit dem Lockdown während der ersten Corona-Welle. Materiallieferungen seien wegen geschlossener Grenzen nicht angekommen, Mitarbeiter verschiedenster Gewerke ausgefallen oder wegen Homeoffice etwa bei Versorgern nicht ansprechbar gewesen. Daraus hätten sich „drei Monate Bauverhinderung“ ergeben.

Einige Möbel stehen schon drin und auch die neue Einbauküche: Dennoch kommt Gunto Mörer nicht in die Wohnung, in die er und seine Frau schon viel Geld gesteckt haben.
Einige Möbel stehen schon drin und auch die neue Einbauküche: Dennoch kommt Gunto Mörer nicht in die Wohnung, in die er und seine Frau schon viel Geld gesteckt haben. © Foto: Jürgen Lösel

Mitte Mai fungiert Otto nach Aussagen der Käufer als Bauleiter und wandelt einen geplanten Wohnungsübergabe- in einen simplen Besichtigungstermin um. Die Playport-Chefin schreibt eine Woche später an das Ehepaar Mörer: „Da Sie Ihre Unzufriedenheit mit unserer Ausführung und Arbeitsweise hinreichend zum Ausdruck bringen, sehen wir unser Vertrags- und Vertrauensverhältnis als sehr gefährdet an.“ Man biete daher eine „unproblematische Rückabwicklung des Kaufvertrages“ an.

Das Ehepaar Mörer lehnt ab. Ende Juni nehmen die beiden und der Taxiunternehmer ihre Wohnungen mit einigen Mängeln sowie die Elektrik ab. Dennoch, erzählen sie, habe Otto das Abnahme-Protokoll nicht unterschrieben und ihre Haus- sowie Wohnungsschlüssel einbehalten. „Seitdem konnten wir nicht mehr in die Wohnung. Dabei stehen da schon Möbel von uns und die neue Einbauküche drin.“ Die Käufer suchen sich eine Anwältin. Ihr zufolge haben die Mandanten „sämtliche Voraussetzungen (…) entsprechend der vertraglichen Regelungen“ erfüllt.

Playport schaltet im Gegenzug einen Gutachter ein. Der schlägt den Wohnungskäufern einen aus deren Sicht „lächerlichen Schadensausgleich“ von insgesamt 20.000 Euro vor. Ein Energieberater aus Schwäbisch Gmünd, der sich das Haus laut Käufer nie angeschaut hat, stellt die zugesagte Energieeffizienz auf Basis einer gar nicht existierenden Erdwärmepumpe fest. Eine SZ-Anfrage dazu lässt er unbeantwortet. Zum 1. Oktober teilt Playport dem Dresdner Bauamt mit, das Haus sei fertiggestellt.

Eine einstweilige Verfügung und eine Betrugsanzeige

In der Schlussrechnung verlangt die Firma je nach Wohnung zwischen 50.000 und 80.000 Euro. Keiner hat bislang bezahlt. Die Playport-Chefin hingegen betont, fast 30 Prozent des Kaufpreises seien nicht an die Handwerker bezahlt worden. Das wiederum verstehen die Käufer nicht. „Wir sind mit Handwerkern keinerlei vertragliche Beziehungen eingegangen“, sagen sie. Das sei allein Sache des Bauträgers gewesen. „Was haben die denn mit dem Geld der vergangenen sechs Raten gemacht?“

Aussage steht gegen Aussage, aus dem Traum von der eigenen Wohnung ist ein Albtraum geworden. Wer bei Playport nach der Verantwortung für das Durcheinander fragt, erntet Schweigen. Wer machte die Ausführungsplanung, wer die Bauüberwachung? War ein Playport-Mitarbeiter am Tag des Buttersäure-Anschlags wirklich vor Ort? In welchen Funktionen mischen Frau K. und Mario Otto bei dem Ganzen mit? Zu all dem möchte sich die Playport-Chefin nicht äußern. Ein Architektenbüro bestätigt lediglich, „nur zu einem kleinen Anteil“ mit der Ausführungsplanung befasst gewesen zu sein, „mit der Objektüberwachung und -betreuung überhaupt nicht“.

In München hat der Taxiunternehmer bereits vor gut einem Jahr einen Käufer für seine Bleibe gefunden. „Bis spätestens Ende Mai muss ich raus sein“, sagt er am Telefon. Und kündigt an, mit einer einstweiligen Verfügung auf die Übergabe der Dresdner Wohnung gegen Playport vorzugehen.

Im Dresdner Stadtteil Hellerau entstehen derzeit zwei Wohngebäude. Bauherr ist ein Brandenburger Unternehmen, an dem eine Playport-Gesellschafterin zur Hälfte beteiligt ist.
Im Dresdner Stadtteil Hellerau entstehen derzeit zwei Wohngebäude. Bauherr ist ein Brandenburger Unternehmen, an dem eine Playport-Gesellschafterin zur Hälfte beteiligt ist. © Foto: Ulrich Wolf

Eine Betrugsanzeige des Ehepaars Mörer gegen die Firma läuft ins Leere. Die Staatsanwaltschaft hat für die Aufnahme eines Verfahrens „keine belastbaren Anhaltspunkte“. Der Sachverhalt stelle sich „als rein zivilrechtliche Angelegenheit dar“.

So sieht es auch der Anwalt von Playport, ein erfahrener Baurechtler. Er sagt, der Streit habe nichts mit Unseriosität oder gar Betrug zu tun. „Das ist eine normale Streitigkeit“, in der die Erwerber leider maximale Forderungen stellten. „Ich hätte die Sache gern schon längst vom Tisch.“ Die Anwältin der Käufer hingegen sieht bei Playport eine „nicht ansatzweise vorhandene Bereitschaft das vertraglich versprochene hochwertige Objekt herzustellen“. Einen ersten Gütetermin zwischen den Parteien hat das Landgericht Dresden im Februar angesetzt.

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