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Feuilleton

So geht Oper in Zeiten von Corona

Die Pandemie hat auch den Spielplan der Dresdner Semperoper beeinträchtigt. Nun will man ein Stück zur Normalität zurückkehren.

Die Semperoper in Dresden will Schritt für Schritt zur Normalität zurückkehren.
Die Semperoper in Dresden will Schritt für Schritt zur Normalität zurückkehren. © Christian Juppe

Von Jörg Schurig

Dresden. Schmachten statt küssen: Für Liebesszenen braucht man momentan in der Oper eine gehörige Portion Vorstellungskraft. Wenn Madame Butterfly und ihr Geliebter Pinkerton an der Semperoper zum großen Liebesduett ansetzen, müssen sie Distanz wahren. Grund sind die Hygienevorgaben für den Spielbetrieb. Anfangs mussten Sänger einen Abstand von sechs Metern einhalten. Inzwischen ist er etwas geschrumpft. Nach Messungen der Aerosol-Verteilung kann die Oper in Dresden dank guter Klimaanlagen die Abstandsvorgaben auf der Bühne, im Saal und künftig auch im Orchestergraben etwas lockern.

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Im Sommer hatte die Sächsische Staatsoper freilich Glück. Als Star-Sopranistin Anna Netrebko hier ihre Rollendebüt als Elisabetta in einer konzertanten Fassung von Verdis "Don Carlo" gab, musste sie mit der Titelfigur nicht fremdeln. Die Partie des Don Carlo sang ihr Ehemann Yusif Eyvazov. "Natürlich können wir jetzt nicht nur Ehepartner oder Künstler in Lebensgemeinschaften engagieren", sagt Intendant Peter Theiler und lacht. Im Ballett sei es aber derzeit so, dass nur "echte Paare" einen Pas de deux tanzen dürfen. 

Theiler sieht den Opernbetrieb in Krisenzeiten pragmatisch: "Ich kenne keine Probleme, ich sehe Lösungen." In der jetzigen Lage setze das aber Kompromissbereitschaft voraus und bedeute, sich gelegentlich auch vom künstlerischen Ideal zu verabschieden. Doch bei einem Haus wie der Semperoper und einem Orchester wie der Staatskapelle habe Qualität stets oberste Priorität: "Wir erreichen mit dem Orchester in kleinerer Besetzung vielleicht nicht die übliche Klangbreite, bieten aber weiterhin ein musikalisches Erlebnis auf Top-Niveau."

Intendant Peter Theiler gibt sich optimistisch
Intendant Peter Theiler gibt sich optimistisch © Archivbild: Ronald Bonß

Momentan zeigt die Oper in Dresden unter dem Motto "Semper Essenz" neben einem Ballettprogramm Klassiker der Opernliteratur wie "Tosca" und "Madame Butterfly" in konzertanter oder halbszenischer Fassung und auf 90 Minuten Spieldauer ohne Pause reduziert. Wegen der nun geltenden Abstandsregeln müssen allerdings drei Viertel der Plätze leer bleiben. Derzeit stehen dem Publikum maximal 331 der 1.300 Plätze zur Verfügung, ab November sollen es um die 500 sein.

Jan Seeger hat als Corona-Schutzbeauftragter der Oper die Einhaltung der Vorgaben zu kontrollieren. Da inzwischen wissenschaftliche Erkenntnisse über das Virus vorliegen, habe man Erleichterungen vornehmen können, sagt der Technische Direktor. Dennoch macht er sich Sorgen, dass diese angesichts steigender Infektionszahlen bald wieder Makulatur sein könnten. "Da müssen wir auf jeden Fall reagieren. Vielleicht nicht im Saal, aber beim Geschehen auf der Bühne. Die Befürchtung ist groß, dass wir da wieder zurückfahren müssen."

Hygienevorschriften verlangen Anpassungen

"Wir können die Inszenierungen leider momentan nicht so zeigen, wie sie entwickelt wurden. Die Hygienevorschriften verlangen Anpassungen, die wir integrieren müssen", erzählt der Intendant. Deshalb habe man sich überlegt, welche Stücke Sinn machen und welche nicht. Alles hänge von der Größe des Orchesters und des Chores ab: "Entweder konnten wir auf eine reduzierte Variante ausweichen oder mussten das Stück ganz absetzen." Zu Beginn der Saison hat es eine Inszenierung erwischt, die Theiler sehr am Herzen lag: Rossinis "Wilhelm Tell". Die Dresdner wollten hier aktuelle Probleme wie Heimat, Freiheit und Selbstverantwortung behandeln.

Die neue "Butterfly"-Inszenierung sollte eigentlich Ende April Premiere haben. Doch damals befand sich die Bühne im Lockdown. Die Kostüme entwarf der Japaner Kenzo Takada. Der Star-Designer starb Anfang Oktober mit 81 Jahren in Paris - an Covid-19. Für Theiler gehören solche Nachrichten zu den Tragödien der Pandemie. Er hätte Kenzo gern in Dresden dabei gehabt, wenn das tragische Schicksal der "Butterfly" irgendwann mit Kostüm und Bühnenbild zu erleben ist.

Trotz aller Turbulenzen wirkt der Intendant gelassen. "Wir schieben mittlerweile vier Opernproduktionen vor uns her, gleiches gilt für die Ballettprogramme. Das macht mich aber nicht unruhig. Ich bin nicht hier, um zu klagen, sondern um Dinge zu bewirken. Wir müssen die Situation so annehmen wie sie ist." Einige der abgesagten Stücke will er in die nächste oder übernächste Saison retten. Das wiederum dürfte Änderungen bei den bereits konzipierten Spielzeiten bedeuten.

"Wir sind bis Sommer 2023 durchgeplant. Ich muss weit vorausschauen und kann das nicht in einer Art Behelfsmodus tun", sagt Theiler. Es gehe darum, das große Ziel im Auge zu behalten: "Wir müssen Visionen haben und dennoch Realisten bleiben. Ich hoffe, dass wir "Turandot" zum Ende dieser Spielzeit in kompletter Fassung präsentieren können." Bedauerlich sei, dass internationale Koproduktionen mit Häusern in Paris, London, Tokio, Kopenhagen und San Francisco vorerst auf Eis liegen - schließlich haben alle Bühnen die gleichen Probleme.

"Die Pandemie wird nachhaltige Auswirkungen für den Opernbetrieb haben. Gleiches gilt für die Beschäftigungslage freischaffender Künstler", meint Theiler. Dresden wolle mit dem Spielbetrieb auch bestehende Vertragssituationen erhalten und spiele deshalb mit hochkarätigen Künstlern vor nur 330 Zuschauern. An das Kosten-Nutzen-Verhältnis mag der Intendant gar nicht denken: "Es geht darum, das 'System Oper' mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu erhalten. Sonst implodiert am Ende eine ganze Branche."

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Er habe nie das Gefühl gehabt, sich Improvisationen hingeben zu müssen, sagt Theiler mit Blick auf die vergangenen Monate. Keiner sei in Kurzarbeit gewesen, alle Gewerke hätten wie immer gearbeitet: "Die Stimmung und Zusammenarbeit im Hause sind ausnahmslos gut. Ich habe nicht erlebt, dass jemand den Kopf hängen lässt." Selbst als es im Ballett einen positiven Corona-Test gab, zwei Vorstellungen abgesagt wurden und das Ensemble spontan nicht auftreten konnte, habe man unbeirrt nach vorn geblickt. Die Begeisterung des Publikums sei ein Beleg dafür, wie sehr die Oper in Zeiten von Corona gebraucht wird.  (dpa)

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