merken
PLUS Feuilleton

Halten Gefängnisse, was sie versprechen?

Das Hygiene-Museum Dresden erzählt in seiner neuen Sonderausstellung vom Alltag in Justizvollzugsanstalten. Sind sie sinnvoll oder gibt es bessere Alternativen?

Aufbruch zum Spaziergang
Aufbruch zum Spaziergang © Grégoire Korganow, French Prisons, 2010-2013

Dresden. Mundraub kann das nicht gewesen sein: Drei Monate im Gefängnis absitzen musste ein 22-Jähriger in Frankreich, weil er einen Ziegenkäse gestohlen hatte. Vollstreckt wurde dieses Urteil im Jahr 2016. Dass man für Republikflucht in Haft genommen und/oder des Landes verwiesen wurde, dass Homosexualität mit Freiheitsentzug bestraft wurde, gehört hierzulande und in Europa längst der Geschichte an. Jede Gesellschaft hat ihre eigene Rechtsprechung, ihr eigenes Strafvollzugssystem. Recht und Ordnung müssen geregelt werden, Verstöße gegen diese Regeln werden im Namen des Volkes verurteilt und bestraft. Wir sind es also, die dafür sorgen, dass „unsere“ Gefängnisse nicht leer bleiben. Aber bringt der Freiheitsentzug die erwünschte Resozialisierung? Bekommt ein Häftling, was er verdient? Ist der Mensch mehr wert als seine Taten?

Allein diese Fragen deuten an, welche Widersprüche im Strafvollzugssystem stecken: „Wir entziehen Verbrechern die Freiheit, um sie auf die Freiheit vorzubereiten“, sagt Jens Borchert, der elf Jahre im Knast war. Er hat in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Torgau und in der Jugend-JVA Regis-Breitingen gearbeitet. Jetzt ist er Professor für Kriminologie an der Hochschule Merseburg. Von der neuen Sonderausstellung im Deutschen Hygiene-Museum Dresden, die den Alltag in Gefängnissen entmystifiziert, ist Borchert ebenso angetan wie von dem Führungs- und Veranstaltungsprogramm, das heikle Themen diskutieren, den Dialog befördern und mit Vorurteilen aufräumen will.

Anzeige
Onlineapotheke? StadtApotheken Dresden!
Onlineapotheke? StadtApotheken Dresden!

Wer seine Medikamente gerne bequem und direkt von Zuhause bestellt, muss nicht auf Zuverlässigkeit und kompetente Beratung verzichten. LINDA macht es möglich.

Versteck für ein selbstgebasteltes Handy-Ladegerät.
Versteck für ein selbstgebasteltes Handy-Ladegerät. © Olivier Pasqual

Die Schau, die ab diesem Wochenende zu sehen ist, entstand in Zusammenarbeit mit dem Musée des Confluences in Lyon und dem Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmondmuseum Genf, das über eine erstaunliche Sammlung von Alltagsgegenständen aus Haftanstalten verfügt, die dann doch zeigen, wie die Häftlinge sich ein wenig Individualität schaffen und hinter Gittern ein Stück Freiheit zurückerobern. Da sieht man Zeichnungen von Gefangenen, einen Räuchermann im Sträflingsanzug, hört Musik, die im Knast entstand, und erschrickt über ein Kruzifix als Waffe. Man amüsiert sich über den Schlüssel, mit dem der Dieb Lorentzen 1949 seinen neunten Ausbruch in Angriff nahm, und wundert sich über den Pizzaofen von Jan-Carl Raspe. In dieser runden Keksdose mit Kerze will der RAF-Terrorist in Stuttgart-Stammheim Pizza gebacken haben?! Man glaubt es kaum. Und doch soll dieses Gerät ein vielfach nachgebautes Erfolgsmodell sein – ganz im Gegensatz zum Gefängnis: „Nichts ist so teuer und hat gleichzeitig so geringe Erfolgsquoten wie der Strafvollzug“, sagt in einem Video der Kriminologe Bernd Maelicke. In einem Dokumentarfilm über ein französisches Gefängnis sagt ein Wärter: „Manche kommen schlimmer raus, als sie reingegangen sind.“

Besucher können mit Häftlingen skypen

„Ein Gefängnis ist keine Waschmaschine“, meint auch der Kriminologe Bernd Maelicke und plädiert für „ambulante Behandlungen“. Bei leichten Diebstählen genügt seiner Meinung nach gemeinnützige Arbeit. Moderne JVAs in Deutschland bereiten Häftlinge langfristig auf die Entlassung vor, Bewährungshelfer lernen ihre Klienten nicht erst kennen, wenn sie in Freiheit sind. Wenn der Übergang ins normale Leben gut begleitet wird, bestehe die Chance, dass jeder Zweite ein guter Nachbar, Kollege und sogar ein guter Vater werden kann, so Maelicke. Garantie gebe es nicht.

Doch wer will einen Mörder oder Vergewaltiger zum Nachbarn haben? Diese Frage ist direkt an die Besucher gerichtet. Zu bestimmten Terminen kann man mit Häftlingen skypen. Man kann ihnen per Mail und per Zettelbox im Museum Fragen stellen. Sieben Häftlinge aus Zeithain und Chemnitz wollen regelmäßig darauf antworten. Zu lesen sein wird es auf Monitoren in der Schau und auf der Museumswebsite.

Leibesvisitationen sind notwendig, denn Waffen werden aus allem gebastelt. 
Leibesvisitationen sind notwendig, denn Waffen werden aus allem gebastelt.  © Grégoire Korganow, French Prisons, 2010-2013
Schlüssel des Diebs C. A. Lorentzen, Gefängnis von Horsens 
Schlüssel des Diebs C. A. Lorentzen, Gefängnis von Horsens  © Olivier Pasqual
Jedes Gefängnis hat andere Vorschriften, ob und wie Insassen ihre Zelle gestalten.  
Jedes Gefängnis hat andere Vorschriften, ob und wie Insassen ihre Zelle gestalten.   © Grégoire Korganow, French Prisons, 2010–2013

Auch wenn ein verurteilter Verbrecher mit dem Haftantritt seine zivile Identität und seine Unabhängigkeit abgibt, sind moderne Gefängnisse keine düsteren Kerker. Die Ausstellungsgestalter des Schweizer Büros Holzer Kobler Architekturen haben die Exponate aus dem Alltag der Gefängnisinsassen in orange Käfige gesperrt. Unwillkürlich denkt man an die Häftlingskleidung in Guantanamo. Aber zugleich ist diese Farbe auch ein Hoffnungsschimmer wie der Blick durch die Gitterstäbe nach „draußen“: Auf grünen Wänden werden die historischen, philosophischen, anthropologischen und soziologischen Aspekte der Haft gezeigt, Kunstwerke von Häftlingen, Fotografien und Kunstwerke zum Thema. Wie die wandfüllende Installation von Rodrigue Gombard „Sich von Zeit zu Zeit vergessen“ mit 48 Sanduhren. Umdrehen erlaubt.

„Im Gefängnis. Vom Entzug der Freiheit“ bis 31. Mai 2021 im Deutschen Hygiene-Museum Dresden, Lingnerplatz 1. Geöffnet Di – So und an Feiertagen 10 – 18 Uhr, am 24./25. Dezember und am 1. Januar geschlossen. Begleitpublikation 19,90 Euro.

Mehr zum Thema Feuilleton