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Das laute Schweigen der Stadtschreiberin

Kathrin Schmidts Einlassungen zu Corona sorgen bei ihrer Antrittslesung für eine deutliche Reaktion der Stadt Dresden. Sie antwortet mit lakonischen Versen.

Kathrin Schmidt bei ihrer Antrittslesung als Stadtschreiberin in Dresden. Foto: Ronald Bonß
Kathrin Schmidt bei ihrer Antrittslesung als Stadtschreiberin in Dresden. Foto: Ronald Bonß © Ronald Bonß

Dresden. Dresdens neue Stadtschreiberin hatte sich mit sprachgewandten Gedichten beworben. Und machte dann, kurz bevor sie in Dresden einzog, als Kritikerin der Corona-Politik Schlagzeilen. Vor allem ein Aufsatz von Kathrin Schmidt in dem einschlägigen Portal Rubikon war es, der einigen die Sprache verschlug, andere, die sonst mit Poetinnen womöglich weniger zu tun haben, erst recht laut werden ließ.

Von einem Shitstorm, der auf Jury und Stadt einprasselte, sprach Dresdens Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (die Linke). Und davon, dass sie sich fragte, ob sie selbst zur traditionellen Antrittsvorlesung der Dichterin kommen sollte - samt Begrüßungsrede für die 63 -jährige gebürtige Thüringerin, die bislang unter anderem acht Gedichtbände und fünf Romane vorgelegt hat. Mit einem, "Du stirbst nicht", gewann sie den Deutschen Buchpreis und wurde einem größeren Publikum bekannt.

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Bürgermeisterin: "Ungeheuerlicher" Text

Würde Corona die Lesung bestimmen? Schmidts These von den Menschenversuchen, die Regierung und Pharmalobby vor allem an zu impfenden Kindern vornehmen? Unerträglich laut sei das Schweigen im Wald dazu, schreibt Schmidt bei Rubikon. Oder würde das Thema galant umsegelt auf den tiefen Wassern der Poesie?

Noch bevor die prämierte Dichterin ein Wort sagte, war die Antwort scheinbar gegeben. Annekatrin Klepsch hielt sich nicht lange mit ihren durchaus wohlmeinenden Worten der Würdigung auf. Ihre Begrüßung wurde zur öffentlichen Stellungnahme und Rüge, für die es im Kulturleben der Stadt wenige Beispiele geben dürfte. Mit dem Verweis auf die Freiheit der Kunst und die Notwendigkeit des offenen Diskurses gerade in der Krise verband sie den Wunsch, Schmidt möge mit ihrer "besonderen Sensibilität das halbe Jahr in Dresden gut zu nutzen" wissen.

Was sie darunter nicht versteht, machte sie anschließend klar: Schmidts Text im Rubikon sei "schwer auszuhalten", "ungeheuerlich" ihre Aussagen von der Impfung als Menschenversuch, die Schmidt zwar explizit nicht mit NS-Verbrechen gleichsetzte, aber in einen Zusammenhang stellt. Klepsch erwähnte die mehr als 1.000 Corona-Toten allein in Dresden, die 3.600 Mitarbeiter in städtischen Kliniken, die während der Pandemie in einem nie dagewesenen Einsatz waren. Und spricht von Respekt ihnen gegenüber, die ihren Kommentar erforderten. Kathrin Schmidt blickt kaum zu ihr, verharrt regungslos.

Nur weg vom unteren Durchschnitt

Bis die eigentliche Lesung beginnt. Zu der langen Vorrede sagt Schmidt - nichts. Sie liest umgehend zwei Erzählungen. Man habe sich geeinigt, dass nur über Literatur gesprochen werde, erklärt SZ-Journalistin Karin Großmann als Moderatorin des Abends. Und so kommt es. Die Prosa ist kunstvoll-lakonisch und berührt das eher glücklose Leben kleiner Menschen. Eine Protagonistin sehnt sich nach Jugendlichkeit und mehr als Durchschnitt, unterer Durchschnitt.

Ob sie mit ihren Figuren Mitleid habe, wird Kathrin Schmidt gefragt: "Eher im Gegenteil." Die Männer in der Erzählung "Tiefer Schafsee" verlieren ihre Gemeinschaft durch eine Biogasanlage, die manchen nimmt, einigen gibt. Es sind feine Beobachtungen, Ideen, die Kathrin Schmidt bei Aufenthalten, hier an der Küste, kamen. Man darf gespannt sein, ob Dresden, ob Sachsen solche Geschichten stiftet. In Aussicht gestellt hat die Autorin das bei ihrer Antrittslesung noch nicht.

Es folgen Gedichte. "äpfel in aufgegebenen gärten." Wieder sind es Verluste, ob der des Vaters im Gelben Elend Bautzen oder der europäischen Idee, die Schmidts Texte bestimmen. Im Vorletzten Gedicht taucht ein Fahrradbote auf. Man kann hier, wenn man unbedingt will, einen aktuellen Bezug sehen - den ihre vorgetragenen Texte sonst ganz aussparten.

Politisch? Poetisch? Die Zeit wird es zeigen

Die Zeit in ihrer Pieschener Stadtschreiberwohnung will Kathrin Schmidt der Arbeit an einem "verrückten Buch", wie sie sagt, widmen. Es geht um die Rekonstruktion einer Familiengeschichte aus einem zufällig gefundenen Weltkriegs-Tagebuch. Dresden spiele als Durchgangsstation einer Flucht eine große Rolle sagt Schmidt, die beim Erzählen über ihre Recherche dann doch einmal das Wort Corona benutzt. Bibliotheken und Archive seien zu gewesen, sie habe im Internet alles gesucht. "So viel gefunden. Das war krass."

Fragen gibt es von den etwa 50 geladenen Gästen am Freitagabend zunächst keine. Alle anderen konnten per kostenlosem Livestream zusehen. Und dürften sich fragen: Ob Kathrin Schmidt ihre Rolle als Stadtschreiberin auch für politische Texte nutzen wird? Ob die Kulturbürgermeisterin ihr weiteres Schreiben und Einlassen noch einmal als „ungeheuerlich“ bezeichnet? Oder widmet sie sich ganz ihrem Kerngeschäft - der empathischen, ästhetischen Literatur?

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Es könnte verfrüht sein, die Lesung der Dichterin als Indiz zu werten. Dafür war, nach den sehr konkreten Vorwürfen vonseiten der Stadt, das Schweigen im Wald von Kathrin Schmidt zu laut.

Reden und Antrittslesung gibt es hier in voller Länge zum Nachsehen:

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