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Bei Dresdens Musikfestspielen gab es zum Schlaf Musik dazu

Im Hygiene-Museum wurde eine ganze Nacht hindurch musiziert, gedöst und geschnarcht – für die Wissenschaft und die eigene Neugier.

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Schlafen zur Musik – im Deutschen Hygiene-Museum war das dank der Festspiele möglich. Diese erweitern ihr Programm Jahr für Jahr um interessante Facetten.
Schlafen zur Musik – im Deutschen Hygiene-Museum war das dank der Festspiele möglich. Diese erweitern ihr Programm Jahr für Jahr um interessante Facetten. © Oliver Killig

Von Karsten Blüthgen

Na, dann lass uns mal schlafen gehen! Zwei Männer schließen am Hygiene-Museum ihre Fahrräder an. Es ist kurz nach 20 Uhr. Zeit zum Einchecken für eine spannende Dresdner Nacht. Nicht nur, weil die Unterkunft ungewöhnlich ist, sondern auch, weil es nicht ganz still sein wird. Die Leute kommen in Alltagskleidung, haben Rucksack, Schlafsack und Isomatte dabei. Ein Schlafkonzert steht an, als Teil der Reihe „Sound & Science“, in der die Musikfestspiele mit der Technischen Universität Dresden kooperieren und Brücken zur Wissenschaft schlagen. Diesmal zum interdisziplinären Projekt „Lullabyte“.

Zum Spiel (mit) der Musik kommt hier ein englisches Wortspiel. „Lullaby“ bedeutet Wiegenlied. „Byte“ signalisiert: Hier wird geforscht, und dafür werden Daten gesammelt, auch von dieser Nacht.

Die Musikwissenschaftlerin und Klangkünstlerin Miriam Akkermann gehört zum Team von Lullabyte in dieser Nachtschicht. Akkermann führt sicher und sympathisch durch das fast zehnstündige Programm, organisiert und koordiniert. Nachts spielt sie in einem Duo Querflöte, um zum Frühstück 7 Uhr jene Gäste, die durchgehalten haben, nochmals strahlend zu ermuntern, an einer kleinen Studie teilzunehmen. Gefragt wird, ob sie oder er geschlafen hat oder nur gedöst oder gar nicht. Und ob sich die Musik positiv oder negativ ausgewirkt hat. Das sei keine klinische Studie, bestätigt Akkermann. Aber dieses positive Setting und diese Breite an Befragten habe man sonst nicht, weswegen sie auf das Ergebnis sehr gespannt sei.

Der Abend im Großen Saal beginnt wissenschaftlich, aber keineswegs bierernst oder trocken. Martin Dresler, Professor für kognitive Neurowissenschaften an der Radboud-Universität in den Niederlanden, wirft einen elementaren Gedanken in den Ring: Schlaf hat den evolutionären Nachteil, Individuen in einen hilflosen Zustand zu versetzen. Fressfeinde haben dann leichtes Spiel. Schlaf ist also nicht nur lebenswichtig, er kann auch lebensgefährlich sein. Pferde und andere Großvegetarier haben ferner ein Zeitproblem. Dresler zeigt Forschungen, wonach Pflanzenfresser umso weniger schlafen, je schwerer sie sind. Je länger sie also fressen müssen. Schließlich kommt Dresler zur Funktion des Träumens – und nähert sich Mensch und Musik.

Kira Vibe Jespersen übernimmt. Sie ist Professorin am Center for Music in the Brain der Universität Aarhus. Sie interessiert sich besonders dafür, wie Musik auf den Schlaf wirkt und wie sich Klänge gegen Schlaflosigkeit anwenden lassen. Das Potenzial legen Studien vielfach nahe, der Bedarf an Hilfe ist immens neben Millionen von Eltern, die ihren Kindern am Bett vorsingen. Es gibt bevorzugte Merkmale von Musik, die Schlaf fördern können, doch die Vielfalt ist riesig.

Fast 1.000 Playlisten lassen sich beim Streamingdienst Spotify dem Thema Schlaf zuordnen, haben Forschende um Jespersen ermittelt. In diesen sleep-related playlists stecken knapp eine Viertelmillion verschiedene Tracks. Besonders gefragt sei instrumentale und akustische Musik, langsamere, leisere Stücke. Doch bei Brahms‘ „Wiegenlied“ hört die Welt nicht auf. Ganz oben auf der Beliebtheitsskala finden sich heute Songs von Billie Eilish und „Dynamite“, ein Kracher der südkoreanischen Pop-Band BTS.

Wen kann eine so druckvolle Musik beruhigen oder gar einschlafen lassen? Wird eine sleep-playlist womöglich aus anderen Gründen aufgerufen? Zum Beispiel aus reiner Lust, weil die Musik vertraut ist oder weil drei Uhr nachts eine Zeit ist, da andere schlafen? Diese Motive seien bislang kaum erforscht, so Jespersen.

Schlafwandeln, luzides Träumen und weitere Themen klingen an, als sich die Referierenden vom Publikum fragen lassen. Hochinteressant bleibt es, doch die Uhr tickt. Es soll ja Musik geben. Viel Musik.

Umbaupause nach 22 Uhr. Stühle werden aus dem Saal getragen, Feldbetten hineingeschafft. Viele nutzen die private Schlafmatte, mancher legt sich auf den nackten Boden.

Dann greift Miriam Akkermann zur Querflöte, Klaus Janek neben ihr am Kontrabass schickt alles durch komplexe Elektronik. In acht Stunden bewegen die beiden weniger Töne als ein Duo in einem klassischen Sonatensatz. Die Musik bleibt von Anbeginn dezent, versinkt bald im Rascheln von Schlafsäcken und zufriedenem Schnarchen. „Drones“, „Kleinteiliger“ oder „leise Flächen“ heißen die Abschnitte. Es sind nur grobe Spielanweisungen für statische Töne, Perkussives, Geräuschhaftes, für schnarrende Saiten und sanfte Schichtungen. In einem Abschnitt haucht Akkermann in langen Zügen in ihre Flöte. Die Musik ist fast tonlos geworden, ihr Puls scheint mit dem Zeitverlauf der Hirnströme von Tiefschlafenden korrelieren zu wollen. Akkermann und Janek gönnen sich kaum Pausen. Dann laufen die eingespielten Loops selbstständig.

Nach 6 Uhr übernimmt als Weckruf schließlich „Endel“, die geschmeidige Klangsynthese eines Berliner Start-up-Unternehmens. Das Licht fährt hoch, der Saal wird wach, vom Foyer her klappern Frühstückswerkzeuge. Die meisten Gesichter wirken zufrieden, und der Kaffee fließt munter.