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Dancefloor in der Robotron-Kantine

Künstler aus 34 Ländern plädieren mit ihren Arbeiten für ein globales Umdenken. „Atemwende“ ist der poetische Titel der 13. Ostrale Biennale in Dresden.

Am 1. Juli öffnet die 13. Ostrale Biennale in der Dresdner Robotron-Kantine.
Am 1. Juli öffnet die 13. Ostrale Biennale in der Dresdner Robotron-Kantine. © kairospress

Eginhartz Kanter stellt die entscheidende Frage. Auf seiner großformatigen Fotoarbeit auf dem Boden des Speisesaals der Dresdner Robotron-Kantine ist zu lesen: „Was wäre wohl aus dir geworden?“ Das Foto zeigt einen leer gezogenen Plattenbau. Was wäre wohl aus der Robotron-Kantine geworden, wenn es die Ostrale Biennale nicht gäbe? Die 13. internationale Ausstellung zeitgenössischer Kunst, ein durch Dresden mäanderndes Gewächs, das gern Wurzeln schlagen würde, hat in diesem Bau der ostdeutschen Architekturmoderne ein Domizil gefunden und gibt dem Haus eine Perspektive. Zumindest für diesen Sommer. Von Abriss ist auch nicht mehr die Rede. Das wäre auch zu schade.

Wird die Robotron-Kantine auf Dauer ein Ort für die Kunst?
Wird die Robotron-Kantine auf Dauer ein Ort für die Kunst? © kairospress

Auch wenn dieser Bau, aus dem freiwillige Helfer im Frühjahr Tonnen Taubendreck schaufelten, nicht für die Kunst gemacht ist, nimmt er sie kongenial auf. Auf 3.500 Quadratmetern im Erdgeschoss und im Keller werden ab Freitag mehr als 500 Kunstwerke präsentiert. 138 Künstler sind trotz Pandemie selbst angereist oder haben ihre Arbeiten nach Dresden geschickt. Sie kommen aus 34 Ländern, aber überwiegend aus Osteuropa. Das überrascht nicht, wenn man weiß, dass dem Kuratorenteam ein Ungar, zwei Kroatinnen und eine Litauerin angehören.

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Blick in den ehemaligen Speisesaal. Am Boden die großformatige Fotoarbeit von Eginhartz Kanter "Was wäre wohl aus dir geworden?"
Blick in den ehemaligen Speisesaal. Am Boden die großformatige Fotoarbeit von Eginhartz Kanter "Was wäre wohl aus dir geworden?" © kairospress

Viele Künstler nahmen die Herausforderung an und greifen die Geschichte der architektonischen Ostmoderne auf. Die Robotron-Kantine zeigt außen und innen, dass sie kein neutraler Raum ist. So hat Fatima Rodrigo aus Peru im Speisesaal einen „Dancefloor“ aus farbig glitzerndem Sand ausgelegt. Das wird bei manchen, die nach der Wende hier Party machten, nette Erinnerungen heraufbeschwören. Die Künstlerin zeigt damit auch, wie der Westen die Kunst der Andenvölker aufnimmt und verfälscht.

„Atemwende“, so lautet das Thema dieses Ostrale-Jahrgangs. Das Team um Andrea Hilger will mit der Auswahl „am Tor einer neuen, postpandemischen Ära, erschöpft, aber hoffnungsvoll, neugierig und bereit für eine Wende erforschen, wie wir mit unseren Mitmenschen, Tieren und unserer komplexen Umwelt zusammenleben“. Es geht in vielen Arbeiten, die meisten sind Videos, um das Leben mit und ohne und am Wasser. Alles fließt, aber es plätschert nicht nur dahin.

Am Leid der Insekten arbeitet sich der Tscheche Jan Sebesta druckgrafisch ab. Seine zwölf Insekten haben seltsame Namen und sehen noch seltsamer aus: Kabel, Auspuffrohre, Messgeräte werden zu Beinen, Flügeln, Körpern, Augen: „Exterminati mechanica“. Eintausend toten Ameisen setzt der Italiener Mauro Cuppone ein Denkmal in Form von winzigen Särgen aus Gold.

Sind das noch Insekten oder schon Maschinen? Druckgrafiken von Jan Sebesta mit dem Titel "Exterminati mechanica".
Sind das noch Insekten oder schon Maschinen? Druckgrafiken von Jan Sebesta mit dem Titel "Exterminati mechanica". © kairospress

Der Ungar István Csákány hat sich ein Leben aus Holz zurechtgebaut, wie es ihm gefällt. Sessel, Yucca-Palme, der gedeckte Tisch ... Ein Raum im Raum, in dem sich auf einer Leinwand ein merkwürdiger Turm dreht. Ein Denkmal? Science fiction? Absurdistan ist ganz nah. In einem Nebenraum sieht man einen Mann, der Bleistifte spitzt, bis der Abfall ihn bedeckt.

Der ungarische Künstler Istvan Csakany baut sich aus Holz eine Welt, wie sie ihm gefällt und nennt den Raum im Raum "Desert",. also Wüste.
Der ungarische Künstler Istvan Csakany baut sich aus Holz eine Welt, wie sie ihm gefällt und nennt den Raum im Raum "Desert",. also Wüste. © kairospress

Wie viele Stifte mag Predrag Pavić für dieses Video zu Kleinholz verarbeitet haben? Das fragt man sich angesichts der Sinnlosigkeit seines Tuns. Gegenüber läuft Eginhartz Kanters Video „Taking away“: Weißes Papier im A4-Format bedeckt zwei Mauern. Immer, wenn ein Zug vorbeifährt, rauscht es gewaltig im Blätterwald und ein paar Papiere segeln davon. Neža Knez schaufelt drei Tage lang ein Erdloch – auf und zu. Wozu? Für nichts. „For Nothing“ ist der Titel des Videos. Wenn Passanten ihn fragten, was das sei, antwortete er, was es ist: „Ein Loch.“ Später fragte er einige der Leute, die ihn beobachtet hatten, was sie darüber denken, und so wurde aus dem Nichts eine soziale Skulptur. Menschen, die sich nicht kannten, redeten miteinander. Das macht Mut.

Fatima Rodrigo hat im ehemaligen Speisesaal einen "Dancefloor "aus bunten Glitzersand gelegt.
Fatima Rodrigo hat im ehemaligen Speisesaal einen "Dancefloor "aus bunten Glitzersand gelegt. © kairospress

Eher still dürfte es bei Gaby Burckhardt zugegangen sein. Sie stickte im vorigen Jahr jeden Tag einen QR-Code: „I am still alive. On Kawara“. Damit bezieht sie sich auf den japanischen Konzeptkünstler On Kawara (1932 – 2014), der sich mit Zeit auseinandersetzte. Wenn sie an einem Tag den QR-Code nicht zu Ende brachte, begann sie am nächsten Tag trotzdem einen neuen. Nicht jeder Tag ist wie der andere, auch wenn es uns im Lockdown so vorkam.

Gute Zeiten und schlechte Zeiten hat auch die Kantine erlebt, in der einst Angestellte des VEB Robotron speisten und in der nach der Wende Kultur stattfand, in der geprobt und gefeiert wurde. Mit der Ostrale könnte sie eine gute Zukunft haben.

  • 13. Ostrale Biennale vom 1. Juli bis 3. Oktober 2021 in der Robotron-Kantine, Zinzendorfstraße 5, Dresden Mi – Fr 10 –18 Uhr und 18 – 19 Uhr Feierabendticket, Sa/So 11 – 19 Uhr und 19 – 20 Uhr Kurzticket, regulärer Eintrittspreis: 15/10 Euro
Die österreichische Duo "Studio Asynchrome" thematisiert in dieser Installation die Verbreitung, den Einfluss und die Macht von (Fake)-News.
Die österreichische Duo "Studio Asynchrome" thematisiert in dieser Installation die Verbreitung, den Einfluss und die Macht von (Fake)-News. © kairospress

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