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Jazztage: So war der Ganser-Auftritt

Seine Einladung hatte für Diskussionen gesorgt. Am Sonntag war Daniele Ganser zu Gast im Ostra-Dome - auch für ein Streitgespräch.

Daniele Ganser hielt am Sonntag im Ostra-Dome Vorträge - zwischendurch gab es eine Diskussionsrunde, unter anderem mit dem Politikwissenschaftler Werner Patzelt.
Daniele Ganser hielt am Sonntag im Ostra-Dome Vorträge - zwischendurch gab es eine Diskussionsrunde, unter anderem mit dem Politikwissenschaftler Werner Patzelt. © Juppe; Wittchen

Von Michael Ernst

Ist es noch Manipulation, wenn ein Manipulator seine Manipulationstechnik erläutert? Wenn mittels Wiederholung und nochmaliger Wiederholung Stichworte, Vermutungen und Zusammenhänge vorgetragen werden, um dem Publikum eine Kernbotschaft einzuprägen, die als neu und originell dargestellt wird?

Der Schweizer Historiker Daniele Ganser hat im Buch „Imperium USA - Die skrupellose Weltmacht“ seine These über die Ermordung John F. Kennedys dargestellt und dies ausführlich in zwei Vorträgen zu den Dresdner Jazztagen erläutert. Ein brillanter Rhetoriker, der zumeist smart, stets mit viel Charme und sympathieheischenden Witzeleien auf seine Hörerschaft einwirkt. Raffiniert eingestreute Sätze wie „Glaube nicht alles, was du denkst“ sorgen für ein Vertrauensverhältnis, das man ihm unbedingt abnehmen soll.

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"Ich sage nie etwas neues"

Er wolle nicht belehren und schon gar nicht bevormunden, sagt Ganser. Erklärt dann aber noch- und nochmal, wie der Trick mit dem Wiederholen funktioniert. „Habe ich schon gesagt, dass …?“ Da hat er die Lacher selbst beim x-ten Mal auf seiner Seite, auch wenn die Inhalte seines redundanten Referierens alles andere als neu sind.

Gansers These, die CIA habe Kennedy ermorden lassen, ist so alt wie die Klage über den Tod dieses den Kalten Krieg beenden wollenden Präsidenten. Und dass der US-amerikanische Geheimdienst mit seinen schmutzigen Händen sowie zwielichtigen Helfershelfern in zahlreiche Morde und Kriege verstrickt war und ist, stellt eine traurige, aber ebenfalls altbekannte Binsenwahrheit dar.

Kaum Abstand, kaum Masken

Nach seinem mehr als zweistündigen Vortrag wirkte der Wirbel inklusive Proteste und Boykott-Aufrufe, der vorab um seine Einladung durch die Dresdner Jazztage gemacht worden ist, beinahe unverständlich. Das größere Unbehagen verursachte am Sonntag denn auch nicht dieser Gast, sondern die permanente Missachtung von Abstand und Anstand.

Hunderte Menschen im Ostra-Dome, überwiegend ohne Mund- und Nasenschutz, und das sowohl auf dem eng an eng platzierten Gestühl als auch beim unbesorgten Gang durch die Menge. Auch eine ernst gemeinte Ansage des Jazztage-Organisators Kilian Forster änderte nichts daran. Angesichts der momentanen Entwicklung der Corona-Pandemie ein unverantwortliches Verhalten.

Dieser Leichtsinn schien mitunter weniger Gedankenlosigkeit denn Bekenntnis zu sein. Denn im eilends anberaumten Gespräch, dass den Ganser-Vorträgen vom Vor- und Nachmittag folgte, kam die Rede zwangsläufig auf das Virus und den Umgang damit.

Krude wie kritisch

Man wolle miteinander und nicht nur übereinander reden, betonte Forster, der sich auf der Bühne gemeinsam mit Ganser und der Sängerin Julia Neigel, der Moderatorin Julia Szarvasy und dem Politikwissenschaftler Werner Patzelt den Fragen des Publikums stellte.

Vor allem aber wollte er sich selbst kritisch positionieren, um der Kritik an Ganser nachzuspüren. Im Gespräch mit ihm sollten aber Brücken gebaut werden, um miteinander und nicht gegeneinander zu reden. Ein ehrenwerter und durchaus glaubwürdiger Ansatz, mit dem nicht zuletzt die Jazzmusiker vergangener Generationen geehrt werden sollten.

Ebenso krude wie kritisch entwickelte sich allerdings die mehr als drei Stunden währende Debatte, die Fragen der Aufklärung ebenso nachging wie klischeehafter Medienschelte. Massenmedien würden zur Polarisierung und Spaltung der Gesellschaft beitragen, hieß es da.

Konsens herrschte darüber, dass Friedensbewegung eine Grundhaltung sei. Anschwellende Buhrufe und abrupter Applaus bekräftigten die manipulative Wirkung der Worte, die zunehmend (und wiederholt) als Stich-Worte benutzt wurden. Und wer würde überhaupt anderes beteuern, als dass er den Frieden wolle?

Das beständig im Raum stehende Wort vom „Verschwörungstheoretiker“ verstand Werner Patzelt analytisch und berief sich auf seinen vor knapp 500 Jahren verstorbenen „Freund Macchiavelli“. Angesichts des momentanen Informationsspektrums von öffentlich-rechtlichen, privaten und sogenannten Alternativ-Medien plädiere er auf gründliche Quellenprüfung, sehe eine „neue Welle der Aufklärung“ aber als zu hoch gegriffen an.

Historische Vergleiche wirken

Historische Vergleiche - mal mit dem Stasi-Staat, mal mit Orwells „1984“ und mal mit dem namentlich nicht mal angesprochenen „Dritten Reich“ - zielten treffsicher auf reflexhafte Akklamation. Ein Gast aus Kamenz brachte sein Plädoyer für ein Ausredenlassen und Zuhören so auf den Punkt: „Wenn Abneigung auf Abneigung trifft, entsteht Abneigung.“ Analog zur These: Meines Feindes Feind ist mein Freund.

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