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Das Smartphone als Kunstobjekt

In den Fotografien von Tilman Hornig konkurriert das Handy mit der Lichtstimmung. Zu sehen sind sie nun in Dresden.

Das Smartphone ist allgegenwärtig.
Das Smartphone ist allgegenwärtig. © Tilman Hornig

Von Uwe Salzbrenner

Die immer gleiche Person in Jeans und Steppjacke, die in einem abgedunkelten Flugzeug sitzt, hält in der rechten Hand ein Smartphone. Genauer gesagt, eine Glasscheibe in Form und Größe eines solchen Geräts. Das Gesicht sieht man nicht. Hinter dem Glascomputer zeigt das Flugzeugfenster Himmel, manchmal ein Stück Landschaft. Vierundzwanzig Sichten durch die ovale Luke stellt Tilman Hornig in der Serie „Glassphone (Stille Nacht)“ vor: den Horizont über einem Stück Tragfläche, mehrfach die Trikoloren von Sonnenuntergangsfarben, orange glühende Wolken, grelles Sonnengelb, kaltgrün glitzernde Nacht mit Sternen. Jede der Fotografien bietet eine besondere Lichtstimmung, die nach innen in die Kabine strahlt, auf Hand, Hose und Jacke.

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Hornig fiel nach dem Studium an der Hochschule für Bildende Künste Dresden auf, weil er bei den von ihm hergestellten Objekten ruckzuck auf den Punkt kommt: verdorrte Rosen in Beton, Blechbüchsen mit Markenzeichen, geschwungenes und gefaltetes Metall – simplen Dingen seines Alltags jagt er den Effekt von Form oder Farbe hoch. Ein Aufenthaltsstipendium der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen 2009 in New York hat Hornig Anregungen gegeben, und genauso viel Bestätigung. Das Tempo, das Lebensgefühl der US-amerikanischen Großstadt ist das seine. Seit 2013 ist der Umgang mit digital vermittelten Bildwelten für ihn Thema, vor allem die Geräte, die er und wir dafür benutzen.

Ein wenig gespenstisch

Vom Material und der Gestaltung her ist dies forcierter Minimalismus: Hornig braucht für das Telefon nur eine entsprechend geformte Glasscheibe, für das Notebook zwei zusammengefügte Glasplatten. Letztere stehen in Installationen wie in einem Großraumbüro aufgeklappt als Offenbarung des Immergleichen. In den Fotografien hält der Benutzer die Glassphonescheibe ins Zentrum des Bildes wie ein Kunstobjekt. In der hartnäckigen Wiederholung der Geste führt Hornig das Gerät als allgegenwärtig vor. Es gehört längst zur Hand, zu unserem Schauen und Kommunizieren.

Gleichwohl ist die Fotoserie „Glassphone (Stille Nacht)“ des 41-jährigen Dresdners ein wenig gespenstisch. Die Körperhaltung des Unbekannten ist an jedem Ort exakt dieselbe. Die schimmernden Kanten der Scheibe passen nicht immer zum Licht des Fensters, die Tragfläche draußen ist nur in Bild Nummer Drei zu sehen. Hornig hat Flugzeug und Person fotografiert, die Landschaften draußen aus dem Internet geborgt, beides durch ein Computerprogramm einander angepasst. Man sieht so zum einen, dass sich der Passagier nicht um die Stimmung kümmert; sie kann mit dem Computer nicht konkurrieren. Zum anderen wird in diesen Bildern offenkundig, wie digitale Technik Unterscheidungen zwischen „echt“ und „konstruiert“ verhindert: Am Ende sieht alles scharf und künstlich aus, wie bei Tilman Hornig eigentlich immer.

Bis 30.Januar 2021 in der Galerie Gebr. Lehmann, Dresden, Neustädter Markt 11/12; Mi – Fr 13 – 18 Uhr.

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