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Wie Dresdens Stadtschreiber die Langsamkeit entdeckte

Jetzt wissen wir, was wohnhaft wirklich heißt. Ein Jahresrückblick von Franzobel- mit Schuldgeständnis.

Es muss nicht gleich eine Pilgerfahrt nach Lourdes sein, nur weil der Sohn das Abitur bestanden hat. Da reicht auch ein stilles Gebet in der Dresdner Frauenkirche. Findet der Schriftsteller Franzobel.
Es muss nicht gleich eine Pilgerfahrt nach Lourdes sein, nur weil der Sohn das Abitur bestanden hat. Da reicht auch ein stilles Gebet in der Dresdner Frauenkirche. Findet der Schriftsteller Franzobel. © Ronald Bonß

Von Franzobel

Was in diesem Jahr alles passiert ist? Glamouröse Sportereignisse, böse Politskandale, amouröse Blockbuster? Alles Fehlanzeige.

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Das Jahr 2020 gehört Corona, und ich bin schuld. Ja, ich. Eigentlich meine Freundin, die veranstaltet nämlich zu Silvester stets ein Spiel, bei dem man glückskeksartige Botschaften ziehen muss – jeder nur ein Wort. Und der gezogene Begriff bestimmt dann das jeweilige Jahr. Es sollten nur positive Wörter sein: Weisheit, Kreativität, Allzweckreiniger … Im Jahr zuvor habe ich Eroberung gezogen, prompt den Kern meiner Pflaume geentert und den Roman „Die Eroberung Amerikas“ begonnen. Aber letztes Silvester kam was heraus? Langsamkeit! Jetzt haben wir den Spinat.

Die Welt hat eine Vollbremsung hingelegt. Erstaunlicherweise aber nicht wegen der schwedischen Klima-Jeanne-d’Arc oder aus Angst vor Gletscherschmelzen, was berechtigt wäre, sondern wegen eines Virus, der von Fledermäusen, Schuppentieren oder Frühlingsrollen stammt und einen monarchischen Namen trägt. Corona! Würde er wie ein Nahrungsergänzungsmittel heißen, wäre er nie so populär geworden.

Klopapier wurde zum Luxusgut

Kaum jemand hätte vor einem Jahr gedacht, dass wir so etwas einmal erleben. Auch Aids und 9/11 haben die Gesellschaft verändert, aber Corona? Eine neue Eiszeit! 2020 wird uns nicht wegen einer zerzauselten Fußball-EM in Erinnerung bleiben, nicht wegen spektakulärer Entdeckungen oder Kunstskandale, sondern einzig und alleine wegen dieser Seuche. Wir mussten lernen, Abstriche zu machen, und Abstriche über uns ergehen zu lassen. BDSM mit Infektionsketten. Völlig neue Wörter übernahmen das Kommando: Patient Zero, Superspreader, Prepper, Tracing-App, Triage, vulnerabel …

Anfangs habe ich diesen Vollholler nicht ernst genommen. Im Februar waren wir in Brasilien, das damals einen einzigen Fall hatte, zumindest offiziell. Die Hausarrest-Bilder made in China wirkten völlig surreal, als würde ein Staat erproben, wie weit er gehen kann. Dann kamen die Einschläge näher – Bergamo, Ischgl. Mir war wie in einer Zeichentrickfilmszene zumute, wo jemand einen scharfen Hund aufhetzt und plötzlich merkt, der trennende Zaun ist nicht mehr da.

Nun ging es rasant, von wegen Langsamkeit. Schluss mit Begrüßungsbussis, Handshakes. „Hugs for free“ klang auf einmal sehr bedrohlich, der Tag der Umarmung wurde virtuell gefeiert, und es regnete Babyelefanten, Einkaufswägen. Klopapier, Seife und Germ wurden zu Luxusgütern, und alle redeten bloß noch in Zahlen, oder, wie ein legendärer österreichischer Formel-eins-Kommentator einmal gesagt hat: Die Kurve ist sehr gerade. Und sie ging nach oben. Händewaschen wurde Volkssport und Maskenmacher ein Beruf. Vorbei das Ausblasen der Geburtstagskerzen, wegen der Aerosole – auch so ein zerstäubtes Wort.

Dunning-Kruger-Effekt grassiert

Der Dunning-Kruger-Effekt wurde virulent – alle glaubten, die Wahrheit zu kennen, aber niemand hatte einen blassen Tau. Wahr, wahrer, Wirrwarr. Menschen in Ganzkörperkondomen, Teletubbies-Style, kamen in Mode. Ich habe mir präventiv gleich einen Stoffhund auf Rädern zugelegt, um notfalls die Ausgangssperre austricksen zu können. Die Welt wurde wieder kleiner, Staaten machten ihre Grenzen dicht, schlossen ihre Völker in die selbstgewählte Politik. In Polen hat sich ein Fitnessstudio als Kirche deklariert, und Tschechien forderte einen Korridor für Urlauber ans Mittelmeer. In Spanien wurden die Rollläden heruntergelassen, und Schweden ging den Sonderweg, der auch nirgendwohin führte. Zuletzt wurden in Dänemark fünfzehn Millionen Nerze erschlagen, was man euphemistisch keulen nennt.

Aber es gab auch Positives. Die Pendlerpauschale im Homeoffice etwa oder die Zoomereien in Wohnzimmer der Stars. Nun kennt man die Vorhänge von Mike Jagger oder die Couch von Meryl Streep – überraschend spießig. Jetzt wissen wir, was wohnhaft wirklich heißt. Sich einen hinter die Binde gießen hat seit der Maskenpflicht eine andere Bedeutung, aber bald werden wir ohnehin nur noch mit Strohhalm trinken und mit Pürierstab essen dürfen.

Der Satz des Jahres lautet zweifellos: „Die nächsten zwei Wochen werden entscheidend sein.“ Zeit war lange rar, dank Corona haben die meisten jetzt so viel davon, dass sie nicht mehr wissen, was anfangen. Kleidung bewachen oder Ohrenhaaren beim Wachsen zusehen ist ja keine ausfüllende Beschäftigung. Also Corona-Triathlon: Kochen, Essen, Schlafen. Von wegen Herdimmunität, ich war noch nie so kreativ: Moules et Sprit, Meeresgerüchtepaella, Steinpilzpudel, Tarte Tortellini.

Verdammt lang her

Natürlich gab es auch Nebenschauplätze. Mein Sohn wurde abituriert, und aus Dankbarkeit sollte ich kreuzend nach Lourdes knien. Ob ein kleines Gebet in der Frauenkirche auch genügt? Während ich Dresden erkundete, haben die Amerikaner ihren Donald abgewählt, der oft agiert hat, als wäre seine Kinderschaukel zu nahe an der Mauer gestanden, die er selbst gebaut hat. Gegen Corona hat Trump übrigens Bleichmittel empfohlen, und ein paar, nicht die hellsten Schwäne im Teich, haben das dann auch gegurgelt. Nun wurde Joe Biden von den Wahlmännern zum Nachfolger bestimmt. Gibt es auch Wahlfrauen? Natürlich, die Walküren.

In Minneapolis wurde derweil ein Unschuldiger erstickt, aus den folgenden Antirassismus-Protesten wuchs Black Lives Matter. Alexej Nawalnys Vergiftung hat weniger aufgerührt. Dann flog der Hafen Beiruts in die Luft, Buschbrände bedrohten Australien, brennende Flüchtlingslager Lesbos, und im Iran wurde ein Flugzeug abgeschossen. Auch der Dresdner Kunstraub wurde, nein, nicht aufgeklärt, aber zumindest hat man Verdächtige belehrt. Wie lange ist das alles her? Ewigkeiten. Selbst Wuhan klingt wie eine abgestandene Hühnersuppe aus längst vergangener Zeit.

Franzobel, Schriftsteller aus Österreich, arbeitete ein halbes Jahr lang als Dresdner Stadtschreiber unter anderem an seinem Roman.
Franzobel, Schriftsteller aus Österreich, arbeitete ein halbes Jahr lang als Dresdner Stadtschreiber unter anderem an seinem Roman. © Jürgen Lösel

Zum Glück ist dieses annus horribilis nun bald gegessen. Was 2021 bringen wird? Ich bin überraschungsbereit. Das Schächtelchen meiner Freundin ist gefüllt. Sicher will ich keinen Corona-Roman schreiben oder lesen, keine Metamorphosen des Convid, auch keine Brüder Coronasow oder Liebe in Zeiten von Corona. Dafür erscheint im Januar „Die Eroberung Amerikas“. Im selben Monat bekommt die USA den ersten Präsidenten namens Joe. Es gab schon Jimmy, Bill, Ulysses, Rutherford, Woodrow, Warren, Dwight, und der Vorletzte klang wie ungarischer Marillenbrand. Aber Joe?

Hoffentlich haben wenigstens wir wieder unseren Karl, ist die Eiszeit bald vorbei. Menschen treffen, lieben, kreativ sein, Gesundheit, Geschmack haben und genießen können, das sind die Hauptzutaten für ein kleines Glück. Aber welcher Begriff da jetzt passt? Offenheit wäre gut, vielleicht Beschleunigung. Alles, nur nicht wieder Langsamkeit.

Franzobels neuer Roman „Die Eroberung Amerikas“ erscheint Ende Januar.

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