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Hightech-Ausstellung macht den Zwinger erlebbar

Alles andere als langweilig: Die Baugeschichte des Dresdner Zwingers wird in einer neuen Mulitmediashow bildgewaltig erzählt.

Wie in einem Ballon fliegen die Besucher der neuen Multimedia-Ausstellung durch die Baugeschichte des Zwingers. Zu sehen sind auch Bauideen, die nicht realisiert wurden.
Wie in einem Ballon fliegen die Besucher der neuen Multimedia-Ausstellung durch die Baugeschichte des Zwingers. Zu sehen sind auch Bauideen, die nicht realisiert wurden. © Sven Ellger

Ein Mops kam in den Zwinger. So beginnt die Erzählung über den Dresdner Zwinger, der zu keiner Zeit von Hunden bewohnt war. So viel Spaß darf sein, um einen Begriff zu erklären, den heutzutage nur noch wenige benutzen und von dem noch weniger Menschen wissen, was er bedeutet. Dass der Dresdner Zwinger, das prominenteste Bauwerk der Stadt (neben Frauenkirche und Schloss und Opernhaus) einst der Platz zwischen der inneren und der äußeren Befestigungsmauer war und zum „Einzwingen“ des Feindes diente, dürfte manchen überraschen. Der Zwingergraben ist quasi der Rest vom Schützenfest.

Dass im Zwinger Orangenbäumchen standen und wieder stehen, dass hier gigantische Feste gefeiert wurden, hat sich längst herumgesprochen. 1719, das Jahr, in dem August der Starke seinen Sohn mit der österreichischen Kaisertochter Maria Josepha verheiratete, dürfte vielen ein Datum sein, dass sie sich gemerkt haben. Wer 2019 im Kuppelzelt die 270-Grad-Animation gesehen hat, weiß Bescheid.

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Mittendrin im Reiterballett, das August der Starke 1719 zur Hochzeit seines Sohnes mit der österreichischen Kaisertochter Maria Josepha selbst anführte.
Mittendrin im Reiterballett, das August der Starke 1719 zur Hochzeit seines Sohnes mit der österreichischen Kaisertochter Maria Josepha selbst anführte. © Sven Ellger

Nun setzen die Staatlichen Schlösser Burgen und Gärten Sachsen (SBG) in der Bogengalerie des Zwingers noch eins drauf. Ab Mittwoch können Besucher vom Französischen Pavillon aus auf eine Zeitreise durch die Baugeschichte des Zwingers gehen. Keine langen Texttafeln zum Studieren, keine historischen Kupferstiche als Augenpulver. Man setzt Kopfhörer auf, und schon wird man von einem gewissen Matthäus Daniel Pöppelmann bestens unterhalten. Der Architekt begann 1709 mit dem Bau des Zwingers und steht jetzt als Sandsteinbüste in der Ausstellung, schaut durchs Fenster auf die Orangebäumchen und träumt von 4,5 Millionen Besuchern, die vor der Pandemie pro Jahr durch den Zwinger flanierten.

Offiziell eingeweiht wurde der Zwinger 1719 mit besagtem Hochzeitsfest, das nun noch einmal ausgiebig mit einem Reiterballett gefeiert wird, nachdem die Besucher per Ballon durch die Baugeschichte des Zwingers fliegen können. Dabei verlassen ihre Füße nie den Boden. Virtuell sind sie mittendrin statt nur dabei. Zum „Nachlesen“ gibt es Medienstationen für alle, die sich nicht nur von bewegten Bildern (ver)-führen lassen und es ganz genau wissen wollen. Und wer sich außerdem bewegen möchte, steigt auf eins der spacigen Räder, setzt eine VR-Brille auf und strampelt sich durch Zeit und Raum.

Bergamotten und Pomeranzen

Sehr gelungen ist auch die animierte Erzählung zu Augusts Sammlung von Zitrusfrüchten. Der Film läuft in zwei Bogenfenstern, als würde man hinausschauen in den Garten des Kurfürsten. Von Zitrusfrüchten war August der Starke so besessen wie von Porzellantieren. In seiner Sammlung gab es nicht nur schnöde Apfelsinenbäumchen, sondern auch Zitronen aus dem Himalaya, Pampelmusen aus Indonesien, Buddhafingerzitronen, Bergamotten und Pomeranzen. Die Kübelpflanzen überwinterten einst in der Bogengalerie, in der nun die Ausstellung zu sehen ist.

Für deren Einrichtung haben SBG-Projektleiter Dirk Welich und seine Mitstreiter zehn Jahre lang geforscht, haben Technikexperten deren Ideen digitalisiert, damit die Geschichte, die nun so leicht erzählt wirkt, auch einer Überprüfung standhält. SBG-Geschäftsführer Christian Striefler schwärmt von einem „komplett neuen Museum im Zentrum von Dresden“ und davon, dass die SBG „der innovativste Kulturbetrieb“ sind. Zumindest sind sie sehr mutig. Drei Millionen Euro stecken in „Zwinger Xperience“, der zweiten Multimedia-Geschichts-Show nach „Festungs Xperience“, die 2019 eröffnet wurde. Striefler: „Wir glauben fest daran, dass wir mit den neuen technischen Möglichkeiten Aspekte der Geschichte unserer historischen Kulturdenkmale sichtbar machen können, die wir sonst nicht zeigen könnten. Wir wollen mit den veränderten Wahrnehmungsgewohnheiten Schritt halten.“

Wer strampelt, sieht mehr: Die VR-Brille ermöglicht eine bewegte Zeitreise durch die Baugeshcichte des Dresdner Zwingers.
Wer strampelt, sieht mehr: Die VR-Brille ermöglicht eine bewegte Zeitreise durch die Baugeshcichte des Dresdner Zwingers. © Sven Ellger

Dass dafür der Französische Pavillon und die Bogengalerie L in den vergangenen drei Jahren saniert wurden, ist außen und innen nicht zu übersehen. 14,3 Millionen hat der Freistaat investiert, Fußbodenheizung und Kühlung eingebaut und die Räume mit modernster Technik ausgestattet.

Die Hochzeit des Jahrs 1719 soll einst sechs Millionen Taler gekostet haben. Als Maria Josepha von dieser Summe hört, sagt sie: „Mir schwinden die Sinne!“ Das könnte Besuchern, die nicht ganz schwindelfrei sind, auch passieren. Ob sich Geschichte mit diesem multimedialen Bilderflash besonders zielführend und bleibend vermitteln lässt, wird die Zeit zeigen. Ein tolles Erlebnis ist diese Show allemal, und sie wird vielen sehr viel mehr Spaß machen als ein Zwingerrundgang mit Führung während der Stadtrundfahrt. Sie ist ihr Eintrittsgeld wert und am Ausgang muss ja auch niemand eine Geschichtsprüfung ablegen.

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„Zwinger Xperience – Macht. Epochen. Dimensionen. Eine Zeitreise“ ab 30. Juni im Dresdner Zwinger, Französischer Pavillon. Geöffnet täglich 10 bis 18 Uhr, letzter Einlass 17 Uhr. Eintritt: 10/8 Euro, Kinder 6 bis 16 Jahre 3 Euro, freier Eintritt mit Schlösserlandkarte.

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