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„Das hat einen Höllenspaß gemacht“

Andreas Steinhöfel stellte in Dresden den fünften Band um Rico und Oskar vor, und Hedwig Kurzmaler ist auch dabei.

Rico und der kleinere Oskar streiten bis zum hasserfüllten Augenfunkeln.
Rico und der kleinere Oskar streiten bis zum hasserfüllten Augenfunkeln. © Peter Schössow/Carlsen

Rico und Oskar gehören zur Grundausstattung von Kinderzimmern wie früher Max und Moritz oder der kleine Muck. Die beiden sind Freund-Freunde, wie es im neuen Buch von Andreas Steinhöfel heißt, und das ist viel mehr als Kumpel-Freunde. Es ist was Besonderes, hat mit Gleichgestimmtheit und Vertrauen zu tun, und das setzt man nicht einfach aufs Spiel. Aber genau das passiert im fünften Band „Rico, Oskar und das Mistverständnis“. Die Jungs verkrachen sich. Das rumst richtig. Der Autor bedauert bei der Dresdner Buchpremiere in der Zentralbibliothek am Wochenende, dass er die Szene nicht vorlesen kann. Es kommen zu viele Schimpfwörter vor, sagt er, und da laufen die Eltern womöglich raus.

Die Elbestadt ist für den 58-Jährigen vertrautes Terrain. Im ausverkauften Schauspielhaus hielt er eine mitreißende Dresdner Rede über den Mythos des Lesens. Der Darsteller des Rico in den Verfilmungen stammt aus Dresden. Und am Theater Junge Generation wurden einige Texte des Autors uraufgeführt. Er erzählt, wie ihn die Intendantin beim Abendessen nach einer Fortsetzung der Romanreihe fragte und er abwehrte: Dazu würde ihm nichts einfallen, außer dass vielleicht der Spielplatz der Freunde bedroht ist, und dann müssten sie darum kämpfen. „Das war die Grundidee, daran habe ich dann zwei Jahre herumgebastelt.“

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Auf dem Hinterhof-Spielplatz trifft sich eine bunte Truppe von Zugezogenen und Einheimischen, Kleinkriminellen und Großbürgernachwuchs. Sarah malt bunte Blumen auf den Asphalt und nennt Rico ihren Hundertfarbenhelden. Sein Herz macht in ihrer Gegenwart, was es will. Feinsamtig wird diese erste Verliebtheit beschrieben. Oskar aber fühlt sich ausgeschlossen, er fürchtet, den Freund zu verlieren. Mit einer Lüge wirbt er um dessen Aufmerksamkeit und wird durchschaut. Auf beiden Seiten hat sich einiges an Missmut angestaut. Nun herrscht „Stunkfülle“, wie Rico sagt. Funkstille.

Dabei wäre ihre Gemeinsamkeit gerade jetzt zur Rettung des Spielplatzes nötig. Eine ältere Dame will das Grundstück in Berlin-Kreuzberg ihrem Großneffen verkaufen. Dazu muss ihr erbberechtigter Bruder Erich für tot erklärt werden, der vor Jahrzehnten verschwand. Die Suche nach dem Bruder und die Enttarnung des Großneffen als Hochstapler, das ist Krimistoff vom Feinsten. Steinhöfel verwickelt in den Fall ein Dutzend Figuren und gibt damit weitere Rätsel auf. 

Im Berlin des Jahres 1907

Denn er lässt nicht nur einen Jungen namens Anders aus seinem eigenen Roman auftreten oder Klein-Erich samt Kästners aus Dresden, sondern zitiert Autoren und Helden bekannter Kinderbücher. Ein Kinderpsychologe im Ruhestand hat das wilde Wuschelhaar vom Struwwelpeter und den Vornamen von dessen Verfasser Heinrich Hoffmann. Er habe Kindern wie Rico in den Kopf geguckt, sagt der Psychologe, und mehr Unglück als Glück gefunden. „Unglück ist hartnäckig, Glück leider flüchtig.“

Auch bekannte Figuren sind dabei wie Frau Dahling, die ältere Nachbarin. Von ihr bekommt Rico Herzenswärme und die weltbesten Schnittchen. Jetzt fährt er mit ihr nach Hessen, wo sie ihren Verlobten in einer Kurklinik der Untreue überführen will. In Hessen führt eine Spur zum verschwundenen Erich. Als wäre das nicht verzwickt genug, zieht Steinhöfel einen doppelten Boden ein. In neun Kapiteln versetzt er Oskar in das Berlin des Jahres 1907, zusammen mit einer Hackerin, die als Telefonfräulein Gespräche belauscht. Sie forschen dem Großneffen nach, der das Spielplatz-Grundstück teuer verkaufen will. Der Ton dieser Szenen klingt so hochtrabend wie Frau Dahlings Liebesschmöker, die Rico begeistert liest. Die Verfasserin nennt er Kurzmaler.

Andreas Steinhöfel.
Andreas Steinhöfel. © kairospress (Archiv)

„Das hat einen Höllenspaß gemacht“, sagt Andreas Steinhöfel. Er erzählt, dass er selber als Kind einige Bücher von Hedwig Courths-Mahler aus der Stadtbibliothek las. „Im Unterschied zum schlechten Kitsch von Dan Brown ist das guter Kitsch, und mancher Abiturient hätte heute an den Sätzen zu kauen.“ Am liebsten, sagt er, hätte er die Oskar-Kapitel aus Originalzitaten montiert. Das Urheberrecht war dagegen. Wenigstens einen Satz hat er geklaut: „Die kantigen Züge des Jungen erschienen hart wie die eines gereiften Mannes.“ Wie Steinhöfel am Ende die Zeitebenen verbindet, ist ein sehr gereiftes Knüpfkunststück. So viel psychologischen Tiefgang, so viel Sprachwitz und erzählerische Raffinesse findet man selten.

Es dauert einige nieselige Herbstferientage und fast 300 Seiten lang, bis Rico und Oskar aus der selbst gebauten Streit-Falle herausfinden. Versöhnung muss sein. Steinhöfel weiß, dass Jungleser ein Happy End wollen. Altleser wollen das auch. Sie geben es bloß nicht zu. Aber wie versöhnt man sich, wer geht den ersten Schritt? Steinhöfel leistet Lebenshilfe in schwieriger Lage. Unter der schnoddrig-heiteren Oberfläche steckt manche Weisheit. 

Lustig verpackte Ratschläge

„Freundschaften muss man pflegen, sie leben davon, dass man Leben miteinander teilt.“ Oder: „Manche Worte bleiben besser ungesagt. Weil sie mehr Schaden anrichten als Nutzen bringen.“ Oder: „Wer einem egal ist, mit dem muss man nicht streiten.“ Das verstehen auch Kinder schon. Die Ratschläge verpackt er mit Spannung und Humor. Das macht seine Bücher so erfolgreich. Vor allem zeigt Steinhöfel, wie das Leben läuft, wenn man es laufen lässt: krumm und bucklig. Dann ist es gut, wenn man einen wie den tiefbegabten Rico zum Freund hat. Der struwwelpetrige Psychologe beschreibt ihn als angstfrei, optimistisch und offen für die Welt.

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