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Die Euphorie für die Ostrale ist wieder da

Die Dresdner Schneider + Partner GmbH ist Hauptsponsor der Dresdner Ostrale. Dafür wird sie nun mit dem Deutschen Kulturförderpreis geehrt.

Bernd Kugelberg, hier mit Ostrale-Chefin Andrea Hilger, an der Robotron-Kantine, wo am 1. Juli die Ostrale eröffnet wird.
Bernd Kugelberg, hier mit Ostrale-Chefin Andrea Hilger, an der Robotron-Kantine, wo am 1. Juli die Ostrale eröffnet wird. © Jürgen Lösel

Kennst du einen Baumarkt, bei dem wir diese oder jene Materialien günstig beziehen können? Kannst du ein Display in einer bestimmten Größe besorgen? Was ist jetzt eigentlich mit dem Anstellungsvertrag für den Werkstudenten? – Das sind Fragen, die Bernd Kugelberg möglichst gestern noch geklärt haben muss. Wenn die Ostrale Biennale, Dresdens internationale Ausstellung zeitgenössischer Kunst, in die finale Aufbauphase geht, ist der Steuerberater der Mann für alle Fälle, auch Ansprechpartner für Künstler und Kuratoren. Neuerdings kann man ihm hin und wieder in der ehemaligen Robotron-Kantine begegnen. Die Schau wird dort am 1. Juli eröffnet. Die ersten Kunstwerke treffen ein, obwohl die Bauarbeiter noch zugange sind. Wird die Ostrale hier wieder nur für einen Sommer bleiben? Oder wird sie endlich ankommen im Herzen von Dresden?

Bernd Kugelberg ist skeptisch. Dabei könnte es doch so einfach sein: Die Stadt kauft das Gebäude, saniert es niederschwellig, aber so, dass es multifunktional bespielbar ist, übergibt es dem Kunsthaus Dresden und lässt die Ostrale jeden zweiten Sommer beweisen, dass die Barockstadt ein attraktiver Ort für die internationale Szene ist. Kunsthaus- und Ostrale-Team arbeiten dabei Hand in Hand. Diese Vision gefällt Bernd Kugelberg gut, weil das „zarte Pflänzchen Ostrale“ sich mitten in der Stadt gut entwickeln könnte und sich nicht wieder entwurzeln, nicht schon wieder ein Gebäude finden müsste, das mit großem Aufwand erst mal ausstellungstechnisch fit gemacht werden muss.

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„Wir werden in Dresden Raumpioniere genannt“, sagt Kugelberg, und man sieht ihm an, dass er auf solches Lob gern verzichten würde. „Wir sind sehr dankbar, dass die Stadt ihre Zuwendung noch mal erhöht hat und wir dieses Jahr 127.000 Euro bekommen. Doch eine echte Lobby hat die Ostrale in Dresden nicht. Uns ist es auch nicht gelungen, langfristiges Sponsoring einzuwerben“, bedauert er. Das dürfte schwierig bleiben, zumindest so lange, wie die Ostrale keine sichere Raum-Perspektive hat.

Umso mehr freut Kugelberg sich über die Aufmerksamkeit von außen: „Dass wir den Deutschen Kulturförderpreis in der Kategorie Kleine Unternehmen nach Dresden holen können, ist ein gutes Signal.“ Der Kulturkreis der deutschen Wirtschaft und das Handelsblatt vergeben diese undotierte Ehrung in vier Kategorien. 126 Unternehmen hatten sich aktuell mit 132 Projekten beworben. Eine hochkarätig besetzte Jury traf die Auswahl.

Ein Zahlenmensch, der die Kunst liebtv

Kugelbergs Firma, die Dresdner Wirtschaftsprüfer- und Steuerberatergesellschaft Schneider & Partner GmbH, war 2010 mit 500 Euro in die Ostrale-Förderung eingestiegen. „Einfach, weil wir Lust dazu hatten“, erinnert er sich. „Unser Grundsatz lautet: Wir engagieren uns dort, wo wir arbeiten. Aber wir geben nicht nur Geld, sondern bringen uns auch personell ein.“ Schneider & Partner engagieren sich auch im Sport und im sozialen Bereich. In Dresden unterstützen sie die Basketballer der Titans und die Volleyballerinnen des DSC. Sie helfen dem Sonnenstrahl e. V., einem Förderkreis für krebskranke Kinder und Jugendliche. 2011 gründete Kugelberg den Förderverein der Ostrale. Seitdem ist er dort der Schatzmeister. Ein Zahlenmensch, der die Kunst liebt und auch selbst sammelt. „Besseres konnte uns nicht passieren“, sagt Ostrale-Chefin Andrea Hilger und verspricht, zur Vorstandssitzung am Abend Nudeln mit Salat aus dem eigenen Garten, Brat- und Currywurst: „Damit kriege ich sie alle!“ Kugelberg muss schmunzeln und murmelt etwas von Leib- und Magenspeise.

Er stammt aus Bielefeld. Seine Eltern kamen ursprünglich aus Rostock und besuchten mit ihm oft die DDR, vor allem die Verwandten in Bützow. Nach dem Studium arbeitete Kugelberg in München. Kurz nach der Wende war er dort nicht mehr zu halten. „Ich wollte die Aufbruchstimmung im Osten miterleben.“ Zufällig traf er einen früheren Kollegen, Klaus Schneider. „Innerhalb eines Tages haben wir beschlossen, eine eigene Firma zu gründen. Er blieb in München, ich ging nach Dresden und eröffnete am 1. April 1991 unsere Niederlassung mit mir als einzigem Mitarbeiter.“ Schneider & Partner sind gewachsen, haben auch Niederlassungen in Chemnitz und München. „Klaus Schneider und ich gehören nun schon zum Inventar“, meint der 62-Jährige. Seine Frau Christiane, die er seit dem Studium kennt, folgte ihm nach Dresden. Sohn Justus ist ein echter Sachse. Er kam in Dresden zur Welt, machte nach dem Abitur eine Ausbildung zum Rettungssanitäter und studiert jetzt Medizin.

Internationale Kunstausstellung ohne elitären Anspruch

Herausforderungen hat Bernd Kugelberg immer wieder gesucht – und bei der Ostrale vermutlich öfter gefunden, als ihm lieb war. Gleich im ersten Jahr der Zusammenarbeit machte er einen Kassensturz und rettete die Ostrale vor der Insolvenz. Als die Futterställe und Heuböden der denkmalgeschützten Erlweinschlachthöfe baupolizeilich gesperrt wurden und die bereits rabattierte Miete der Messe viel zu teuer war, stand die Ostrale erneut auf der Kippe. „Frustriert fragte ich einen Mandanten, ob er vielleicht ein leer stehendes Gebäude für die Ausstellung hat. Er sagte: ;Klar, habe ich!‘ So kamen wir 2019 in die ehemalige F6-Zigarettenfabrik in Dresden-Striesen.“

Manchmal hat Kugelberg sich schon gesagt: Das machst du jetzt noch einmal, dann ist Schluss. „Aber wenn sich plötzlich eine Tür öffnet, wie die zur Zigarettenfabrik oder nun die zur Robotron-Kantine, dann ist die Euphorie wieder da.“

Zusätzlich motiviert ihn die europäische Dimension der Ostrale Biennale. In den Jahren zwischen den Dresdner Ausstellungen stellen Ostrale-Künstler in einer der aktuellen Kulturhauptstädte aus, 2022 in Kaunas. „Andrea Hilger hat die EU-Förderung ganz furchtlos angenommen“, sagt er. Aber wenn man mit Partnern aus verschiedenen Kulturkreisen zusammenarbeite, bekäme man es mit unterschiedlichen Auffassungen von Pünktlichkeit, Qualität und Zuverlässigkeit zu tun.

So kann es passieren, dass sich der Schatzmeister am Ende des Tages mit den Rechnungsprüfern der EU auseinandersetzen muss. „Für die Ostrale zu arbeiten, ist für mich nicht nur eine Abwechslung vom Büroalltag. Ich helfe gern und freu mich, wenn das Projekt sich weiterentwickelt.“ Was ihn fasziniert: „Dass die Ostrale nicht mit dem Mainstream schwimmt, aber einen ansprechenden Ansatz hat.“ Sein Wunsch: Kunst für alle. Das heißt: Die Ostrale als internationale Kunstausstellung, hochkarätig besetzt, aber ohne den elitären Anspruch, der viele Menschen irritiert.

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