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Banksy zum Anfassen

Über 100 Reproduktionen von Werken des Street-Art-Künstlers Banksy sind jetzt in Dresden zu sehen. Ob ihm das gefallen würde?

"Es schneit, es schneit, kommt alle aus dem Haus!" - Aber auf der anderen Seite der Hauswand steht ein brennender Container, der die giftige Asche in den Himmel bläst.
"Es schneit, es schneit, kommt alle aus dem Haus!" - Aber auf der anderen Seite der Hauswand steht ein brennender Container, der die giftige Asche in den Himmel bläst. © Jürgen Lösel

Von Hannah Küppers

Dresden. Ein Mann übermalt 2011 einen Banksy – und das zwei Jahre, nachdem eines seiner Werke für 1,9 Millionen Dollar bei einer Auktion in New York versteigert wurde. Die Liste mutwilllig beschädigter Banksys ist lang, aber der Mitarbeiter des muslimischen Kulturzentrums in Bristol, an dessen Hauswand ein echter Banksy prangte, ein großer Gorilla mit pinker Maske, meinte es wohl wirklich nicht böse und entschuldigte den Fehler.

Ein Werk des vielleicht populärsten Künstlers der Gegenwart versehentlich zu übermalen, das würde heute wahrscheinlich niemandem mehr passieren. Auch wenn immer noch niemand weiß, wer sich hinter der Signatur „Banksy“ verbirgt. Robin Banks, ein junger Punk in schwarzem Hoodie aus Bristol? Er hüllt sich in Anonymität, aber über 50 müsste er inzwischen sein. Schließlich fand man seine ersten Werke bereits in den Neunzigern, an Mauern und Hauswänden in Bristol.

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Damals noch aus der Hand gesprayt, bevor der Künstler später seine bis dahin in der Street Art verpönte Schablonen-Technik etablierte. Es musste einfach schnell gehen für seine Nacht- und Nebelaktionen, bei denen er bis heute nie entdeckt wurde. Banksy bleibt ein Mysterium, und vielleicht zieht gerade das die Fans an.

Durch 20 Länder dieser Welt müsste ein Banksy-Fan reisen, um alle seine Werke im Original zu sehen. „Eine kleine Weltreise“ nennt die Kuratorin Virginia Jean deshalb auch ihre Ausstellung und will ihren Besuchern ein komprimiertes Banksy-Erlebnis bieten, dass in der Realität gar nicht existiert. Nicht nur, dass das Reisen in 20 Länder in Zeiten einer Pandemie schwer ist, hinzu kommt auch, dass zahlreiche Banksys inzwischen entfernt, zerstört oder übermalt sind.

Zynische Anti-Kriegs-Botschaften sind Banksys große Stärke.
Zynische Anti-Kriegs-Botschaften sind Banksys große Stärke. © Jürgen Lösel

Mit der Ausstellung „The Mystery Of Banksy“ haben die Kuratoren versucht, sie trotzdem alle zu vereinen. Keine Originale, sondern „Fakes“, Reproduktionen der Kunstwerke. Die Ausstellung ist bewusst unautorisiert, ganz im Sinne von Banksys Motto „Copyright is for losers“, also: Urheberrecht ist für Verlierer. Nach der Weltpremiere in München und weiteren Standorten in Berlin und Heidelberg ist Banksy jetzt in der Zeitenströmung in Dresden zu sehen.

Noch größer und weitläufiger, wie Veranstalter Oliver Forster sagt. Mehr als 100 Banksy-Kopien warten auf die Dresdner Besucher: Graffitis, Fotografien, Skulpturen und Drucke, die internationale Street-Art-Künstler angefertigt haben. Ein Instagram-Foto des Künstlers haben die Kuratoren als Vorlage genommen, um ein Badezimmer nachzustellen, in dem Graffiti-Ratten über Kloschüssel und Spiegel hüpfen. In einer nachgebauten Londoner U-Bahn ist ein neuer Banksy kopiert, der während der Corona-Zeit entstand.

Straßenkunst im Museum – wer weiß, ob das dem Künstler gefallen würde. Möglichst viel Banksy auf kleinem Raum in kurzer Zeit ist hier die Idee, inklusive riesigem Fan-Shop am Ausgang. Veranstalter Oliver Forster glaubt, dass es im Sinne des Künstlers ist. Die Ausstellungen könnten dazu beitragen, Banksys Botschaften an die Menschen weiterzugeben. Jeder kenne das „Girl with Balloon“, Banksys Grafitti eines kleinen Mädchens, dessen herzförmiger Ballon vom Wind fortgeweht wird, aber die meisten hätten keine Vorstellung von der großen Bandbreite seines Schaffens.

Banksys Werke sind in der Zeitenströmung verschiedenen Räumen thematisch zugeordnet.
Banksys Werke sind in der Zeitenströmung verschiedenen Räumen thematisch zugeordnet. © Jürgen Lösel

Banksy ist eben weitaus mehr als rote Herz-Ballons. Die rührenden Kinder in seinen Werken dienen meistens einer bitterbösen Kritik: Sie spielen mit Bomben oder fangen mit ihrer Zunge scheinbar Schnee auf, der eigentlich giftige Asche ist. Jede scheinbare Idylle erhalte bei Banksy einen erschreckenden Twist, der zum Nachdenken anrege, sagt Kuratorin Virginia Jean.

Ein Paradebeispiel für Banksys makaberen Humor zeigen Fotos in der Zeitenströmung: Das Dismaland, eine satirische Disneyland-Nachbildung, die Banksy 2015 in England präsentierte. Die Mitarbeiter sollten so unfreundlich wie möglich sein und die größte „Attraktion“ stellte ein Teich dar, in dem die Besucher Schlauchboote mit Geflüchteten über Leichen im Wasser steuern konnten. Man nennt Banksy auch „das schlechte Gewissen unserer Gesellschaft“. Kein Thema ist Banksy zu heikel, und kein Polizist, Kapitalist oder König ist vor Banksys böser Spraydose gefeit.

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Banksy spreche mit seinen Schöpfungen Probleme in unserer Welt an, vor denen wir nur allzu gerne die Augen verschlössen, sagt Virginia Jean. Wer nicht die Augen verschließen will, den ermutigt die Kuratorin am Ende der Ausstellung, direkt mit der Spende für die „Louise Michel“ zu beginnen: Ein von Banksy finanziertes und bespraytes Boot, das Geflüchtete auf dem Mittelmeer rettet.

„The Mystery Of Banksy“, bis 9. Januar 2022 in der Zeitenströmung Dresden, Königsbrücker Str. 96.

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