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Dampferkapitäne werden zu Orchestermusikern

Die Dresdner Sinfoniker spielen jetzt ein spektakuläres Konzert mitten auf der Elbe und nehmen sich dafür Egon Olsen zum Vorbild.

Die Schaufelraddampfer „Dresden“, „Meißen“, „Krippen“, „Leipzig“ und „Diesbar“ nehmen am Konzert der Dresdner Sinfoniker teil, werden sogar Teil des Orchesters.
Die Schaufelraddampfer „Dresden“, „Meißen“, „Krippen“, „Leipzig“ und „Diesbar“ nehmen am Konzert der Dresdner Sinfoniker teil, werden sogar Teil des Orchesters. © Rudolf Peperkorn

Zuletzt spielten sie mit Alphörnern auf Hochhausdächern, jetzt machen die Dresdner Sinfoniker Schaufelraddampfer zu Instrumenten und die Elbe zur Bühne. Vor fast genau einem Jahr brachten die Musiker mit dem spektakulären „Himmel über Prohlis“-Konzert einen sonst als sozialen Brennpunkt abgestempelten Stadtteil zum Klingen, wiederholten das Ganze Mitte Juli genauso erfolgreich in Hamburg. Am 4. September folgt bereits der nächste Coup – das erste Konzert, bei dem Kapitäne und Heizer zu Künstlern, Dampferpfeifen in ein Orchester integriert werden.

Im vergangenen Jahr bespielten die Dresdner Sinfoniker Hochhausdächer in Prohlis.
Im vergangenen Jahr bespielten die Dresdner Sinfoniker Hochhausdächer in Prohlis. © Sven Ellger

Markus Rindt, Intendant der Dresdner Sinfoniker: „Ursprünglich war unsere ,Elbkarawane’ etwas anders, etwas bescheidener geplant.“ Er wollte die Musikerinnen und Musiker mit kleinen Booten von Pillnitz aus zum Terrassenufer schippern, sich dort zu einem schwimmenden Orchester vereinigen und ein extra in Auftrag gegebenes Stück spielen lassen. Bei der Weißen Flotte trat er lediglich an, um auszuhandeln, dass während des Konzertes kein großes Dampfer-Rangieren stattfinden und möglichst nicht mit einer Dixieland-Bordkapelle dazwischengehupt werden sollte. „Das war alles kein Problem, doch plötzlich kam einer der Flotten-Chefs sogar noch auf die Idee, dass man sich nicht einfach nur als potenzielle Störungsquelle raushalten, sondern lieber kräftig mitmischen könnte. Das hat mich wiederum sofort begeistert.“

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Markus Rindt, Intendant der Dresdner Sinfoniker, will die "Elbkarawane" gern zu einer festen Institution machen.
Markus Rindt, Intendant der Dresdner Sinfoniker, will die "Elbkarawane" gern zu einer festen Institution machen. © ronaldbonss.com

Rindt kontaktierte den Dresdner Pianisten Andreas Gundlach, der bereits über der Partitur des „Elbkarawanen“-Stückes saß. „Ich musste ihn nicht erst überreden, Dampferpfeifen einzubauen“, so Rindt. „Er hüpfte förmlich vor Freude bei diesem Gedanken.“.Das Ergebnis heißt nun „Vapora Fortis – Concerto Grosso für fünf Schaufelraddampfer und Orchester“, es setzt neben Bläsern, Schlagwerk, Klavieren und einem Streichquintett die Dampfpfeifen von fünf Passagierdampfern ein und behandelt sie dabei wie Solisten. Markus Rindt: „Genauso wie die Schiffe selbst sind ihre alten Dampfpfeifen einmalige Charaktere, haben unterschiedliche Stimmungen und können differenzierte Töne von unglaublicher Lautstärke produzieren.“

Besatzungen sind Feuer und Flamme

Damit das tatsächlich taktgenau und im Sinne des Komponisten funktioniert, werden die Schiffsbesatzungen ins künstlerische Personal integriert. Die Heizer müssen ordentlich feuern, damit konstant genug Druck auf dem Kessel ist. Die Kapitäne bedienen schließlich die Dampfpfeifen mit dem üblichen Pedal. Nur bekommen sie diesmal von einem der fünf auf den Schiffen eingesetzten Subdirigenten, die jeweils die Partitur verfolgen und die Anweisungen des Hauptdirigenten Premil Petrović im Blick haben, genau vorgegeben, wie sie zu treten haben.Rindt versichert, dass kein einziges Besatzungsmitglied von diesem Sonderjob genervt sei. „Im Gegenteil, alle sind Feuer und Flamme. Schließlich ist das ja auch eine weltweit einmalige Aktion.“

Lukas Häusler, Heizer auf der "Diesbar", sorgt beim Konzert für den nötigen Dampf.
Lukas Häusler, Heizer auf der "Diesbar", sorgt beim Konzert für den nötigen Dampf. © Steffen Füssel

Problematischer war es für Rindt, sein eigentliches Orchester an die passende Position schwimmen zu lassen. Für kleine Boote fließt die Elbe zu schnell, größere dürfen nicht einfach ankern. „Wir haben zig Behörden abgeklappert, viele Absagen, aber auch die rettende Idee eingesammelt. Jetzt bringen wir mit einer bundesweit einmaligen Genehmigung einen Schubleichter, auf dem sonst Bagger die Fahrrinne ausheben, vors Terrassenufer.“ Dieser Kahn ankert nicht, er steht vielmehr auf hydraulisch ausfahrbaren Stelzen. Und auf seinem schartigen Deck werden am 4. September 24 Musiker plus Dirigent einen sehr luftigen Arbeitsplatz haben.

Mit diesem Pedal bedient der Kapitän die Dampfpfeife.
Mit diesem Pedal bedient der Kapitän die Dampfpfeife. © Steffen Füssel

Rindt sagt, dass er durch das „Himmel über Prohlis“-Projekt zu seiner „Elbkarawane“ inspiriert wurde. „Aber auch durch von Egon Olsen.“ Die Szenen, in denen dieser in „Die Olsenbande sieht rot“ von 1976 im Königlichen Theater von Kopenhagen seine Kumpane dirigiert, sich im Takt der Musik mit Bohrern, Brecheisen und Sprengsätzen zu einem Geldkoffer vorzuarbeiten, habe er bei seinem Konzert vor Augen. Ähnlich kurzweilig wie ein Olsenbanden-Film sei auch das Programm. Neben Gundlachs Werk wird „Being“ des US-Komponisten Michael Torke uraufgeführt. „So etwas wie Dance Music für klassisches Orchester“, schwärmt Rindt. „Sehr heiter, sehr mitreißend und mit knackigem Groove.“

Wetter als Risikofaktor

Wie bei „Himmel über Prohlis“ sei der Sound eine große Herausforderung, die eine üppige und „Prohlis“-erfahrene Techniker-Crew jedoch sicherlich meistern werde. Das Wetter bleibe hingegen auch hier die einzige nicht kalkulierbare Größe. „Bei Regen wird das Ganze möglicherweise ausfallen müssen.“ Doch wirklich daran denken will Rindt, dessen Vorfreude extrem ansteckend ist, nicht.

Das „Elbkarawanen“-Publikum sollte sich eigentlich über die gesamte Elbwiese am Neustädter Ufer verteilen. „Das ließ jedoch das Umweltamt nicht zu“, so Rindt. „Wir müssen jetzt einen großen Teil absperren, damit dort niemand hinkommt, und nutzen letztlich ein Stück Strand zwischen Wasser und Radweg.“ Auf diesem Streifen würden 1.000 Besucher auf Picknick-Decken bei perfekter Sicht auch „optimal beschallt“.

Die durch Corona-Maßnahmen aufploppenden Mehrkosten half der Dresdner Unternehmer Florian O. Zweig auszugleichen; Bund, Freistaat und Stadt unterstützen das Projekt, das Rindt gerne in Serie schicken würde. „Warum sollte man daraus nicht eine Tradition machen, die jedes Jahr variiert wird? Mal mit einer Band, mal mit einem Chor.“ Ein Anfang wird nächsten Sonnabend schon mal gemacht.

Die „Elbkarawane“ beginnt am 4.9. um 12 Uhr, wenn Ensembles mit kleinen Booten von Dresden-Pillnitz in Richtung Zentrum starten und unterwegs auf Anlegestellen und Uferwiesen Gratis-Konzerte geben. Das eigentliche Konzert beginnt 18.30 Uhr. Karten für das Veranstaltungsgelände am Königsufer gibt es derzeit noch zum Frühbucherpreis im Internet.

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