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Ist Gewalt gegen "Missliebige" weniger verdammenswert?

Gegen den Anschlag auf das Buchhaus Loschwitz regt sich in Dresdens Kulturszene wenig lauter Protest. Immerhin ist das Vernehmbare eindeutig.

In der Nacht zum Montag wurde ein Schaufenster des Dresdner Buchhauses Loschwitz eingeschlagen. Anschließend warfen die Täterinnen und/oder Täter eine Flasche mit Säure in den Laden.
In der Nacht zum Montag wurde ein Schaufenster des Dresdner Buchhauses Loschwitz eingeschlagen. Anschließend warfen die Täterinnen und/oder Täter eine Flasche mit Säure in den Laden. © Tino Plunert

Das Loch in der Scheibe ist fußballgroß, aus dem Inneren dringt ein strenger Geruch in die Nase: In der Nacht zum Montag haben Unbekannte einen Anschlag auf eine Dresdner Buchhandlung verübt, das Schaufenster eingeschmissen, eine Flasche mit Buttersäure hindurchgeworfen. Die war offenbar versehen mit einem Zünder; Bücher hätten möglicherweise Feuer fangen, noch schlimmere Folgen eintreten können – die 19-jährige Tochter der Buchhändler schlief allein in der Wohnung über dem Laden. Da die Besitzerin als Stadträtin auch Politikerin ist, liegt die Vermutung mehr als nahe, dass es sich um eine ideologisch motivierte Gewalttat handelt.

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Solche Anschläge auf Kulturinstitutionen rufen in Deutschland zumeist sehr schnell sehr breiten und lauten Protest hervor. Schließlich gelten sie als Horte des Geisteslebens, der Gedanken- und Kunstfreiheit, als Symbole für das kulturelle Miteinander in jener Vielfalt, die das Grundgesetz garantiert, schützt, fordert und fördert. Doch in diesem Fall bleibt das Echo lokal begrenzt und der Aufschrei relativ verhalten, vor allem im lebendigsten Empörungsmedium Twitter. Womöglich, weil das Dresdner Buchhaus Loschwitz nicht irgendeine Buchhandlung ist.

Als "Neue Rechte" in der Kritik

Dessen Betreiberin Susanne Dagen engagiert sich ehrenamtlich als Stadträtin für die Freien Wähler, manche ihrer Positionen decken sich mit denen der AfD. Sie gehört zu den Initiatoren der „Charta 2017“ gegen einen „Gesinnungskorridor“ und glaubt wie die anderen Unterzeichner, dass „unsere Gesellschaft nicht mehr weit von einer Gesinnungsdiktatur entfernt“ ist. Obendrein betreibt Frau Dagen einen Videotalk mit der rechtsradikalen Aktivistin Ellen Kositza, ist gut vernetzt mit dem neurechten „Institut für Staatspolitik“ des Verlegers und Kositza-Ehemannes Götz Kubitschek und organisiert gelegentlich Veranstaltungen mit Leuten wie Martin Sellner, Kopf der ebenfalls rechtsradikalen Identitäten Bewegung.

Dass aus dem Bereich der Kultur in klassischen und sozialen Medien weniger „freiwillige“ - also nicht erst nachgefragte - Verurteilungen eines Anschlags auf den Laden einer „Neuen Rechten“ zu hören sind, scheint wenig verwunderlich. Ist doch das kulturelle Leben in Deutschland samt seiner zentralen Institutionen eher liberal bis links ausgerichtet und positioniert sich großteils deutlich gegen solche Ansichten, für die auch Susanne Dagen steht. Gegenteilig sieht es oftmals aus, wenn sich Anschläge gegen liberale bis linke Kulturorte richten; auf laute Aufschreie kann man sich nahezu verlassen. Doch auch das ist im Fall des Buchhaus Loschwitz zumindest etwas anders.

Der Verdacht: Das Geschäft von Buchhändlerin Susanne Dagen wurde attackiert, weil sie Stadträtin für die Freien Wähler ist und als "Neurechte" gilt.
Der Verdacht: Das Geschäft von Buchhändlerin Susanne Dagen wurde attackiert, weil sie Stadträtin für die Freien Wähler ist und als "Neurechte" gilt. © Christian Juppe

Relativierung und Befürwortung des Anschlags

Zwar hört man sie, vor allem in sozialen Medien, die linksradikalen Verharmloserinnen und Gutheißer des Anschlags. „Es ist lediglich das Eigentum einer völkischen Faschistin beschädigt worden, einer Frau, die auf ekelhafte Weise seit Jahren völkische Propaganda betreibt", relativierte etwa eine Kommentatorin auf Facebook. Andere rechtfertigen die Gewalttat sogar mit „Argumenten“ wie „Wer faschistisches / rassistisches Gedankengut in sich trägt muss sich nicht wundern, wenn Angriffe passieren!" Eine ebenso klassische wie vulgäre und im Kern zutiefst antidemokratische und rechtsstaatsfeindliche Täter-Opfer-Umkehr.

Immerhin, die vernehmbaren Verurteilungen sind deutlich. „Der Anschlag auf das Wohn- und Geschäftshaus einer Stadträtin hat nicht nur bei mir, sondern bei vielen Mitgliedern des Stadtrates Bestürzung ausgelöst“, erklärt Dresdens OB Dirk Hilbert (FDP). „Gewalt ist kein Mittel der politischen Auseinandersetzung und es ist dabei völlig egal, ob diese Gewalt von Rechts- oder Linksextremisten ausgeht.“ Dem pflichtet Hilberts Amtskollegin Annekatrin Klepsch (Die Linke) bei: "Als Kulturbürgermeisterin verurteile ich den Anschlag auf das Buchhaus Loschwitz. Gewalt kann kein Mittel der notwendigen politisch-inhaltlichen Auseinandersetzung sein." Ungleich unverblümter drückt es Heiki Ikkola aus, Intendant des Societaetstheaters: „Das ist eine große Scheisse. Das sabotiert jede argumentative Auseinandersetzung, jeden Dialog. Wer immer das war: Ihr vertieft die Gräben in der Gesellschaft und schürt das erhitzte Klima weiter an. Ich kotze."

"Äußert Euch. Freiheit hat Ihre Kosten. Das sind sie.“

Auch Literat Durs Grünbein, der 2018 im Dresdner Kulturpalast unter großem Medienecho die Klinge mit Dagen-Intimus Uwe Tellkamp kreuzte, nimmt kein ideologisches Blatt vor den Mund: Der Anschlag ist ein Gewaltakt und absolut zu verurteilen. Im Übrigen sind derlei Anschläge, auch auf Büros von AfD-Abgeordnete, vollkommen kontraproduktiv und deshalb ärgerlich. Ich kann nur hoffen, dass daraus kein politisches Kapital geschlagen wird und wünsche mir zügige Aufklärung des Falls.“

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Der deutlichste Kommentar zur Tat und darüber hinaus zum vorläufig verhaltenen Echo darauf in der Dresdner Szene kommt indes von Jörg Stübing, Betreiber der Buchhandlung „Büchers Best“ und alles andere als politischer Sympathisant von Susanne Dagen. „Zählt Gewalt gegen Buchhändler nichts, wenn diese politisch unliebsam sind?“ fragt er in einem Offenen Brief. „Was ist mit Euch und Ihnen? Wo gibt es hier eine Erklärung / Positionierung dazu? Was sagt das Kulturamt? Die Seiten vom Literaturnetz Dresden, der Bibliothek, Literatur erleben in Dresden etc. voll mit dem Üblichen, als ob nichts geschehen wäre, nur nicht mit dem was hier deutlich die Regeln bricht.“ Der Buchhändler schließt mit einem Aufruf: „Bitte tretet in Erscheinung, äußert Euch. Nicht bei mir. Draußen. Freiheit hat Ihre Kosten. Das sind sie.“ Was Jörg Stübing offenbar erkannt hat: Protest gegen politisch motivierte Gewalt führt sich selbst ad absurdum, wenn er von der Gesinnung der Opfer abhängig ist.

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