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Bernini-Meisterwerk: Kunstkrimi um einen Schädel

Ein täuschend echter Totenkopf wurde in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden als ein Meisterwerk des Barockbildhauers Bernini identifiziert.

Attraktion der Sonderausstellung „Bernini, der Papst und der Tod“ ist dieser Schädel, den der römische Bildhauer Gian Lorenzo Bernini 1656 für Papst Alexander VII. aus Carraramarmor anfertigte. Bernini wurde 1598 in Neapel geboren und starb 1680 in
Attraktion der Sonderausstellung „Bernini, der Papst und der Tod“ ist dieser Schädel, den der römische Bildhauer Gian Lorenzo Bernini 1656 für Papst Alexander VII. aus Carraramarmor anfertigte. Bernini wurde 1598 in Neapel geboren und starb 1680 in © Oliver Killig

Ein kühner Gedanke und ein unerfüllbarer Wunsch: „Wenn ein Bernini auf den Markt kommt, dann kaufen wir ihn!“ Das will der Direktor der Gemäldegalerie Alte Meister und der Skulpturensammlung bis 1800 zu Claudia Kryza-Gersch gesagt haben, als er die Expertin für die italienische Skulptur der Renaissance und des Barock und Kennerin der Arbeit des italienischen Bildhauers und Architekten von Rom, Gian Lorenzo Bernini, nach Dresden holte. Nun ist Kojas Wunsch auf wundersame Weise in Erfüllung gegangen und kostet auch keine utopischen Summen, die den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ohnehin nicht zur Verfügung stehen.

Schon seit 1728 befindet sich eine Skulptur von Bernini in Dresden. Es ist ein Schädel aus Carraramarmor. So präzise gearbeitet, dass man ihn für einen echten Totenkopf hält. Innen anatomisch korrekt ausgehöhlt. Die Hinterwand des Schädels ist nur etwa einen Zentimeter stark, die Nasenscheidewand hauchdünn wie Pergament, die Schädelnähte fein ziseliert – es ist ein Wunderwerk der Kunst.

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Bernini-Experten fragten weltweit immer wieder nach dem Verbleib dieses Marmorschädels. Denn sie wussten, dass er eine solche Skulptur in Rom für Papst Alexander VII. gefertigt hatte. Aber wie das manchmal so ist in der Welt der Kunstwissenschaft: Wenn eine allzu aufwendige und wenig aussichtsreiche Recherche droht, verlässt man sich gern auf das, was anerkannte Experten bereits veröffentlicht haben. So blieb Berninis Schädel verschollen, bis er Claudia Kryza-Gersch in die Hände fiel.

Seltsam fand sie es schon, dass dieser Totenkopf in Pillnitz im Kunstwerbemuseum ausgestellt war, aber nie groß beachtet, nie wissenschaftlich untersucht worden war. Sie wurde von der Aura dieses Kunstwerks sofort in den Bann gezogen. Die Pandemie nutzte sie zum Lesen und Studieren von Akten, die zum Glück online verfügbar waren, denn nach Rom reisen durfte sie nicht. Sie konnte beweisen: Der Schädel ist zweifelsfrei ein Werk Berninis. „Sich mit ihm zu beschäftigen, ist eine ernsthafte Sache“, sagt sie. Aber seit sie dem Marmorschädel auf die Spur kam, habe sie ihre Kollegen und Freunde im Lockdown wohl doch sehr genervt mit ihrer unerträglich guten Laune.

Bernini-Sonderausstellung eingerichtet

Die Museumsleute wollten Kryza-Gerschs Entdeckung nicht für sich behalten und haben in musealer Lichtgeschwindigkeit die Sonderausstellung „Bernini, der Papst und der Tod“ eingerichtet, einen Katalog herausgegeben und sogar eine Leihgabe aus Rom bekommen: ein Porträt von Papst Alexander VII. mit Berninis Totenschädel in der Hand. Vergleicht man in der Schau die beiden Schädel, dann hat das Original im Lauf der Zeit wohl ein paar Zähne verloren. Vielleicht hatte aber auch dem Maler Guido Ubaldo Abbatini, einem Schüler Berninis, ein vollständiges Gebiss besser gefallen und die Lücken sind original?

Den Totenschädel hatte Alexander VII. beim Künstler in Auftrag gegeben – nur drei Tage, nachdem er am 7. April 1655 zum Papst gewählt worden war. Er wollte sich aus Pietätsgründen keinen echten Schädel auf den Schreibtisch stellen und wusste um die Meisterschaft Berninis. „Bernini war zutiefst religiös und schuf ein Kunstwerk für den Papst, von dem er wusste, dass er es jeden Tag in die Hand nimmt“, sagt die Kuratorin. Er war aber auch ein überaus ehrgeiziger Künstler, der selbstbewusst die Chance ergriff und sich in den Dienst des Mächtigen stellte. Bernini und der Papst waren im selben Alter und hatten gemeinsame Interessen. Sie wurden Freunde, und das barocke Rom wurde gewissermaßen von ihnen erbaut. „Sie waren ein Dreamteam“, sagt Kryza-Gersch.

Ein Meisterwerk des Bildhauer Gian Lorenzo Bernini (1598-1860): ein Totenkopf aus weißem Carrara-Marmor.
Ein Meisterwerk des Bildhauer Gian Lorenzo Bernini (1598-1860): ein Totenkopf aus weißem Carrara-Marmor. © Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa

Der Tod war auch im Vatikan allgegenwärtig

Der Papst bestellte bei dieser ersten Privataudienz, die er Bernini gewährte, auch einen Bleisarkophag, den er unter seinem Bett aufbewahrte. Der Tod, den wir heute so erfolgreich aus unserem Alltag verdrängen, war damals allgegenwärtig, auch im Vatikan, auch in den privaten Gemächern des Papstes. Ein vorbildliches christliches Leben, so predigte die Kirche, würde jedem Menschen den Übergang in die Ewigkeit erleichtern und die Existenz im Jenseits verschönern.1656 brach in Rom die Pest aus, die sich seit 1652 von Nordafrika aus verbreitet hatte. „Normalerweise brachten sich die Herrschenden in so einer Situation in Sicherheit und verließen die Stadt. Papst Alexander VII. jedoch blieb in Rom und gründete eine eigene Gesellschaft zur Bekämpfung der Krise“, erklärt Claudia Kryza-Gersch. „Die Stadt kam in Quarantäne, Lazarette wurden eingerichtet, man trug Masken, Handschuhe und Kleider aus gewachstem Tuch, man hielt Abstand. Das Geld wurde desinfiziert und das öffentliche Leben stillgelegt, sogar die Kirchen waren geschlossen.“

Die Maske mit dem langen Schnabel war keine Karnevalsverkleidung in Venedig, sondern wurde von Ärzten getragen. Im Schnabel waren Kräuter, und dessen Länge und ein Stab hielten den Doktor auf Abstand zu den Kranken. „In Rom starben in jenen Jahren 14.000 Menschen an der Pest, aber 100.000 waren es in Neapel, und London beklagte 80.000 Todesopfer. Der Pontifex wurde für sein gutes Krisenmanagement gefeiert“, sagt die Kuratorin.1661 kopierten zwei Mitarbeiter Berninis den Totenkopf und schufen dazu die Skulptur eines Neugeborenen. Beide Figuren wurden auf schwarze Marmorkissen gebettet und waren lange in Besitz von Agostino Chigi, dem zweiten Neffen Alexander VII.

Der Schädel aus der „Allegorie des Lebens und des Todes“ wurde fälschlicherweise immer wieder für den Bernini-Schädel gehalten. Der war jedoch nach dem Tod des Papstes 1667 in den Besitz seines Neffen Flavio Chigi übergegangen, der kein besonders engagierter Kardinal gewesen sein soll, aber dafür ein großer Kunstfreund war. Die Sammlung Chigi kam 1728 nach Dresden. August der Starke ließ sie in Rom kaufen. Da sie überwiegend Antiken enthielt, war wohl ein Bernini, der in diesem Kontext als zeitgenössisch gilt, nur Nebensache und geriet in Vergessenheit.

In der Dresdner Skulpturensammlung befindet sich noch ein weiteres bemerkenswertes Werk, das im Zusammenhang mit Kryza-Gerschs Forschungen endlich einen Kontext bekommen könnte: Der Dresdner Hofbildhauer Balthasar Permoser schuf um 1725 die Marmorfigur eines weinenden Kindes. In der Ausstellung ist der Knabe auf ein schwarzes Samtkissen gebettet. Vielleicht sah Permoser in Rom, wo er von 1675 bis 1677 lebte, bei den Chigis die "Allegorie des Lebens und des Todes"? Dass Berninis Werk ihn insgesamt inspirierte, das ist gewiss.

Die Gemäldegalerie Alte Meister und die Skulpturensammlung bis 1800 sind im Semperbau am Dresdner Zwinger vorerst Fr – So 10 – 17 Uhr geöffnet.

Die Sonderschau „Bernini, der Papst und der Tod“ ist bis zum 5. September zu sehen.

Der Katalog erschien im Sandstein Verlag und kostet 19,80 Euro

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