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Abschiedskonzert: Stardirigent Christian Thielemann verspricht Dresden ein "Wiedersehen"

Bis die Ohren schmerzen: Mit Mahlers monumentaler Achter Sinfonie verabschiedet sich Maestro Thielemann. Er appelliert an die Politik, nicht an der Kultur zu sparen. Der Freistaat Sachsen und das Orchester danken ihm mit interessanten Geschenken.

Von Bernd Klempnow
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Ein vorerst letztes Mal gibt Christian Thielemann in der Semperoper der Staatskapelle den Takt vor. Seine Amtszeit als Chefdirigent endet mit den ausverkauften Abschiedskonzerten an diesem Montag und Dienstag.
Ein vorerst letztes Mal gibt Christian Thielemann in der Semperoper der Staatskapelle den Takt vor. Seine Amtszeit als Chefdirigent endet mit den ausverkauften Abschiedskonzerten an diesem Montag und Dienstag. © Matthias Creutziger

Dresden. Die Stille nach dem letzten Ton. Mit gewaltigem Getöse, nochmals zusätzlichen Posaunen aus dem vierten Rang der Semperoper, endete am Sonntagabend Gustav Mahlers monumentale Achte Sinfonie in Dresden. Dirigent Christian Thielemann verharrte sekundenlang in einer Position, von der man auf Dauer eher Rücken bekommt, wollte aber den auch suggestiven Sound so lange wie möglich nachklingen lassen. Einer im Parkett hielt die Stille nur 15 Sekunden aus und applaudierte los.

Schnell stimmte das ausverkaufte Haus ein. Und als sich Thielemann umdrehte, steigerte sich der Beifall orkanartig. Stehend jubelte ihm das Auditorium zu. Und nicht nur ihm. Auch die acht Solisten, die über 100 Musiker und die über 200 Chorsänger auf der Bühne wurden mit Applaus überflutet.

Jens Spahn lauscht im Körbchen

Es ist ja nicht ungewöhnlich, dass der Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle in Dresden und auf Tourneen wie ein Popstar gefeiert wird. Auch wenn er diesmal ein Werk gewählt hatte, bei dem das Publikum naturgemäß mit großer Ergriffenheit und schließlich Jubel reagiert – Gustav Mahlers „wichtigstes Werk“. Das wird wegen seiner großen Besetzung mit mehreren Chören, Solisten und dem vollen Orchesterapparat auch als "Sinfonie der Tausend" bezeichnet. Die erste halbe Stunde ist extrem laut. Erst im zweiten Teil des 90-Minüters kommt die Mahler-typische klangliche Raffinesse zum Tragen. Erst im zweiten Teil des 90-Minüters kommt die Mahler-typische klangliche Raffinesse zum Tragen.

Einen unikaten Dirigentenstab aus Meissener Porzellan überreichte Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer dem scheidenden Maestro. Er würdigte ihn als jemanden, der sich den Menschen vor Ort sehr stark zuwendet.
Einen unikaten Dirigentenstab aus Meissener Porzellan überreichte Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer dem scheidenden Maestro. Er würdigte ihn als jemanden, der sich den Menschen vor Ort sehr stark zuwendet. © Matthias Creutziger

Neben dem Dresdner Staatsopernchor und dem Kinderchor der Semperoper wirkten der Chor des Bayerischen Rundfunks und Musiker des Gustav-Mahler-Jugendorchesters an der Aufführung mit. Zudem überzeugte ein hochkarätiges Solisten-Ensemble mit den Sopranistinnen Camilla Nylund, Ricarda Merbeth und Regula Mühlemann, den Altistinnen Stepánka Pucálková und Christa Mayer sowie dem Tenor David Butt Philip, dem Bariton Michael Volle und dem Superbass Georg Zeppenfeld.

Viel Prominenz war gekommen. So unter anderem der ehemalige Gesundheitsminister Jens Spahn, der im sogenannten Körbchen, eine nur bedingt einsehbare Loge im 2. Rang, der Musik lauschte.

Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) würdigte Thielemann im Anschluss auf der Bühne der Semperoper. Dem Dirigenten sei es allein um die Musik gegangen, nie um Effekthascherei, wie auch der Abend wieder gezeigt habe. Die Zuwendung zu Sachsen und seinen Menschen mache Thielemann einzigartig. Man sage nicht Lebewohl, sondern „Danke und auf Wiedersehen“ und freue sich auf viele weitere Begegnungen. Als Geschenk des Freistaates überreichte Kretschmer dem Maestro einen einmaligen Taktstock aus Meissener Porzellan. Quasi ein Gegengeschenk, denn der Künstler hatte dem Politiker unlängst einen seiner hölzernen Stöcke zur Erinnerung überreicht. Dieser Stab ziere nun sein Büro, so Kretschmer.

Besonderer Titel für den Dirigenten

Auch die Staatskapelle hatte ein ungewöhnliches Geschenk. Sie verlieh ihrem bisherigen Chef den Titel Ehrendirigent. Das ist eine Würdigung, die bisher nur Herbert Blomstedt und Sir Colin Davis bekommen hatten. Orchestervorstand Friedwart Christian Dittmann dankte Thielemann für sein Wirken. Seine künstlerische Handschrift habe das Orchester 14 Jahre lang - davon zwölf Jahre als Chef - geprägt und vorangebracht. Man verbinde den Dank mit der Bitte, dass er an das Pult der Staatskapelle als Gast zurückkehre.

Thielemann hat es schriftlich: die Ernennungsurkunde zum Ehrendirigenten.
Thielemann hat es schriftlich: die Ernennungsurkunde zum Ehrendirigenten. © Matthias Creutziger

Thielemann erinnerte an seine ersten Dresden-Besuche vor der Wende. Er sei von Anfang an von der Stadt „schwer angetan“ gewesen. 2003 habe er erstmals die Kapelle beim Brahms-„Requiem“ zum Gedenken an Dresdens Zerstörung 1945 geleitet. Später habe er durch Familienforschung herausgefunden, dass die „Thielemänner“ vor 200 Jahren in Dresden und Riesa beheimatet waren. Es gebe also etwas „Genetisches“ zwischen ihm und der Region.

14 Jahre beim Zwilling der Wiener Philharmoniker

„Ich war von Anfang an von dem Klang dieses unglaublichen Orchesters begeistert“, so der Dirigent unter dem Beifall des Publikums. Er habe mit der Staatskapelle in den vergangenen Jahren ein riesiges Repertoire abgegrast. Zudem hätte das Orchester in Musikzentren wie Wien, Salzburg und New York bestanden. Thielemann nannte das Dresdner Orchester den „Zwilling der Wiener Philharmoniker“.

Auch einen kleinen kulturpolitischen Appell brachte der Maestro in seiner launigen Rede unter. An der Kultur zu sparen, sei das Schlimmste. Sachsen sollte deshalb das Orchester so behandeln, wie es behandelt werden müsse, sagte er in Richtung des Ministerpräsidenten, der ihm auf der Bühne erneut applaudierte und zustimmte. Er habe nach Dresden eigentlich gar keine feste Position mehr annehmen wollen, aber nun sei es anders gekommen, sagte der Maestro mit Blick auf seine neue Aufgabe als Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden in Berlin. Sein letzter Gruß an das Publikum wirkte wie ein Versprechen: "Auf Wiedersehen Dresden!".

50 Aufnahmen als Meilensteine der Kapellengeschichte

Thielemann hatte sein Amt in Dresden mit der Saison 2012/2013 angetreten. Da er schon zwei Jahre zuvor de facto kommissarisch tätig war, blickt er auf 14 Jahre bei der Kapelle zurück. Damit ist er nach Ernst von Schuch der Chefdirigent, der am zweitlängsten das Orchester geleitet hat.

Zu seiner Bilanz gehören auch über 50 Veröffentlichungen. Damit zeugen diese Aufnahmen von der am besten dokumentierten Chefdirigentenzeit in der Kapellengeschichte.

Christian Thielemann verabschiedet sich nicht ganz freiwillig. Da vom Orchester seine Vertragsverlängerung nicht angestrebt oder verschlafen worden war – die Sachlage ist da heutzutage nicht ganz eindeutig –, hatte das Kunstministerium einen Chefdirigenten-Nachfolger mit Daniele Gatti bestimmt. Insider gehen davon aus, dass es trotzdem ein versöhnlicher Abschied des scheidenden Chefs wird. Dank der seltenen Ernennung zum Ehrendirigenten dürfte Christian Thielemann in ein paar Jahren als Gast zur Kapelle zurückkehren. So wie es auch Herbert Blomstedt als Ex-Chef nach Jahren des Abstandes tut.

Das Abschiedskonzert senden MDR-Kultur und MDR-Klassik am 9. Juli ab 20.05 Uhr.