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Campino in Dresden über Fußball und sein Leben

Er ist Kultsänger der Toten Hosen, Fan des Liverpool FC und ein unterhaltsamer Geschichtenerzähler, wie er beim vergnüglichen "Picknick-Konzert" beweist.

Er ist Kultsänger der Toten Hosen und Fan des Liverpool FC - in Dresden vereint Campino das bei einer musikalischen Lesung auf der Bühne.
Er ist Kultsänger der Toten Hosen und Fan des Liverpool FC - in Dresden vereint Campino das bei einer musikalischen Lesung auf der Bühne. © Foto: Kairospress/Thomas Kretschel

Dresden. Und nach dem Konzert gibt es zum kühlen Bier ein erfrischendes Bad. Wenn Campino in Dresden ist, gehört das irgendwie dazu, auch wenn der Sänger diesmal ohne Band gekommen ist, Gitarrist Kuddel von Holst begleitet ihn. Erst auf der Bühne, dann im kleinen Planscher. "Geniale @stadt_dresden ! Wieder ein tolles Publikum, wieder ein tolles Freibad!", schreiben sie in sozialen Netzwerken.

Nach ihrem Konzert im Rudolf-Harbig-Stadion im Sommer 2018 waren die Musiker nachts und ohne Ticket ins Georg-Arnhold-Bad eingestiegen, wofür sie sich mit einer 5.000-Euro-Spende entschuldigten. Diesmal gibt es dafür keinen Anlass. Vielmehr verbindet Campino und seine Fans an diesem kühler werdenden Sommerabend im Duft von frischen Heu eine große Dankbarkeit für dieses Erlebnis, das beide Seiten gleichermaßen vermisst haben. "Ist das nicht ein geiler Tag?", fragt der Sänger zu Beginn des "Picknick-Konzerts" in der Dresdner Rinne am Montagabend. "Schön, euch endlich mal wiederzusehen. Groß seid ihr geworden."

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Volles Programm beim Palais Sommer
Volles Programm beim Palais Sommer

Dresdens beliebtes eintrittsfreies Festival für Kunst, Kultur und Bildung geht weiter und hat wieder viele Veranstaltungen in der ersten Augustwoche im Gepäck.

Er präsentiert sein Buch "Hope Street", das den Untertitel trägt: "Wie ich einmal englischer Meister wurde." Wer dazu weiß, dass er Fan des Liverpool FC ist - und natürlich wissen es alle, die auf den Picknickdecken im mit Zollstock vermessenen 1,50-Meter-Abstand sitzen, kauern, lümmeln oder liegen -, erwartet vielleicht einen Vortrag über Fußball. Das ist es auch, aber eben viel mehr. Schon früh beim Verfassen seines Buches ist dem Autor nämlich klargeworden, dass es "langweilig wird, nur diese Bratwurtsbuden zu beschreiben".

Also kommt er auf die Pizza zu sprechen, die zu Neapel gehört wie das Altbier zu Düsseldorf oder der Christstollen zu Dresden. Auch wenn sie dann beim Auswärtsspiel nicht so schmeckt wie erwartet, ist das eine köstliche Geschichte, die Campino so lebendig schildert, dass der Zuhörer das Gefühl bekommt, sie gerade selbst zu erleben. Ja, die Fliegerei zu den Fußballspielen sei "eine Umweltsauerei", zumal seine Frau sowieso meint, es würde nichts ändern, ob er dabei ist oder nicht. Das sieht er als Fan grundsätzlich anders, zahlt aber die doppelte CO2-Steuer und redet sich ein, es sei eine gute Sache: "Dem LFC folgen und die Welt retten."

Fußball als Basis für seine Lebensgeschichte

Also fliegt er sogar nach Katar zur Finalrunde um den europäischen Supercup. "Ich stecke in einem Gewissenskonflikt. Eigentlich will ich sofort meinen Koffer packen. Andererseits erscheint mir die Vorstellung von einem Fußballspiel in der Wüste irrsinnig." Aber sein Kumpel Marc meint ja auch, dass man sich kein Urteil erlauben kann, wenn man nicht selbst dort gewesen ist. Also starten sie kurz vor Weihnachten, erleben eine uns skurril erscheinende Welt. Und natürlich gewinnt sein LFC mit Trainer Klopp, seinem Freund Jürgen.

Es durftet nach Heu und Sommer: Auf Picknickdecken im 1,50-Meter-Abstand verfolgen 1.000 Leute das ausverkaufte Picknick-Konzert in der Dresdner Rinne, das gleichzeitig eine Lesung ist.
Es durftet nach Heu und Sommer: Auf Picknickdecken im 1,50-Meter-Abstand verfolgen 1.000 Leute das ausverkaufte Picknick-Konzert in der Dresdner Rinne, das gleichzeitig eine Lesung ist. © Foto: Kairospress/Thomas Kretschel

Doch es ist kein Bericht über Spiele, sondern von Erlebnissen. Fußball ist die Basis für seine Lebensgeschichte, spannend, humorvoll und anekdotenreich erzählt. Lachen, Schmunzeln, Nachdenklichkeit. Campino berührt. Er beschreibt das schwierige Verhältnis zu seinem deutschen Vater, der die Schlacht von Stalingrad überlebt hat, weil er von mehreren Splittern am Kopf getroffen und ausgeflogen wurde. Und die Liebe zu seiner englischen Mutter, mit der er die Ferien in Cornwall verbrachte, schwärmerische Kindheitserinnerungen. "Wir spielten am Strand Cricket, bis unsere Mutter uns aus dem Fenster zum Abendbrot rief."

Wie er zu Hause die Zigaretten stiebitzte, die für Gäste gedacht waren, und mit Spielgeld sogar den Automaten austrickste. (Dagegen wehrt er sich, die Herrentoilette mit der Penny-Münze zu öffnen, weil er glaubt, das könne mit dem Frauenkopf der Queen drauf nicht funktionieren.) Schließlich erwischt ihn sein Bruder beim Quarzen, fordert ihn auf, eine auf Lunge zu nehmen. Fünf Züge. "Ich war zwölf Jahre alt, als ich das Rauchen endgültig aufgab."

"Anti-Pegida-Veranstaltung der Oberhammer"

Einige Hits der Toten Hosen dürfen nicht fehlen an Tagen wie diesen, wenn Kultur wieder aufsteht. Und das Liebeslied. Dreizehnmal seien sie in Dresden gewesen, zum ersten Mal 1990 auf Fahrradtour in der Scheune. Die Auftritte am Elbufer seien der Hammer gewesen, meint Campino - und findet doch eine Steigerung: "Die Anti-Pegida-Veranstaltung war der Oberhammer!" Im März 2017 überraschte die Band mit ihrem Auftritt. Ein Statement.

Mit Gitarrist Kuddel von Holst gönnt sich Campino auch Songs, die er sonst nur unter der Dusche singt - oder mit 50.000 Fans im Fußballstadion.
Mit Gitarrist Kuddel von Holst gönnt sich Campino auch Songs, die er sonst nur unter der Dusche singt - oder mit 50.000 Fans im Fußballstadion. © Foto: Kairospress/Thomas Kretschel

An diesem Abend schafft es der Künstler, der beinahe ein genauso guter Geschichtenvorleser wie Sänger ist, die ernsten Themen so einzubauen, dass sie ankommen, aber die fröhliche Grundstimmung nicht belasten. Er gönnt sich einige Songs, die er sonst nur unter der Dusche singt, wie er erzählt - oder eben mit 50.000 Leuten im legendären Fußballstadion an der Anfield Road, dort, wo die Kneipendichte genauso groß ist wie die Sangeslust. "Scheiße", enfährt es ihm, "wie gerne würden wir jetzt so richtig Radau machen. Aber um sich mal wieder Hallo zu sagen, ist das allemal gut."

Zum Abschluss stehen alle, auch wenn nur Campino einen Liverpool-Schal über den Kopf hält, wie es sich eigentlich zu dieser Hymne gehört: "You'll Never Walk Alone". Der Punkrocker verabschiedet sich: "Bis ganz bald..." Und kehrt kurz darauf auf die Bühne zurück, weil keiner gehen will. Doch sie dürfen nicht weitermachen, um die Nachtruhe der Dynamo-Talente im Internat gegenüber nicht zu stören. "Wenn ihr wollt, dass irgendwann mal ein Dresdner für die Fortuna spielt, dann lasst die jetzt schlafen", sagt Campino und meint seine zweite Fußball-Liebe Fortuna Düsseldorf.

"Bis ganz bald!" Campino kommt wieder nach Dresden - das nächste Mal sicher wieder mit den Toten Hosen.
"Bis ganz bald!" Campino kommt wieder nach Dresden - das nächste Mal sicher wieder mit den Toten Hosen. © Foto: Kairospress/Thomas Kretschel

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Aber wer will das schon? Bei Dynamo hat man einen anderen Traum, den vom Europapokal. Dresden sei ihm schon in den 1970er-Jahren sehr angenehm aufgefallen, meint Andreas Frege, wie er mit bürgerlichem Namen heißt. "Damals habt ihr euch absolut höflich verhalten. Wir haben euch 1973, 1976 und 1977 rausgeworfen." Dreimal hat die SGD mit dem Liverpool FC im Europapokal das große Los gezogen, hat von sechs Spielen vier verloren, und der einzige Sieg, ein 2:1 im November 1977, nutzte nichts, weil sie das Hinspiel auf der Insel mit 1:5 verloren hatten.

Darüber habe er mehrere Kapitel verfasst, die ihm der Verlag aber leider gestrichen habe, aber im Ernst: "Ich freue mich, wenn ihr wieder mal gegen uns spielt", sagt Campino - und trifft auch damit den Nerv des Publikums in Dresden.

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