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Neue Kleider für die Kruzianer

Modern, elegant und auch noch gesund – der Kreuzchor bekommt neue Anzüge. Entworfen wurden sie von einer ehemaligen Dresdnerin.

296 Anzüge waren anzupassen – für jeden Kruzianer zwei. Die restlichen 304 sind als Reserve gedacht, um flexibel auf Neuzugänge oder Reparaturen reagieren zu können.
296 Anzüge waren anzupassen – für jeden Kruzianer zwei. Die restlichen 304 sind als Reserve gedacht, um flexibel auf Neuzugänge oder Reparaturen reagieren zu können. © Robert Michael/dpa

Anprobe statt Chorprobe – der kleine Saal des Dresdner Kreuzchores ist in diesen Tagen nicht wieder zuerkennen. Der Flügel, von dem aus sonst Kreuzkantor Roderich Kreile die Knaben und jungen Männer beim Einstudieren ihrer Lieder und Weisen dirigiert, steht zugeklappt in der Ecke. Dicht behängte Kleiderständer dominieren den Raum. Fünf Schneider und Ankleider sind hier eine Woche lang beschäftigt, jedem der 148 Kruzianer einen neuen Anzug zu verpassen. Genauer gesagt: jedem zwei. 148-mal sind Hosen- und Ärmellängen zu variieren, bis es heißt: Passt! Passt! Passt!

Und diesmal passt es wirklich. Nach über 15 Jahren erhält der Kreuzchor neue Anzüge. Die insgesamt 600 Stück sind slim fit geschnitten und es gibt sie in vielen unterschiedlichen Größen, sodass jeder Kruzianer darin eine gute Figur macht. Im Gegensatz zu den alten Kleidern, die nicht nur mit Zweireiher, breitem Revers und weiten Hosen mit Aufschlag aus der Zeit gefallen waren. Der Stoff war vor allem bei bis zu 100 Einsätzen pro Jahr mit bis zu vier Stunden Tragezeit dünn geworden. Die vielen Änderungen an Ärmel und Saum waren nicht mehr zu kaschieren. Viele Anzüge ließen sich schon gar nicht mehr ändern. Und das obwohl die Jungs in ihren Wachstumsphasen schon mal bis zu drei neue Anzüge im Jahr bräuchten. „Hochwasser“-Alarm gab es beim Kreuzchor entsprechend regelmäßig.

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Entwurf von einer Ex-Dresdnerin

Und noch etwas störte die jungen Sänger sehr. Bislang trugen sie kurzärmlige Hemden. „Der Stoff der Sakkos kratzte vielfach“, sagt Jungmann Benedikt. Das ist nun Geschichte. Der 17-Jährige und alle anderen 147, von der Vorbereitungsklasse 3 bis zu den Abiturienten, haben nun langärmelige Hemden. Diese sind zu 100 Prozent aus Baumwolle und trotzdem bügelleicht. Eine Firma in der Türkei beherrscht diese Kunst, geprüft von den auf Textilien spezialisierten Hohenstein Instituten.

Markenbewusst auch in der Knabengröße 176 c.
Markenbewusst auch in der Knabengröße 176 c. © Robert Michael/dpa

Die Stadt Dresden als Träger des Chores finanziert die Neuanschaffung mit 185.000 Euro. Sie war seit Jahren geplant, zerschlug sich aber zunächst mangels guter Angebote. Bis Dresden 2019 Firmen direkt ansprach, um zunächst ein Design zu entwickeln und dann die Produktion zu starten. 

Den Zuschlag bekam die Ex-Dresdnerin Heike Michel, die in Hamburg ein renommiertes Unternehmen für Firmen- und Eventbekleidung führt. Sie, aufgewachsen in Laubegast und den Klang des Kreuzchores im Ohr, Ex-Technologin beim VEB Herrenbekleidung für die Exquisit-Läden der DDR, spricht von einer wunderbaren Gelegenheit, den Chor ausstatten zu dürfen. „Mein Herz schlägt ja bis heute zur Hälfte für Dresden.“ 

Fast ein Jahr haben Michels Team, Chormitarbeiter und die Kruzianer selbst den neuen Anzug-Schnitt und das Design entwickelt. Schließlich musste ein Muster gefunden werden, das die vielen unterschiedlichen Größen und auch Körperformen der künftigen Träger berücksichtigt. „Ich habe auch Vorschläge für mehr Farben, für Einstecktücher und Westen gemacht. Es war eine fantastische Erfahrung, wie alle mitentschieden haben“ – auch wenn diese netten Extras schließlich doch verworfen wurden.

Worauf die Knaben Wert legen

Das Ergebnis könne sich sehen lassen, sagt Dresdens Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch zu Recht: „Es wurde Wert auf Qualität gelegt und auf die Produktionsbedingungen geachtet, der Stoff wurde in Portugal gewebt, die Anzüge in Polen genäht.“ 1.500 laufende Meter Stoff wurden für die 400 Knabenanzüge in den Größen von 134 bis 176 und die 200 Herrenanzüge von der 44 bis 56 gebraucht. Alle Hosen und Sakkos haben Stoffreserven, falls ihre Träger wachsen. „Sie sind strapazierfähig, bequem, langlebig und änderungsleicht konzipiert“, sagt Heike Michel. Insgesamt 3.800 Knöpfe sind angenäht worden. Für jeden Kruzianer gibt es zwei personenbezogene Anzüge – einer für Konzerte, einer für die vielen Auftritte in der Kreuzkirche. Der Markenname „Dresdner Kreuzchor“ ist schon eingenäht, der des jeweiligen Trägers wird es derzeit.

Und so machen die jungen Künstler in ihrem modernen Outfit was her: Der hochwertige Wollstoff ist dunkelblau, Schnitt und Revers sind schlank und edel. Das Knaben- und das Herrenmodell sind erstmals gleich, worauf beispielsweise die Knaben besonders stolz sind. Sie haben nun auch Revers, was sie erwachsener aussehen lässt. Freilich, der traditionelle (offene) Schillerkragen der Knaben blieb, wurde aber auch etwas verjüngt. Und die Herren, die bislang silberne und schwarze Krawatten trugen, können sich nun mit hellblauen Seidenkrawatten schmücken. Noch eleganter wird es zu besonderen Anlässen. Dann leuchten die Krawatten nachtblau.

Premiere der „Uniformen“ im Advent

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