Feuilleton
Merken

Bei "Literatur Jetzt!" trifft Kaiserin Sisi auf Friedrich Merz

Das Festival „Literatur Jetzt!“ in Dresden wird von Jahr zu Jahr größer. Diesmal dabei sind Prominente wie Rainald Grebe und Karen Duve.

Von Karin Großmann
 4 Min.
Teilen
Folgen
Karen Duve, 1961 in Hamburg geboren, lebt in der Märkischen Schweiz. Sie wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. In Dresden stellt sie jetzt ihren neuen Sisi-Roman vor.
Karen Duve, 1961 in Hamburg geboren, lebt in der Märkischen Schweiz. Sie wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. In Dresden stellt sie jetzt ihren neuen Sisi-Roman vor. © ALL RIGHTS RESERVED © LLH Produ

Die Kaiserin hängt an der Sprossenwand. Die Beine in die Horizontale gestreckt. Im engen Turndress sieht sie genauso reizend aus wie hoch zu Ross. Sie galoppiert schneller und springt höher als mancher Mann. Ein ganzes Jahr lang hat sie sich auf die wilden Jagden in England vorbereitet. „Ach Sisi, du bist ganz wie ich“, sagte ihr Vater einmal, „wenn wir keine Herzöge wären, wären wir Zirkusreiter geworden.“ Zirkus und Monarchie. So groß ist der Unterschied gar nicht – zumindest nicht für Elisabeth, genannt Sisi, Kaiserin von Österreich und schillernde Hauptfigur im neuen Roman von Karen Duve.

Die Schriftstellerin feiert ihre Buchpremiere am Donnerstag in Dresden beim Festival „Literatur Jetzt!“. Fünf Tage lang bietet das Zentralwerk im ehemaligen Grafischen Großbetrieb Völkerfreundschaft eine Bühne für alle oder doch fast alle Spielarten der Literatur, abgemischt mit Musik. Den Auftakt gibt folgerichtig der Kabarettist, Liedermacher und Regisseur Rainald Grebe. Er hat gerade in Dresden zu tun. Am Staatsschauspiel inszeniert er sein Stück über Baron Münchhausen. Zur Spielzeiteröffnung flog schon mal ein Schauspieler auf einer Kanonenkugel durch die Kulisse wie vormals der schöne Hans im Film.

Mit Ironie aus der Verzweiflung retten

Am Mittwoch liest Grebe im Zentralwerk aus seiner Autobiografie. Er schrieb sie während der Reha-Kur im brandenburgischen Teupitz zwischen Gemüsereis und Gedächtnistraining. Nach mehreren Schlaganfällen fehlten ihm nicht nur die Worte. „Da hat’s ja wieder ganz schön gerumst. Mannomann“, so die präzise Diagnose des Arztes. Grebe versucht sich mit Ironie aus der Verzweiflung zu retten. In seinem Buch fügt er Erinnerungsschnipsel mit Anekdoten, Zeichnungen und Familienfotos zu einem Lebensbild und erkennt: „Es gibt nichts Hauptsächliches, für das ich dingfest gemacht werden kann. Ich mach das alles nebenbei.“ Manchmal waren es 200 Auftritte in einem Jahr, zwei Platten, drei Hörspiele, vier Inszenierungen …

So was geht nur, wenn einer besessen genug ist und überzeugt von dem, was er tut. Ohne dies gäbe es auch das Festival nicht. Grebes Dresdner Verleger Leif Greinus und der Schriftsteller Michael Bittner gründeten das Lesefest 2007 mit dem Ziel, die Grenzen zwischen dem Hochliterarischen und Populärkulturellen zu durchlöchern. Jedes Jahr wuchs das Programm ein Stück. Jetzt kümmert sich ein Verein darum, finanziell unterstützt unter anderem von der Kulturstiftung des Freistaats und der Stadt Dresden, mit der Sächsischen Zeitung als Medienpartner.

Weltschmerz und seelische Verstümmelung

Und auch im neuen Jahrgang geht es um Literatur, die das Hier und Jetzt verhandelt. Karen Duve, die mit Bestsellern wie „Regenroman“ und ihrem Selbstversuch „Anständig essen“ zur kraftvollen, kritischen, mittleren Autorengeneration gehört, porträtiert mit Sisi eine widerspenstige Herrscherin, die sich Freiräume in einem erstarrten System verschaffte, ihren Hofstaat manipulierte und bisweilen zerstörerisch agierte.Ihre Nachfolgerinnen im Geiste finden sich in den Geschichten von Helene Hegemann, seit ihrem Romandebüt „Axolotl Roadkill“ als Spezialistin für Weltschmerz bekannt. Sie liest am Donnerstag aus ihrem jüngsten Erzählband „Schlachtensee“ von seelischen Verstümmelungen.

Später laden die Journalisten Cornelius Pollmer und Yasmine M’Barek zur „Spätschicht“ ein. Sie diskutieren zum Beispiel über die neue Brille von Friedrich Merz und ob sie reicht für die Kanzlerschaft.So politisch tiefgründig geht es an den folgenden Tagen weiter mit Reporter-Slam, Pop- und Poesieshow und Lesungen bis in die Nacht. Tanja Maljartschuk zum Beispiel lässt in ihrem Roman den „Blauwal der Erinnerung“ schwimmen und erzählt aus der Geschichte der Ukraine, wo sie 1983 geboren wurde. Sie fühle sich und ihre Arbeit von dem Krieg gegen ihre Heimat in Geiselhaft genommen, sagt die Autorin. Ihre eigene Lebensgeschichte verknüpft sie mit der eines Geschichtsphilosophen, der 1919 vor den Bolschewiki nach Wien floh.

Das Literaturfest bietet inzwischen auch einiges für Kinder. In diesem Jahr können sie einen ganzen Sonntag lang zuhören, malen, Märchenfilme gucken oder sich selber Geschichten ausdenken. Es gibt einen Workshop für Illustrationen, und wenn der Dresdner Schauspieler Thomas Eisen Stroh zu Gold spinnt, dürfte ein kleiner bärtiger Zwerg nicht weit sein. Literarische Rätsel sind überall im Zentralwerk versteckt.

14. Festival „Literatur Jetzt!“, 21. bis 25. 9. Zentralwerk Dresden-Pieschen; Tickets gibt es hier.

Für die Premiere von Karen Duve am Donnerstag, 19 Uhr, erhalten Inhaber der SZ-Card zwei Karten zum Preis von einer.