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Lebens-Werk: Die Texte von Feuilletonist Heinz Knobloch

Teil 2 der neuen SZ-Serie über die wichtigsten Kulturerlebnisse der SZ-Redakteure.

Von Karin Großmann
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Heinz Knobloch (1926-2003), deutscher Schriftsteller.
Heinz Knobloch (1926-2003), deutscher Schriftsteller. © laif

Für die endlos langen Feriensommer der Kindheit gab es die Großmutter im Erzgebirge. Das war ein doppelter Glücksfall. Zum einen brachte sie Buttermilchgetzen, aus heutiger Sicht ein Ernährungsdesaster mit ausgelassenem Speck. Zum anderen besaß sie ein Abonnement der Wochenpost. Die älteren Ausgaben lagen im Fach unter dem runden Couchtisch. Die beste Seite war die 22. Einer der Texte dort unterschied sich von allen anderen. Er klang heiter und hintersinnig und erzählte scheinbar Nebensächliches aus dem Alltag. Die Rubrik hieß „Mit beiden Augen“. Interessiert man sich als Kind für Autorennamen? Eher nicht.

Hat Heinz Knobloch inspiriert: die Brühlsche Terrasse in Dresden
Hat Heinz Knobloch inspiriert: die Brühlsche Terrasse in Dresden © Andreas Weihs

Heinz Knobloch wurde erst Jahre später zu einem meiner Hausheiligen. So formulieren zu können, das wär´s! Bei ihm war zu lernen, wie man anspielungsreich und geradeaus schreibt. Wie man auch einem ernsten Stoff mit leichter Hand beikommt. Wie man die Plätze zwischen den Zeilen nutzt. Seine Artikel waren in der DDR ein Zeichen, wie weit einer gehen konnte in der Zeitung, ohne daraus zu verschwinden. Manchen Text verfasste er nur, um einen Nebensatz loszuwerden.

Knobloch hat das Feuilleton neu belebt. Das Wort meint nicht die klugschnackende Kulturseite. Es ist ein Zwitter: Beim Feuilleton verbindet sich das Schreiben des Dichters über sich mit dem Schreiben des Journalisten über eine Sache. Der subjektive Blick ist unerlässlich. Und noch eines konnte Knobloch auf erstaunliche Weise verbinden: Er war ein leidenschaftlicher Spaziergänger und zugleich ein neugieriger Rechercheur. Eine verwitterte Inschrift genügte, schon begann er zu forschen in Archiven und Kirchenbüchern. Er brachte Unerhörtes ans Licht und das Tagesgeschehen mit der Geschichte zusammen. Sein Motto: „Ich schreibe was, was du nicht siehst, damit du es siehst.“ Solche Sätze klebt man sich als angehende Journalistin mit Sendungsbewusstsein an die Schreibmaschine Marke Olymp.

Autor der legendären Wochenpost

Und was für ein Fleiß! Zwischen 1968 und 1988 schrieb Knobloch für die Zeitund Wochenpost tausend Feuilletons. Eine Leserin aus Bautzen nannte sie „das Lächeln der Zeitung“. Denn auch in der Kritik blieb der Autor freundlich. Der herablassende zynische Ton, der im Journalismus seit Langem zunimmt, dieser Ton war ihm fremd. Knobloch war ein Menschenfreund. Er war kein Mittelpunktmensch. Vielleicht auch eine Sache der Mentalität. Wer weiß, welches gemütliche sächsische Erbteil er in sich trug?

Heinz Knobloch war gebürtiger Dresdner. Als Zugereiste musste ich mich von seiner selbstironischen Wanderbeschreibung „Verführung zu einer Pappel“ belehren lassen, dass es nicht Papisnauer Pappel heißt, wie ich in vorauseilender Korrektur des Sächsischen annahm. Und selten laufe ich über die Treppen der Brühlschen Terrasse, ohne an Knobloch zu denken: Bei dieser Stufenbreite, schrieb er, könne man nur gravitätisch schreiten. So ist es. In seinen Texten steht, wie er als Kind am Blauen Wunder Steine über die Elbe hüpfen ließ, durch den Waldpark spazierte und mit einem Fräulein aus Pfunds Molkerei ein „milchbärtiges Geheimnis“ teilte. Er war knapp zehn, als die Familie 1935 nach Berlin zog.

Die Unberühmten und die Unauffälligen interessierten ihn

Dort im Nicolaiviertel trafen wir uns in den Neunzigerjahren in einem Restaurant zum Interview. Und ja, auch als Erwachsene darf man aufgeregt sein. Wir haben es gebührend gewürdigt, als der Kellner neben der Weinflasche auf einem Tellerchen den Korken servierte. Nimmt man den mit?

Heinz Knobloch erzählte von Erlebnissen als Soldat der Wehrmacht, als Deserteur, als Kriegsgefangener in den USA und Schottland. Das sollte ein neues Buch werden. Im Sommer 2003 ist er mit 77 Jahren gestorben. Immer mal wieder gehe ich zum Familiengrab auf dem Johannisfriedhof in Dresden. Auf dem schwarzen Stein steht sein Name in weißer Schrift als letzter. Oben stehen die Eltern Gerhardt und Fridl und die Großeltern Heinrich und Elsa. Vor allem die Großmutter brachte es zu literarischen Ehren. Knobloch beschrieb die Löchlein in ihren weißen Zwirnshandschuhen und die Hefekloßorgien mit brauner Butter, Zucker und Zimt. Manches Rezept im Feuilleton über die Dresdner Eierschecke dürfte von Elsa stammen. Als ihren Wohnort nennt das Adressbuch 1944 die Tolkewitzer Straße 4. Nach dem Krieg war dort Wiese. „Misstraut den Grünanlagen!“ heißt der erste Satz im Buch über den Philosophen Moses Mendelssohn. Wer meint, das Judentum habe in der DDR keine Rolle gespielt, sollte Knobloch lesen.

Auch andere couragierte Menschen hat er in großartigen Büchern vor dem Vergessen gerettet, zum Beispiel Rosa Luxemburgs Sekretärin Mathilde Jacob und den Polizeibeamten Wilhelm Krützfeld, der 1938 die Neue Synagoge in Berlin gegen Nazis verteidigte. Es waren die Unberühmten und die Unauffälligen, für die sich der Publizist interessierte. Auch das konnte man von ihm lernen. Für die Sächsische Zeitung schrieb er in der Nachwendezeit etliche Rezensionen. Knoblochs Briefe endeten mit: „Bleiben Sie gesund und vergnügt ...“